FOKUS CHANCENGERECHTIGKEITAusgabe 3/2025 : Vielfalt leben – mit Geduld, Teamarbeit und guten Beziehungen

Lia* hat am Knabenschiessen Raclette gegessen und ist auf einer schnellen, rotierenden Bahn gefahren, die sie nun zu beschreiben versucht. Auch Zeynab hat sich an der Chilbi vergnügt und dort eine Zuckerwatte genossen. Amel dagegen hat den freien Montag im Hort verbracht und draussen gespielt. Kurz nach halb acht Uhr sitzen sechs Drittklässlerinnen und Drittklässler des Zürcher Schulhauses Sihlweid mit ihrer Lehrerin Julia Spota im Halbkreis und erzählen vom verlängerten Wochenende. Derweil turnt Luca auf seinem Stuhl herum und lässt sich zwischendurch auf den Boden fallen. Als die anderen später in ihren Schreibheften arbeiten, kriecht Luca auf allen vieren durch das Klassenzimmer und springt auf die Pulte hinauf. Die anderen beachten ihn kaum. Julia Spota geht von Kind zu Kind, unterstützt da und dort ein wenig, und als Luca etwas zur Ruhe kommt, setzt sie sich einige Minuten zu ihm und löst mit ihm ein paar Aufgaben.
Vielfalt mit Geduld begegnen
Sihl ist das Leistungsniveau sehr breit gestreut. Viele sprechen zu Hause kein Deutsch, einige nehmen am Begabtenförderprogramm teil und in Spotas Klasse haben zwei einen ISR-Status (Integrierte Sonderschulung in der Regelschule). Dies bedeutet, dass sie heilpädagogische Unterstützung erhalten und nicht die gleichen Lernziele haben wie die anderen Kinder. Primarlehrerin Julia Spota arbeitet seit rund einem Jahr hier. «Es braucht viel Geduld. Wir leisten auch Erziehungsarbeit», sagt die 28-Jährige. Einige Kinder hätten zu Hause nur wenig Struktur. Im Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern versuche sie, stets gelassen zu bleiben und die Betreffenden immer wieder zum Arbeiten zu ermuntern. «Laut werden oder bestrafen bringt meist sowieso nichts.» Für das Schulhaus habe sie sich unter anderem wegen des jungen, engagierten Teams entschieden, erzählt die Lehrerin aus Deutschland. «Ich lerne viel hier und habe das Gefühl, etwas bewirken zu können.» Ihr Ziel sei es, dass die Kinder gerne in die Schule kommen. Viele seien sehr lernbereit und begeisterungsfähig.
Während Spota mit der halben Klasse Deutsch lernt, geht die andere Hälfte mit der Klassenassistentin Esther Ruiz de Molina in die geräumige und gut bestückte Bibliothek. Die Kinder haben sich Bilderbücher ausgesucht und es sich in Sitzsäcken bequem gemacht. Zwei Mädchen lesen sich abwechslungsweise Satz für Satz aus einer Geschichte vor, während sich ein Junge in einen Asterix-Comic vertieft. Am Schluss dürfen die Kinder noch «Spick»- oder «Geolino»-Hefte für zu Hause aussuchen.
Die Schule Sihlweid hat für mehr Chancengerechtigkeit die Leistungsbeurteilung als Schwerpunkt definiert.
Nach der Pause wechselt Ruiz de Molina mit ihrer Gruppe ins Textile und Technische Gestalten, wo sie TTG-Lehrer Thomas Stratopoulos unterstützt. Die Kinder arbeiten an ihren farbigen Schuhen aus Zeitungen und Kleister weiter, die sie bereits in den letzten Lektionen hergestellt haben. Die meisten können bereits mit dem Dekorieren beginnen: Aus Moosgummi schneiden sie Verzierungen aus und kleben sie auf. Rico ist noch nicht so weit. Die Klassenassistentin hat sich neben ihn gesetzt und zeigt ihm nochmals, wie er das farbige Seidenpapier in Fetzen reissen und mit Kleister am Schuh festkleben soll. Währenddessen ist Quinn zur Legowand gegangen, wo er mit Legosteinen ein Muster legt. Nach einer Weile holt ihn die Klassenassistentin zurück an die Arbeit: «Jetzt hast du genug Pause gemacht, Quinn», sagt sie. Maria hingegen ist bereits fertig mit ihren Schuhen und beginnt, eine Schuhschachtel farbig anzumalen.
Gerechte Beurteilung als Ziel
Die Primarschule Sihlweid ist seit 2022 eine Quims-Schule. Das Programm gewährt Schulen mit vielen fremdsprachigen, zugewanderten und sozial benachteiligten Familien zusätzliche fachliche und finanzielle Mittel. Dies sei eine grosse Chance, sagt Shkumbin Dehari. Der 36-Jährige hat bis letztes Schuljahr als Klassenlehrer und Quims-Beauftragter gearbeitet und ist seit diesem Sommer Schulleiter.


