Welttag der Bildung : Transkulturelles Lernen fördern
Das Motto des internationalen Bildungstages 2023 heisst «In Menschen investieren, Bildung in den Vordergrund stellen». Der Welttag der Bildung wurde im Dezember 2018 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen. Im Interview spricht PHZH-Dozent Samir Boulos über die Bildungsziele der Vereinten Nationen und darüber, wie diese mit dem von ihm geleiteten Projekt Peer Exchange Network in Teacher Education (PEER-Net) zusammenhängen.
Samir Boulos, in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen ist festgehalten, dass bis ins Jahr 2030 allen Menschen die Chance auf lebenslanges Lernen und eine inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung gewährt werden soll. Wie unterstützt das Peer-Net-Projekt dieses grosse Ziel?
Wir sollten festhalten, dass die gesamte PH Zürich die Vereinten Nationen beim Erreichen der Ziele der Agenda 2030 unterstützt. Das Projekt PEER-Net sodann fördert das gegenseitige Lernen zwischen Dozierenden und Studierenden von Pädagogischen Hochschulen in Albanien, Ägypten, Kosovo, der Schweiz und Tunesien. Wir stärken durch dieses internationale Projekt die Qualität der Bildung in allen beteiligten Ländern, also auch in sogenannten Schwellenländern. Die Förderung der Bildungsqualität ist eines der Ziele der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Ausserdem eröffnet PEER-Net den Studierenden aus nicht so wohlhabenden Ländern die Möglichkeit, mobil zu sein und in die Schweiz zu reisen. Für viele Schweizer Studierende ist Mobilität eine Möglichkeit, ihr Studium zu bereichern. Nicht wenige der Studierenden aus den Partnerländern können aus finanziellen Gründen oder wegen Visumsbeschränkungen nicht ohne Weiteres in den Genuss eines Austauschs kommen.
Können Sie das Projekt etwas genauer beschreiben?
Der Kern des PEER-Net-Projekts ist die gemeinsame Lehre: Je ein Dozierender aus der Schweiz und aus einem am Projekt beteiligten Land unterrichten gemeinsam ein Modul. Dieses wird von den Studierenden beider Länder besucht. Dazu sind gegenseitige Besuche notwendig. Durch diesen länderübergreifenden Unterricht lernen die Teilnehmenden verschiedene akademische Traditionen und Bildungssysteme kennen. Wichtig ist auch eine bewusste Reflexion darüber, was sie gelernt und erlebt haben.
Warum ist das gemeinsame Lernen in einem internationalen Kontext so wichtig?
Die Studierenden und Lehrenden erlangen durch die gemeinsame Arbeit und den formellen und informellen Austausch ein stärkeres Bewusstsein dafür, wie sehr das Lernen von kulturellen und sozialen Kontexten beeinflusst wird. Diese Einsichten helfen, sowohl die eigene als auch andere Lernkulturen besser zu verstehen und kritisch zu hinterfragen. Beim Austausch lernt man immer Neues und entdeckt Bekanntes in einem anderen Kontext. Das erweitert den Horizont und fördert den Innovationsgeist.
Können Sie ein konkretes Beispiel geben, was für Einsichten durch diesen akademischen Austausch gewonnen wurden?
Spontan kommt mir eine tunesische Kollegin in den Sinn. Sie war Direktorin einer Ausbildungsinstitution für Primarlehrpersonen, die zur Universität Tunis gehört. Im Rahmen des akademischen Austauschprojekts Swiss North African Academic Network (SINAN) besuchten sie und einige ihrer Kolleg:innen das Atelier Basiskompetenzen für die Primarstufe an der PH Zürich. Die tunesischen Besucher:innen waren eher befremdet, dass Primarschüler:innen mit Werkzeugen arbeiten sollten, mit denen sie sich leicht verletzen könnten. Zudem erschloss sich ihnen der Sinn des Werkens für diese Altersgruppe nicht. Die Dozentin des Moduls erklärte dann im Gespräch, dass die Schüler:innen im Umgang mit den Werkzeugen gut angeleitet würden. Sie betonte, dass es in diesem Unterricht gar nicht so sehr um das gefertigte Produkt gehen würde. Zentral hingegen seien die Kompetenzen, die die Schüler:innen beim Werken erwerben würden. Etwa die Fähigkeit, etwas Schritt für Schritt zu planen, kreativ zu sein und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Diese Antwort überzeugte die tunesischen Gäste. Zurück in Tunesien, beantragte die Direktorin im Rahmen eines Projekts der Weltbank, die Einrichtung eines Ateliers für Werken und textiles Gestalten an ihrer Institution.
Im Projektbeschrieb von PEER-Net steht, dass das transkulturelle Lernen gefördert und die Pädagogischen Hochschulen besser in die globalisierte Hochschulwelt eingebunden werden sollen. Warum ist das so wichtig?
Die Lehrpersonenausbildung in der Schweiz und den meisten Ländern der Welt ist regional ausgerichtet. Das liegt auf der Hand, weil der Lehrplan jeweils vom Staat vorgegeben wird. Gleichzeitig ist die Realität in den allermeisten Schweizer Klassenzimmern bereits sehr international. Fast 30 Prozent der Lernenden in der Volksschule hatten in den Jahren 2020/2021 gemäss Bundesamt für Statistik eine ausländische Staatsangehörigkeit. Damit ist ein Grossteil der Lehrpersonen täglich mit der Globalisierung konfrontiert. Ausserdem ist es ihre Aufgabe, die Schüler:innen auf eine Gesellschaft und Arbeitswelt vorzubereiten, die international vernetzt ist. Und durch Social Media und Streaming-Plattformen haben heutige Jugendliche wie noch keine Generation zuvor unbeschränkten Zugang zu kulturellen Produkten aus der ganzen Welt. Jugendliche hören K-Pop und US-Rap, schauen nordische Krimiserien oder Bollywood-Filme. Auch wenn die allermeisten Schüler:innen von vielen Kulturen beeinflusst werden, heisst das nicht, dass sie keine Klischee-Vorstellungen über andere Kulturen haben. Schlussendlich geht es darum, offen zu sein und nicht zu bewerten, und das muss man lernen. Die Gelegenheit dazu bieten wir in unseren Projekten zum Thema transkulturelles Lernen und neu auch in der Modulserie Globales Lernen an der PH Zürich.

