Lebanon Initiative for Education : «Soziales und emo­tio­na­les Lernen ist un­ver­zicht­bar»

Libanesische Schulkinder und Lehrpersonen stehen derzeit vor enormen Herausforderungen. Joseph Feghaly, langjähriger Partner in internationalen Bildungsprojekten der PH Zürich, gibt Einblicke und erklärt, wie das LIFE-Projekt Schulen unterstützen soll.

Mittwoch, 8. April 2026

Der zwischen Syrien und Israel gelegene Libanon ist seit Langem regionalen bewaffneten Konflikten ausgesetzt und hat Flüchtlinge sowie libanesische Vertriebene aufgenommen, die da Schutz suchten. Seit 2019 sieht sich das Land einer Häufung von Krisen gegenüber, darunter ein schwerer wirtschaftlicher Zusammenbruch, der durch die Corona-Pandemie und die verheerende Hafenexplosion im Jahr 2020 noch verschärft wurde. Doch trotz chronischer Instabilität und eines weitgehend unterbezahlten öffentlichen Dienstes finden Bildung und Schulunterricht weiterhin statt.

Libanesische Lehrpersonen trotzen nicht nur der anhaltenden Bedrohung durch Raketen und Explosionen, sondern unterstützen auch Kinder aus benachteiligten Verhältnissen, darunter solche, die von Vertreibung, psychosozialem Stress und Armut betroffen sind. Da es im Libanon nur wenige Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrpersonen gibt, zielt das Projekt «Lebanon Initiative for Education (LIFE)» der PH Zürich darauf ab, Lehrpersonen im Umgang mit schutzbedürftigen Lernenden zu stärken. Die erste Phase des Projekts sollte eigentlich 2026 beginnen, doch der erneute Konflikt in der Region behindert den Fortschritt.

Joseph Feghaly, Gründer der Organisation Mentor & Guide, arbeitet seit 2020 mit der PH Zürich in verschiedenen Projekten zusammen. Im Rahmen des LIFE-Projekts spricht er am 15. April 2026 an einer öffentlichen Online-Diskussion zum Thema Lernen und Leben in einem Kriegsgebiet.

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Im Interview beleuchtet Feghaly die aktuelle Lage im Libanon.

Joseph Feghaly, was sind derzeit die grössten Herausforderungen für Lehrpersonen im Libanon?
Meiner Meinung nach besteht die grösste Herausforderung für Lehrpersonen im Libanon darin, dass sie zu viel auf einmal stemmen müssen. Sie arbeiten mit sehr niedrigen Gehältern, begrenzten Ressourcen und unter ständiger Instabilität. Gleichzeitig unterstützen sie Kinder libanesischer, syrischer und palästinensischer Herkunft, die oft von Armut, Vertreibung, Angst und Stress betroffen sind. Viele Lehrpersonen unterrichten nicht nur. Sie versuchen auch, im Klassenzimmer Sicherheit und Stabilität schaffen. Zudem beherbergen viele öffentliche Schulen derzeit Vertriebene aus dem Südlibanon, was die Lehrpersonen zusätzlich beansprucht.

Joseph Feghaly
Joseph Feghaly

Wie kann sozial-emotionales Lernen Lehrpersonen und ihre Schüler:innen in der aktuellen Situation unterstützen?
Ich bin der Meinung, dass soziales und emotionales Lernen in der aktuellen Situation unverzichtbar ist. Es gibt Lehrpersonen praktische Werkzeuge an die Hand, um mit Stress umzugehen, Vertrauen aufzubauen und Spannungen im Klassenzimmer abzubauen. Zudem hilft es den Schüler:innen, ihre Gefühle auszudrücken, sich sicher zu fühlen und besser mit anderen in Kontakt zu treten. Kinder, die sich emotional sicher fühlen, sind nicht nur viel lernbereiter, sondern brechen auch seltener die Schule ab.

Was können Schweizer Lehrpersonen von ihren libanesischen Kolleg:innen lernen, die unter extremen Bedingungen arbeiten?
Ich denke, Schweizer Lehrpersonen können von ihren libanesischen Kolleg:innen viel über Resilienz, Flexibilität und zwischenmenschliche Beziehungen lernen. Libanesische Lehrpersonen unterrichten oft unter sehr schwierigen Bedingungen mit grossem Engagement und viel Fürsorge. Sie zeigen uns, dass guter Unterricht nicht nur eine Frage des Inhalts ist. Es geht auch um Vertrauen, Würde und die unmittelbaren Bedürfnisse der Schüler:innen.

Kinder lernen mit Computern an einem runden Holztisch.
Umsetzung des CORE-Projekts an einer Schule im Libanon im November 2021.

Angesichts der vielen verschiedenen Herausforderungen im Libanon: Was kann Bildung bewirken?
Ich glaube, dass Bildung immer noch einen echten Unterschied machen kann, da sie Kindern Struktur, ein Gefühl der Zugehörigkeit sowie Hoffnung vermittelt. Sie hilft ihnen, Fähigkeiten, Selbstvertrauen und emotionale Stärke für die Zukunft aufzubauen. Darüber hinaus fördert Bildung das friedliche Zusammenleben, indem sie Respekt, Empathie und Verantwortungsbewusstsein vermittelt. Zwar kann Bildung nicht alle Probleme des Libanon lösen, doch ohne sie wird sich die Krise für die nächste Generation weiter verschärfen. Ausserdem können Schulabbrüche und Arbeitslosigkeit dazu führen, dass sich Kinder beispielsweise Milizen anschliessen.

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Porträtfoto von Doris Kuhn

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