Ein wichtiger Ansatz für mehr Chancengerechtigkeit sei die Beurteilung, sagt Dehari. «Es ist erwiesen, dass Kinder mit ausländischem Hintergrund prinzipiell schlechter bewertet werden als Schweizer Kinder.» Im Rahmen einer schulinternen Weiterbildung der PH Zürich hat sich das Team deshalb mit der eigenen Wahrnehmung und blinden Flecken auseinandergesetzt. Anlässlich des jährlichen Schreibanlasses aller Mittelstufenklassen diskutierten die Lehrpersonen, wie Gleiches gleich bewertet werden kann. Für den Deutschunterricht haben sie sogenannte Ankertexte entwickelt, die einen Massstab für einen guten Text setzen. Zuschreibungen aufgrund sozialer Herkunft kennt Shkumbin Dehari aus eigener Erfahrung. Der Sohn albanischer Eltern aus Mazedonien ist in der Innerschweiz aufgewachsen. «Bis zur 5. Klasse war ich selbst ein DaZ-Kind», erzählt er. Die Herausforderungen dieser Familien verstehe er deshalb sehr gut. «Meine eigene Migrationsgeschichte ist in der Schule eine grosse Bereicherung.» Umso wichtiger ist ihm nun, dass sich an seiner Schule alle zugehörig fühlen. Für die Bibliothek habe man zum Beispiel Bücher angeschafft, welche der Diversität der Schülerinnen und Schüler Rechnung tragen. Ein weiteres Projekt zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit sind die Rucksäcke mit Lese- und Bastelmaterialien, die Kindergartenkinder für einige Wochen mit nach Hause nehmen dürfen. «Nicht alle nutzen diese gleich oft, doch das gibt uns wichtige Hinweise für Elterngespräche», erklärt Dehari. Weiter bietet die Schule das Elterncafé Sihlvida an, in dem sich Eltern austauschen können. Weil es wenig besucht wurde, findet es unterdessen an den obligatorischen Elternabenden statt. Neu will das Team auch das Projekt «zämme läse» einführen, bei dem Senior:innen mit Kindern in der Freizeit Bücher lesen. Bereits hätten sich diverse Ehrenamtliche gemeldet, freut sich Dehari. Um sich mit anderen Quims-Schulen zu vernetzen, hat er zudem die Website Quimsbox.ch aufgegleist.
Beziehung ermöglicht Lernen
Nach der Zehnuhrpause steht Englisch auf dem Stundenplan. Julia Spota und Gaby Padlina arbeiten bis am Mittag im Teamteaching mit der ganzen Klasse. Weil die Heilpädagogin nicht da ist, betreut Klassenassistentin Ruiz de Molina die beiden ISR-Kinder auf dem Korridor. An einem Tisch versucht sie, mit ihnen Arbeitsblätter auszufüllen. Doch die beiden stehen immer wieder auf und turnen an den Geländern herum. Die in Spanien ausgebildete Lehrerin muss die beiden immer wieder zurückholen. Anstrengend sei das, räumt sie ein. Doch sie habe eine gute Beziehung zu den beiden, weil sie sie bereits seit dem Kindergarten kenne. Mit fünf Lektionen war es ein langer Morgen für die Acht- bis Neunjährigen. Nach dem Lied «The trees are in the wood, the mouse is in the wood …» stürmen die Kinder zum Zimmer hinaus. Der quirlige Luca verabschiedet die Klassenassistentin mit einer flüchtigen Umarmung.


Für die Lehrpersonen geht es bereits um 13 Uhr weiter. An diesem Mittwochnachmittag findet die Entwicklungs-Teamsitzung zur Pflege der multiprofessionellen Zusammenarbeit statt. Caroline Görtz vom schulpsychologischen Dienst hält ein Input-Referat zum Thema Wirklichkeitskonstruktion, gefolgt von Tanja Werner vom Fachbereich Sonderpädagogik, welche die Unterstützungsangebote erläutert. «Es ist wichtig, dass ihr Hilfe holt, bevor ihr an die Grenze kommt», betont die Fachbereichsleiterin. Schulleiter Dehari ermutigt die Lehrpersonen, die internen und externen Angebote zu nutzen. Denn für eine gute Schule brauche es ein ganzes Team, betont er. «Alleine in unseren Klassenzimmern schaffen wir das nicht.»
* alle Namen der Kinder geändert


