FOKUS LIFE SKILLSAusgabe 1/2026 : Am «Frei Day» Kompetenzen für das Leben stärken

Alea rührt kräftig in der dicken Masse aus Haferflocken, Baumnüssen, Honig und Eiern. In einem Gruppenraum des Schulhauses Reitmen in Schlieren bereitet die Fünftklässlerin mit drei Kolleginnen aus anderen Klassen Guetsliteig zu. Am Nachmittag wollen die Mädchen das Gebäck in einem nahen Altersheim verschenken. «Es soll möglichst gesund werden und nicht zu viel Zucker enthalten», erklärt Emma. Zudem verwende man Zutaten, deren Datum bald ablaufen würde oder die zu Hause übrig geblieben seien, ergänzt Emina.
Die Mädchen orientieren sich am Uno-Ziel «verantwortungsvoller Konsum und Produktion». Aus den insgesamt 17 sogenannten Sustainable Development Goals (SDG) mussten sie eines auswählen und ein gemeinnütziges Projekt dazu entwickeln. Die klassenübergreifenden Gruppenarbeiten finden im Rahmen des Programms «Frei Day» der Gesundheitsstiftung Radix statt. Die Schule Reitmen führt «Frei Day» dieses Schuljahr zum zweiten Mal durch, um die überfachlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Mit einer Begleitstudie wird die PH Zürich das Projekt wissenschaftlich untersuchen.
Konflikte austragen
So weit wie die vier Mädchen sind noch nicht alle Gruppen. In den vier Schulzimmern befinden sich die meisten noch in der Planungsphase. Eine Gruppe Knaben hat bereits Material herbeigeschafft: eine Kartonschachtel und ein langes Stück Plexiglas. Daraus wollen die Schüler einen Porsche basteln. Mit ihrem Produkt hoffen sie auf eine Gratisführung im Porsche Zentrum in Schlieren. «Wir wollen ein Video aufnehmen und im Schulhaus zeigen», sagt Ahmed. Die Nachhaltigkeit des Projekts erklärt er mit der Verwendung von gebrauchten Materialien. «Wir müssen uns sehr Mühe geben, damit es klappt», ist sich Gruppenleiter Ahmed bewusst. «Meine Aufgabe ist es, zu schauen, dass alle ihr Bestes geben.»


