FOKUS CHANCENGERECHTIGKEITAusgabe 3/2025 : «Das Bildungs­sys­tem ver­lässt sich darauf, dass El­tern ihre Kinder un­ter­stüt­zen»

Mehr Chancengerechtigkeit für benachteiligte Kinder, dafür setzt sich der Verein Allianz Chance+ ein. Präsident Jürg Schoch wünscht sich, dass Bildung für hiesige Jugendliche nicht mehr rationiert wird – und Kinder mit Potenzial nicht an Quoten scheitern.

Text: Natalie Avanzino, Fotos: Nelly Rodriguez

Porträtbild von Jürg Schoch
Jürg Schoch: «Auch kleine Massnahmen gegen Bildungsungerechtigkeit können viel bewirken.»
Jürg Schoch, Sie haben sich der Bildungsförderung begabter junger Menschen aus sozioökonomisch bescheidenen Verhältnissen und insbesondere mit fremdsprachigem Hintergrund verschrieben. Gleichzeitig waren Sie 30 Jahre Rektor am privat finanzierten Gymnasium Unterstrass in Zürich. Wie passt dies zusammen?
Das passt perfekt. Früher unterstützte die Vorgängerinstitution – das ehemalige Lehrerseminar Unterstrass – wenig privilegierte junge Menschen aus abgelegenen Gemeinden. Heute brauchen Jugendliche mit Migrationsgeschichte und aus prekären Verhältnissen diese Förderung. So hat ein Jugendlicher, dessen Familie beispielsweise aus dem Kosovo immigriert ist, im Vergleich zu einem Schweizer Mädchen bei gleichen Noten eine vier bis sechs Mal schlechtere Chance auf einen vergleichbaren Bildungsverlauf.
Um solche Ungerechtigkeiten aufzufangen, haben Sie 2008 das Programm ChagALL – Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn – mitinitiiert. Wie kam es dazu?
Seit Jahrzehnten waren diese Bildungsbenachteiligungen bekannt. Wir fragten uns am Gymnasium Unterstrass: Was können wir beitragen, um diese Ungerechtigkeit zu durchbrechen? Dies führte zur Lancierung von ChagALL: Seit 2008 unterstützen Gymnasial- und Sekundarlehrpersonen jedes Jahr rund 24 begabte junge Menschen unentgeltlich in der Vorbereitung für anspruchsvolle Aufnahmeprüfungen an Gymnasien, Fachmittelschulen oder für die Aufnahme an Berufsmaturitätsschulen. ChagALL – oder andere ähnliche Programme – ersetzen also für eine gewisse Zeit ein bildungsbürgerliches oder ‑affines Elternhaus. Denn unser Bildungssystem verlässt sich darauf, dass Eltern ihre Kinder unterstützen. Bei diesen Jugendlichen sind die Familien nicht in der Lage, zu helfen – aus sprachlichen oder zeitlichen Gründen und weil ihnen der Bildungszugang nicht zur Verfügung steht.
Der Zürcher Kantonsrat hat 2025 erstmals den Zukunftspreis verliehen, der Ideen für ein Zürich von morgen würdigt. Das Programm ChagALL erhielt eine Auszeichnung.
Natürlich haben wir uns sehr gefreut, den ersten Zukunftspreis zu erhalten! Mit ChagALL konnten wir über die Jahre bereits über 400 Jugendliche begleiten und sie in ihren Ambitionen unterstützen. Viele konnten so ihr schulisches und anschliessend ihr berufliches Potenzial entfalten, was für sie ohne zusätzliche Lerngelegenheiten schwierig gewesen wäre. Dem Gymnasium Unterstrass ist es gelungen, dieses enorme Engagement mit kompetenten Lehrpersonen über lange Zeit zu erbringen und die Finanzierung, die nur zu einem sehr geringen Teil durch den Kanton erfolgte, über Stiftungen und Sponsor:innen zu sichern.
Verschiedene Schulen haben nach dem Vorbild von ChagALL zwischenzeitlich ähnliche Programme aufgebaut.
In der Deutschschweiz gibt es aktuell fünfzehn Programme, die Jugendliche aus prekären Verhältnissen, aber mit schulischem Potenzial unterstützen. Positiv ist, dass die Programme in gewissen Kantonen sehr gute kantonale Finanzierung erhalten, namentlich im Kanton Aargau, wo es unterdessen vier vergleichbare Projekte gibt. Zudem ist das Thema im Bewusstsein von politischen Akteur:innen nun breiter verankert, so findet es Eingang in amtliche Dokumente wie aktuell ins neue Maturitätsanerkennungsreglement.
