FOKUS LIFE SKILLSAusgabe 1/2026 : «Medienkompetenz wird mehr und mehr zur grundlegenden Kulturtechnik»
Nach einem Vierteljahrhundert im Journalismus ist der ausgebildete Lehrer Pascal Nufer wieder vermehrt in Schulzimmern anzutreffen. Für die SRG entwickelte er Unterrichtseinheiten, um die Medienkompetenz von Jugendlichen zu stärken.

- Pascal Nufer, wenn Sie das Stichwort Life Skills hören, steht für Sie Medienkompetenz an erster Stelle. Warum?
- Wir leben in einer Zeit permanenter Information – aber damit auch ständiger Überforderung. Wer nicht einordnen kann, was glaubwürdig ist, wer Informationen nicht überprüfen oder Interessen dahinter erkennen kann, ist nicht handlungsfähig. Medienkompetenz ist deshalb keine Spezialfähigkeit, sondern mehr und mehr eine der grundlegendsten Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben.
- Sie verorten einen Wendepunkt im Jahr 2007. Weshalb ist dieses Jahr für Sie so zentral?
- 2007 steht sinnbildlich für die Erfindung des iPhones und damit für den Durchbruch des Smartphones. Innerhalb kürzester Zeit wurde das Internet von einem gelegentlichen Informationsraum zu einem permanenten Begleiter. Gleichzeitig entstanden mit Facebook die ersten grossen sozialen Medien. In dieser Phase ist etwas Entscheidendes passiert: Die klassische Gatekeeper-Funktion des Journalismus ist weggefallen.
- Erklären Sie uns die Gatekeeper-Funktion?
- Früher entschieden ausschliesslich Medienhäuser, welche Informationen wir mitbekommen – und welche nicht. Sie prüften, wählten aus und ordneten die News ein. Man wusste, woher Nachrichten kamen – etwa aus der «Tagesschau», der Lokalzeitung, einer nationalen oder internationalen Zeitung. Heute kann grundsätzlich jede Person Inhalte veröffentlichen, die genauso aussehen wie journalistische Beiträge. Noch viel einschneidender ist aber: Auf den sozialen Medien übernimmt die Newsauswahl nicht mehr eine Redaktion oder eine Person, sondern der Algorithmus.
- Weshalb ist das gefährlich, welche Rolle spielt der Algorithmus auf den sozialen Medien?
- Algorithmen spielen eine zentrale Rolle. Sie sind darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu maximieren. Sie zeigen Inhalte, die emotionalisieren, polarisieren oder provozieren. Wahrheit oder gesellschaftliche Relevanz spielen dabei absolut keine Rolle. Wer diesen Mechanismus nicht versteht, hält das, was er sieht, schnell für ein objektives Abbild der Welt. Dies kann hochgradig gefährlich sein.
- Was bedeutet diese Entwicklung konkret für die Kinder und Jugendlichen?
- Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der Information, Meinung, Unterhaltung und Propaganda visuell kaum mehr unterscheidbar sind. Ein Tiktok-Video kann durchaus hochwertige journalistische Inhalte haben – oder aber auch klare Desinformation beinhalten. Ohne entsprechende Kompetenzen ist es extrem schwierig zu erkennen, was glaubwürdig ist und was nicht.
- Wie definieren Sie Desinformation?
- Desinformation ist gezielte Falschinformation mit politischer oder wirtschaftlicher Absicht, etwa russische Propaganda. Desinformation ist absichtliche Täuschung und so ein Sicherheitsproblem für eine demokratische Gesellschaft. Es braucht deshalb dringend Prävention – vor allem für Kinder und Jugendliche, die sich häufig auf den sozialen Medien aufhalten. Desinformation unterscheidet sich klar von schlecht recherchierter Berichterstattung oder Fehlern aus Unwissenheit. Wer über Medienkompetenz verfügt, kann diese Unterschiede erkennen.
- Es wird teilweise kritisiert, Jugendliche würden sich gar nicht mehr für Nachrichten interessieren. Teilen Sie diese Meinung?
- Nein, diese Haltung teile ich nicht, das ist zu einfach. Jugendliche konsumieren durchaus Nachrichten, aber anders als frühere Generationen. Sie informieren sich häufig nur sehr kurz, oft eingebettet in Unterhaltung. Studien zeigen, dass sie nur wenige Minuten pro Tag explizit News konsumieren, während sie mehrere Stunden mit Unterhaltungsinhalten verbringen. Das heisst aber nicht, dass sie unpolitisch oder desinteressiert sind – vielmehr fehlt oft die Fähigkeit zur Einordnung.
- Wie erklären Sie bei Ihren Schulbesuchen den Jugendlichen den Unterschied zwischen journalistischen Inhalten und anderen Formen von Content?
