Tagung Schulführung : Schule zwischen Krise und Aufbruch
Schulen müssen längst nicht mehr nur Lehrplananliegen bewältigen. Das Aufgabenfeld wird komplexer und fordert eine gute strukturelle und systemische Führung. Wie diese Herausforderungen bewältigt werden können, will die Tagung Schulführung der PH Zürich unter dem Titel «Schule zwischen Krise und Aufbruch» am 5. November aufzeigen. Fünf Fragen an die Tagungsleitung.
Frank Brückel, Sie arbeiten seit über 16 Jahren in der Schulentwicklung der PH Zürich und leiten zusammen mit Rachel Guerra vom Schulamt Liechtenstein die Tagung Schulführung unter dem Titel «Schule zwischen Krise und Aufbruch». Ist die Schule tatsächlich in einer Krise?
Mit dem zunehmend rasanten gesellschaftlichen Wandel sind in den letzten Jahren tatsächlich viele Themen neu dazugekommen. Auch solche, mit denen wir nicht rechnen konnten und die viel Energie verlangen, etwa die Bewältigung der Covid-19-Pandemie. Bewährte Muster aus früheren Tagen, zum Beispiel homogene Klassen, für die nur eine Lehrperson zuständig ist, gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Schule reagiert ja letztlich immer auf gesellschaftliche Veränderungen. Also ist es logisch, dass wenn gesellschaftlicher Umbruch stattfindet, das auch die Schule trifft. Sie muss reagieren, um ihren Aufgaben – Kinder und Jugendliche auf das Leben vorzubereiten – gerecht zu werden. Viele Themen spielen hier rein: die allumfassende Digitalität, das Bedürfnis, Arbeit und Familienleben zu kombinieren, oder eine Gesellschaft, die Chancengerechtigkeit für alle anstrebt.
Rachel Guerra, Sie leiten das Schulamt Liechtenstein. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit für die Tagung? Wie gleichen sich die Themen an Schulen in Liechtenstein und der Schweiz?
Wir sind schon seit vielen Jahren in engem Austausch und hatten bereits mehrere Kooperationsprojekte. Der Dialog darüber, welche Herausforderungen auf uns als Gesellschaft und damit die Schule zukommen und wie man diesen begegnen kann, bereichert uns alle. In den letzten Monaten wurde das Bedürfnis, ausgewählte und aktuelle Fragen aufzugreifen und mit anderen zu diskutieren, immer wieder an uns herangetragen. Obwohl das Fürstentum viel kleiner ist als die Schweiz, sind die Themen praktisch identisch. Wir haben aber kürzere Wege, kennen uns besser, können manchmal vielleicht schneller agieren und sind als Behörde in sehr engem Kontakt mit unseren Schulen.
Wie kann den Herausforderungen begegnet werden?
Frank Brückel: Die wirksamste Strategie ist aus meiner Sicht eine gelingende Zusammenarbeit, nicht nur im Lehrpersonenteam, sondern in der gesamten Verantwortlichkeitsbreite – von den Schüler:innen über die Klassenassistenzen bis zur Bildungspolitik. Hier orte ich noch Luft nach oben. Darüber hinaus wünsche ich mir in den Teams, aber auch zwischen Schulen und Ämtern einen intensiven Austausch darüber, wie dem rasanten Wandel begegnet werden kann. Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen dabei nicht.
Rachel Guerra: Wir versuchen, den engen Kontakt zu unseren Schulen zu nutzen und sie gezielt dort zu unterstützen, wo sie uns den grössten Bedarf melden. Zurzeit läuft zum Beispiel im Zuge der Einführung des neuen Lehrplans ein grosses Projekt zum digitalen Wandel, bei dem wir an verschiedenen Schulen Initiativen ausprobieren, die aus den Schulen kommen.
«Schule zwischen Krise und Aufbruch» – welchen Aufbruch nehmen Sie wahr?
Rachel Guerra: Schule ist grundsätzlich immer in Bewegung, sie muss dynamisch bleiben, wenn sie wirklich auf das Leben vorbereiten will. Ich nehme den Aufbruch an vielen Stellen wahr: bei den Schulleitungen und Schulteams, die sich jeden Tag an unseren Schulen engagieren, in unserem Amt, wo die Mitarbeitenden intensiv daran arbeiten, die bestmögliche Unterstützung zu bieten, oder bei den Schülerinnen und Schülern, die mehrheitlich gerne zur Schule kommen.
Frank Brückel: Ich nehme das genauso wahr. Wir haben sehr viele Lehrpersonen, Heilpädagog:innen, Schulsozialarbeiter:innen, Betreuer:innen und andere Fachpersonen, aber auch Assistent:innen oder Zivildienstleistende, die Verantwortung übernehmen und sich engagieren. Hierbei spielen die Schulleitungen eine zentrale Rolle. Sie erarbeiten mit ihren Teams passende Lösungen und gestalten die laufenden und kommenden Entwicklungen. Und – das sollte nicht vergessen werden – auch Schulbehörden und Schulpflegen arbeiten professionell und geben ihr Bestes. Ich bin überzeugt, die komplexen Aufgaben der Gegenwart und erst recht der Zukunft können wir nur miteinander bewältigen. In den Teams, aber auch in Zusammenarbeit zwischen Schulen und Behörden. Dieser Aufbruch ist im Gange.
Sind die Schulen denn parat für neue Wege oder was brauchen sie?
Frank Brückel: Jede kleine oder auch grössere Krise ist eine Chance, zu wachsen. Wir können uns und unser Umfeld weiterentwickeln. Die Aufgabe heute ist es, das anzuerkennen und neue Lösungsansätze zuzulassen. Das braucht oft ein Umdenken, die Bereitschaft von allen Beteiligten – und damit meine ich wirklich alle Funktionsgruppen, die Bildung mitgestalten –, sich miteinander auf ein Vorgehen zu einigen, gemeinsam Lösungen zu besprechen und unter Berücksichtigung der verschiedenen Perspektiven den bestmöglichen Weg einzuschlagen.


