Psychische Gesundheit : Psychische Krisen bei Mädchen nehmen zu

Die Zahl der Hospitalisierungen wegen psychischer Störungen bei jungen Menschen stieg 2021 gemäss einer aktuellen BFS-Studie stark an. Eine Einordnung von Psychotherapeutin Flavia Schmidli.

Mittwoch, 21. Dezember 2022

Die psychischen Belastungen bei Jugendlichen nahmen 2021 massiv zu. Am stärksten betroffen waren Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren. Sie beanspruchten psychiatrische Leistungen 52 Prozent häufiger als im Vorjahr. Das Bundesamt für Statistik (BFS) führt die Entwicklung in einer aktuellen Analyse hauptsächlich auf die besonderen Umstände im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Massnahmen zurück.

Bei den in der Psychiatrie hospitalisierten Mädchen und jungen Frauen sind 2021 35 Prozent auf affektive Störungen wie Depressionen oder Manien zurückzuführen, gefolgt von sonstigen psychischen Verhaltensstörungen (33 Prozent) und neurotischen Störungen (21 Prozent). Bei den Jungen und jungen Männern sind es in 23 Prozent der Fälle affektive Störungen. Diese Diagnose lag erstmals vor den psychischen Störungen durch psychotrope Substanzen (21 Prozent der Fälle). 22 Prozent der Hospitalisierungen waren auf andere psychische Störungen zurückzuführen.

Flavia Schmidli ordnet die Ergebnissen der Studie ein. Die Psychotherapeutin lehrt im Rahmen des CAS Coaching und Lernen mit Jugendlichen an der PH Zürich als Expertin für psychische Krisen bei Jugendlichen.

Flavia Schmidli, wie schätzen Sie die Ergebnisse der BFS-Studie ein?
Wir beobachten seit zehn Jahren eine steigende Tendenz von psychiatrischen Behandlungen bei jungen Menschen. Von 2018 bis 2021 habe ich auf der Akutstation der Jugendpsychiatrie in Bern gearbeitet und da den massiven Anstieg nach dem Lockdown persönlich miterlebt. Wir mussten zum Teil Betten für Patient:innen draussen im Gang platzieren. Und wie ich jetzt gehört habe, sind die Fälle in der Jugendpsychiatrie nach wie vor steigend. Eigentlich hat mich nur überrascht, dass in der BFS-Studie der Anteil der männlichen Patienten gegenüber den weiblichen Patienten doch so viel tiefer ist. Die gleiche Entwicklung zeigen übrigens auch Studien aus Deutschland.

Wie erklären Sie sich diesen Unterschied zwischen den männlichen und weiblichen Patienten?
Weiblich sozialisierte Menschen reagieren auf Belastungen meist internalisierend. Das beginnt bei Selbstabwertungen und Selbsthass und geht bis hin zu Selbstverletzungen und Depressionen. Bei den Jungen und jungen Männern ist die Reaktion eher nach aussen gerichtet. Sie sehen die Schuld tendenziell bei anderen, was sich in Aggression oder Gewalt äussern kann. Oder es geht in Richtung Selbstmedikation durch Betäubungsmittel oder Ablenkungsmechanismen wie Games.

Worauf führen Sie den massiven Anstieg von psychischen Störungen bei den Mädchen und jungen Frauen zurück?
Die Identitätsentwicklung und Autonomie wurde während der Corona-Zeit massiv beeinträchtigt. Beziehungen, der Austausch unter Gleichgesinnten sowie die Orientierung nach aussen haben darunter gelitten. Dabei habe ich den Eindruck, dass für junge Frauen der soziale Vergleich wichtiger ist. Dieser fand während Corona nicht mehr real, sondern digital statt. Da ist man konfrontiert mit stark idealisierten Bildern, die der Realität nicht entsprechen. Diese einseitige Konfrontation mit Idealwelten auf Social Media über eine längere Zeitspanne hinweg scheint sich psychisch bei den Mädchen und jungen Frauen stärker ausgewirkt zu haben. Darum ist auch ein Anstieg bei den Essstörungen zu verzeichnen.

Welche Rolle spielt dabei das Schulumfeld? Was wären mögliche Unterstützungsmassnahmen?
Corona hat gezeigt, dass die Jugendlichen am meisten unter der Krise gelitten haben. Meiner Meinung nach sollte die Politik in Zukunft die Schulen dabei unterstützen, dass sie in einer vergleichbaren Krise offen bleiben und den Schulbetrieb aufrechterhalten können. Heute leiden viele Jugendliche zudem unter dem Leistungsdruck, was allerdings schon vor Corona der Fall war. Hier braucht es eine noch stärkere Kompetenzorientierung. Der Umgang mit Stress, mit eigenen Schwächen und emotionalen Krisen sowie neue Lernstrategien sollten in der Schule noch stärker thematisiert werden. Themen wie psychische Gesundheit könnten in den Lernplan integriert werden. Die Investition in ein mobbingfreies Klima lohnt sich schliesslich für alle.

Was empfehlen Sie Lehrpersonen? Wie können diese für psychische Belastungen bei Schüler:innen sensibilisiert werden?
Es gilt primär zu unterscheiden, was pubertär und was eine Entwicklung ist, die in Richtung einer psychischen Störung geht. Hier gibt es Frühwarnsignale. Diese zeigen sich zum Beispiel darin, dass Schüler:innen über längere Zeit zu spät in die Schule kommen, sich immer wieder Vergesslichkeit bei den Aufgaben oder Lustlosigkeit einstellt. Signale sind auch Aussagen, dass alles keinen Sinn hat, oder häufige Bauch- oder Kopfschmerzen. Hier scheint es mir wichtig, das nicht nur zu erkennen, sondern die Betroffenen auch direkt anzusprechen. Das braucht Mut. Vor allem, weil auch die Eltern miteinbezogen werden müssen. Dabei sollten Gespräche nicht wertend sein, sondern im Vertrauen gestaltet werden. So kann eine Lehrperson für junge Menschen, die sich in einer Lebenskrise befinden, eine tragende Stütze sein.

Angebote der PH Zürich mit Flavia Schmidli

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