- Journalismus folgt bestimmten Regeln: Quellen müssen überprüft werden, es gibt ein Vier-Augen-Prinzip, redaktionelle Verantwortung und eine Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit. Influencer:innen, Blogger:innen oder Aktivist:innen auf den sozialen Medien verfolgen hingegen oft persönliche, politische oder wirtschaftliche Interessen. Dies ist soweit legitim – aber den Jugendlichen muss bewusst sein, was sie konsumieren, und sie müssen erkennen können, welche Interessen hinter welchen Inhalten stehen.
- Sie stellen die Schulklassen vor konkrete Szenarien, etwa, wie sie bei einem Gerücht über vergiftetes Trinkwasser vorgehen würden. Interessiert dies die Jugendlichen?
- Durchaus, meist gehen sie sehr professionell vor und kommen zu guten Rechercheresultaten. Die Schüler:innen realisieren schnell, was sie prüfen müssen: Wer könnte das wissen? Welche Quelle wäre glaubwürdig? Wer könnte von diesem Gerücht allenfalls profitieren? Oft kommen die Schüler:innen innerhalb von einer Viertelstunde zu erstaunlichen Erkenntnissen und können beurteilen, ob etwas am Gerücht wahr sein könnte oder nicht. Die Beispiele sind sehr wirksam und lösen Diskussionen unter den Jugendlichen aus.
- Medienkompetenz wird häufig rein technisch verstanden. Sie sprechen hingegen von einer Kulturtechnik. Weshalb ist Ihnen das wichtig?
- Weil es letztlich um Haltung geht. Um die dringend nötige Fähigkeit, kritisch zu denken, Fragen zu stellen, Verantwortung zu übernehmen und auch andere Perspektiven auszuhalten. Medienkompetenz ist eng mit demokratischer Teilhabe verbunden. Wer Informationen nicht einordnen kann, kann sich auch kaum fundiert an gesellschaftlichen Debatten beteiligen.
- Wir befinden uns auch in einer Vertrauenskrise gegenüber etablierten Medienhäusern und Institutionen. Wie stark ist diese aus Ihrer Sicht ausgeprägt?
- Besonders die Pandemie hat das Vertrauen in den Journalismus und staatliche Institutionen geschwächt. Viele Menschen – auch Jugendliche – verlassen sich heute lieber auf Influencer:innen oder selbsternannte Expert:innen, die ihre bestehende Meinung bestätigen. Dies ist nachvollziehbar, aber sehr problematisch für eine demokratische Öffentlichkeit.
- Welche Rolle spielen Qualitätsmedien in einer Zeit, in der Unterhaltung dominiert?
- Als vierte Instanz haben Medienhäuser nach wie vor eine sehr wichtige Rolle. Gerade weil Unterhaltung so präsent ist, braucht es Medien, die einordnen, verifizieren und Zusammenhänge herstellen. Deshalb ist es auch äusserst wichtig, dass sie auf den sozialen Medien der Jugendlichen mit ihren Inhalten präsent sind, sozusagen als Inseln der Verlässlichkeit. Öffentlich-rechtliche Medienhäuser wie die SRG haben hier einen klaren Auftrag: Information und Unterhaltung in ein gesundes Verhältnis zu bringen und Vertrauen aufzubauen.
- Sie haben als Korrespondent in autoritären Staaten wie China gearbeitet, wo es kaum unabhängige Medien gibt. Was muss uns dies aufzeigen?
- Wir müssen erkennen, wie wichtig unsere Informationsfreiheit zu werten ist. In Systemen wie China oder auch Russland haben Informationen der staatlichen Doktrin zu folgen. Wenn wir dies in anderen Ländern sehen, wie stark Propaganda wirkt, muss uns klar werden, dass Medienkompetenz ein mächtiger Schutzmechanismus für unsere demokratischen Gesellschaften ist.
- Was wünschen Sie sich konkret von Schule, Politik und Gesellschaft?
- Dass Medienkompetenz als das anerkannt wird, was sie ist: eine grundlegende Kulturtechnik. Sie darf kein freiwilliges Zusatzangebot sein, sondern muss systematisch vermittelt, finanziert und ernst genommen werden. Nur so können wir junge Menschen befähigen, sich selbstständig, kritisch und verantwortungsvoll zu informieren. Jugendliche müssen selbst zu Journalist:innen werden: Quellen prüfen können und sich eine Meinung bilden, sind elementare Kompetenzen. Ich sage häufig zu den Schüler:innen: Teile mit Weile! Damit meine ich, überlege gut, bevor und was du teilst.
Pascal Nufer
Bereits während seiner Ausbildung am Lehrerseminar in Kreuzlingen arbeitete Pascal Nufer als Printjournalist. Nach Stationen beim Radio und als Asienkorrespondent für verschiedene Medienhäuser betreute er bis Ende 2025 beim öffentlich-rechtlichen Medienhaus SRG Schulprojekte zur Förderung der Medienkompetenz. Er unterrichtet als Journalismusdozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Pascal Nufer hat zwei Kinder im Teenageralter und lebt mit seiner Familie in Winterthur.