Wo muss eine Schule ansetzen, um Bildungsbenachteiligungen zu reduzieren?
Schulen sollen implementieren, was sich als wirksam erwiesen hat: individualisierter und differenzierter Unterricht sowie gezielte Zusatzangebote. Lehrpersonen müssen genau hinschauen: Wer hat welches Potenzial? Welches sind die weniger privilegierten Schüler:innen? Welche Eltern kennen das Bildungssystem nicht? Schulleitungen müssen eine gute Lernkultur etablieren und hinter diesem Engagement stehen. Und sie müssen die jeweiligen Handlungsansätze je nach Schulprofil in der jeweiligen Gemeinde oder im Quartier definieren: Sind wir eine Schule mit vielen Schüler:innen aus bildungssystemfernen Familien oder sind wir eine multikulturelle Schule mit einem hohen Anteil an Kindern aus bildungsnahen Familien? Zu diesem Zweck entwickelt die Allianz Chance+ aktuell zusammen mit dem Forschungs- und Beratungsunternehmen Ville Juste das Instrument Chancenindex, das ab Sommer 2026 allen Schulen unentgeltlich zur Verfügung steht.
Was wird dieser Chancenindex können?
Der Chancenindex soll Schulen helfen, zu erkennen, wie chancengerecht sie unterwegs sind. In diesem kostenlosen Online-Tool können für eine Schuleinheit oder eine Schulgemeinde die möglichen Bildungsbenachteiligungen aufgrund von Geschlecht, Fremdsprachigkeit und sozialem Status erfasst werden. Der Chancenindex beantwortet Fragen wie beispielsweise welchen Schüler:innen gewähren wir aufgrund ihres Hintergrunds Lehrplananpassungen? Welche Jugendlichen werden mit welchen Voraussetzungen in die Sek A, B oder C eingeteilt? Mit den Informationen erstellt der Chancenindex gut visualisierte Ergebnisdarstellungen, die dann die Basis für eine teaminterne Interpretation bilden. Dies ermöglicht den Einbau von Massnahmen gegen Bildungsbenachteiligungen in die laufenden eigenen Unterrichts- und Schulentwicklungsprozesse. Um anzufangen, braucht es aber nicht immer ein aufwendiges Konzept, auch kleine Massnahmen können viel bewirken.
Haben Sie ein konkretes Beispiel für eine praktikable Massnahme?
Ein unkompliziertes Best-Practice-Beispiel aus der Praxis sind personalisierte Klapp-Mitteilungen. Die Lehrperson schreibt den Eltern einmal pro Quartal eine positive Rückmeldung zu den Leistungen des Kindes. Dies zeigt Wirkung und legt den Boden für eine gute Zusammenarbeit. Lehrpersonen wissen nur zu gut: Geht man erst auf die Eltern zu, wenn es nicht optimal läuft, wird es häufig schwierig. Eltern brauchen eine gewisse Vertrautheit mit der Schule und den Lehrpersonen – und nicht nur Kenntnisse des Systems.
Schulische Diskriminierungen sind aber auch strukturell und institutionell verankert.
Bildungsbenachteiligungen entstehen auf mindestens fünf Ebenen: Übergeordnet ist die Schule ein Teil der Gesellschaft und bildet die entsprechenden Werte ab. Die Strukturen sind im Schulsystem angesiedelt. Darunter steht die Schuleinheit, die das Thema Chancengerechtigkeit im Schulprogramm verankern muss. Als einzelne Lehrperson habe ich die Aufgabe, individualisiert und adaptiv zu unterrichten, um alle Kinder besser zu fördern. Und auch zu sehen, inwieweit die familiäre Situation die Schüler:in beeinflusst. Manche Eltern haben weniger Möglichkeiten, zu partizipieren, und aufgrund ihrer Herkunft oder auch kognitiv mehr Schwierigkeiten, sich der Schule anzunähern. Hier ist eine intensive Elternarbeit wichtig und es braucht Lehrpersonen, die Brücken schlagen können. Wir sehen leider an den Pädagogischen Hochschulen immer noch wenig Studierende mit Migrationshintergrund. Es braucht ein adäquates Abbild der Gesellschaft, damit sich an unseren Schulen alle Bevölkerungsgruppen repräsentiert fühlen.
Was kann jede einzelne Lehrperson zur Chancengerechtigkeit beitragen?
Da sind wir vor allem auch beim Mindset. Als Lehrperson muss ich meine Schüler:innen durch eine imaginäre Zukunftsbrille anschauen und mich fragen: Was kann dieses Kind vielleicht erreichen, wo sehe ich seine Entwicklungsmöglichkeiten? Danach kommt die Frage der Umsetzung: Wie setze ich als Lehrperson dies didaktisch um? Daraus abgeleitet, kann ich als Lehrperson Leistungserwartungen an dieses Kind stellen und auch das entsprechende Engagement einfordern – beim Kind und auch bei den Eltern. Von Jugendlichen, die das ChagALL-Programm absolviert haben, hören wir häufig: Es war so streng, aber ihr habt an mich geglaubt! Im Bildungswesen kennen wir dies unter dem Begriff «significant person». Jedes Kind braucht eine Person, die an sein Potenzial glaubt. Dies kann die Lehrperson sein oder jemand aus dem privaten Umfeld. Gleichzeitig müssen wir aber auch die einzelnen Lehrpersonen entlasten: Schule hat geschätzt rund 20 Prozent Einfluss auf die Bildungsbiografie eines Kindes. Für diesen Fünftel lohnt es sich allerdings, grosse Anstrengungen zu unternehmen. Aber wir können nicht den familiären Hintergrund verändern, denn in vielen Bereichen sind die Weichen bereits bei der Einschulung gestellt.
Dieses Gespräch hätten wir bereits vor 10 oder 20 Jahren ganz ähnlich führen können. Chancengerechtigkeit ist ein bildungspolitischer Dauerbrenner. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Eigentlich braucht es keine weitere bildungssoziologische Forschung. Wir wissen alles und müssten jetzt einfach entsprechend handeln. Was die Bildung braucht, ist vor allem politischer Wille, etwas zu ändern. Denn die Ressourcen an Schulen sind knapp und neue Programme müssen finanziert werden. Gleichzeitig herrscht im Bildungswesen Fachkräftemangel. Zudem wünschte ich mir, dass unsere Gesellschaft es nicht zulässt, dass rund ein Viertel der Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit in Mathematik und Deutsch die Grundanforderungen nicht erfüllt. Und ich möchte, dass diejenigen, die Potenzial haben, dieses auch entfalten können und nicht Quoten den Zugang zu Gymnasien beschränken. Die Schweiz setzt ihre Jugendlichen auf Bildungsdiät. Dies können wir uns mit der zunehmenden Komplexität der Welt nicht leisten. Bildung darf nicht rationiert werden – schon gar nicht in Zeiten von Herausforderungen, wie sie mit der Digitalisierung an uns herangetreten sind.

Jürg Schoch

Jürg Schochs Eltern haben Kinder- und Jugendheime geleitet, er hatte also ständig 30 bis 40 temporäre Geschwister, wie er es nennt. 1955 in Basel geboren, verbrachte er seine Schulzeit in Wädenswil und Winterthur, wo er das Langgymnasium Rychenberg besuchte. Als nach der Matur ein geplantes Zwischenjahr in Australien nicht zustande kam, entschied er sich kurzfristig für eine Ausbildung zum Sekundarlehrer. Später studierte er an der Universität Zürich Pädagogik, Angewandte Psychologie und Kirchengeschichte und doktorierte zum Thema «Personalfluktuation in Heimen». Bereits mit 34 Jahren wurde er als Rektor des damaligen Seminars Unterstrass in Zürich gewählt und leitete dieses bis zu seiner Pensionierung. Jürg Schoch lebt in Winterthur und hat drei erwachsene Kinder.