Das funktioniert nicht immer gleich gut. In einer anderen Gruppe kam es zu einem Konflikt, weil der Leiter der Meinung war, die anderen würden nicht gut mitarbeiten, während diese fanden, man könne es ihm kaum recht machen. Die vier Knaben haben sich mit Lehrerin Kerstin Gyr in einen separaten Raum zurückgezogen, um das Problem zu besprechen. «Die Kinder sollen bei Konflikten nach Lösungen suchen und nicht einfach aufgeben», betont Gyr. Die beiden Mittelstufenlehrerinnen Kerstin Gyr und Brikena Fazliu sind in ihrer Schule die Initiatorinnen des Programms «Frei Day». «Es bietet auch Kindern mit schulischen Schwierigkeiten die Chance, ihre Stärken zu zeigen», erklärt Gyr. «Sie können zusammen etwas gestalten, das sichtbar ist und nicht nur ihnen selbst zugutekommt.» Im Schulhaus Reitmen würden fast alle Primarklassen mitmachen. Einige Lehrpersonen seien kritisch eingestellt, weil sie Lektionen für andere Fächer zur Verfügung stellen müssten, sagt Brikena Fazliu. In der Regel findet das Programm zwischen Herbst- und Sommerferien während Lektionen in NMG (Natur, Mensch, Gesellschaft) und TTG (Textiles und Technisches Gestalten) statt. Bei der ersten Durchführung wurden vier Stunden wöchentlich eingesetzt. Dieses Mal sind es zwei Lektionen.
Keine Armut und kein Hunger
Im Werkraum sind drei Knaben am Sägen und Schleifen. Aus Sperrholz wollen sie ein Vogelhäuschen herstellen. Sie haben das Uno-Ziel «Leben an Land» ausgewählt. «Wir haben Lust, etwas zu bauen», sagt Colin. Und sein Kollege Hadis ergänzt: «Die Vögel sollen sich wohlfühlen und genug zu essen haben.» Bereits konkrete Ideen haben auch zwei Mädchen, die das Ziel «sauberes Wasser» gewählt haben: Sie möchten in einer ersten Klasse Experimente mit Wasser vorzeigen – etwa die drei Aggregatzustände Eis, Wasser und Dampf. Mit zwei Lehrerinnen üben sie dafür einen kurzen Vortrag mit Powerpoint-Präsentation ein. Und auch der Pausenkiosk am Donnerstag ist Teil des «Frei Day»-Projekts: Gemäss dem Uno-Ziel «Gesundheit und Wohlergehen» verkauft eine Gruppe Äpfel, Popcorn und Vollkorncrackers.
Eine weitere Schule, die «Frei Day» in der Schweiz umsetzt, ist das Oberstufenschulhaus Döltschi in Zürich. Beim Besuch von «Akzente» halten die Schüler:innen der ersten Sekundarstufe kurze Präsentationen über je eines der Uno-Nachhaltigkeitsziele, mit denen sie sich auseinandergesetzt haben. Cléo und Sara beginnen mit dem Thema «Keine Armut», das noch lange nicht erreicht ist, wie sie herausgefunden haben. «Nach der Pandemie kam es sogar zu einem Rückschritt», erklärt Cléo den beiden im Singsaal versammelten Klassen. Viele Menschen hätten nicht genügend Geld, um Essen und Kleider zu kaufen oder sich ein Dach über dem Kopf zu leisten. Um das Problem zu lindern, empfehlen sie, zu spenden und Produkte aus fairem Handel zu kaufen.
Auch das Ziel «Kein Hunger» sei bislang nicht erreicht, erklären vier Knaben. Eigentlich gebe es genügend Lebensmittel auf der Welt, doch sie seien nicht fair verteilt. Während in reichen Ländern etwa ein Drittel verschwendet werde, würden viele Millionen Menschen hungern. Die Schüler bringen auch Verbesserungsvorschläge ein: gutes Planen beim Einkaufen, Lebensmittel probieren statt bei überschrittenem Ablaufdatum direkt wegwerfen und Essensreste gut verwerten.


Anders als im Schlieremer Schulhaus werden die Zürcher Schüler:innen nicht sofort Gruppenprojekte zu den Themen umsetzen. «Dieses Mal gehen wir es langsamer und strukturierter an», sagt Klassenlehrer Wolfgang Beck. In der ersten Oberstufe seien manche Schüler:innen wohl noch etwas überfordert mit der Planung. Deshalb will er mit Parallelklassenlehrer Stefan Campagnoli zunächst ein Generationenprojekt durchführen. Mit Spielen und anderen Aktivitäten sollen die Kinder Personen im Alter ihrer Grosseltern begegnen und sich mit ihnen darüber austauschen, was sie beschäftigt. Die beiden Lehrer haben «Frei Day» bereits im letzten Schuljahr mit ihren dritten Oberstufenklassen durchgeführt und sind überzeugt vom Konzept. «Die meisten Schüler:innen machen begeistert mit und entwickeln spannende Ideen», sagt Campagnoli. Letztes Jahr habe zum Beispiel eine Gruppe ein Magazin gestaltet, in dem Secondhand-Angebote für den Kleiderkauf vorgestellt wurden. «Wir möchten die Jugendlichen etwas aus ihrer Konsumhaltung herausführen.» Die Schüler:innen sollen zudem die Erfahrung machen, dass sie etwas bewirken können. Motivation und Selbstständigkeit seien aber nicht bei allen gleich gross. «Einige müssen wir eng begleiten.» Auch der Einfluss von KI sei eine Herausforderung, fügt Wolfgang Beck hinzu. Bei einigen Vorträgen habe man an der geschliffenen Sprache erkannt, dass die Texte nicht von Dreizehnjährigen stammen könnten. In der Nachbesprechung hat er darauf hingewiesen, dass der Lerneffekt so gering sei.
Als Coaches auftreten
Im Schulhaus Döltschi war es Schulleiter Stefano Caflisch, der «Frei Day» eingeführt hat. Er erachtet es als wichtig, die Verantwortung für die Projekte den Jugendlichen selbst zu übergeben. «Scheitern gehört dazu», betont er. «Wollen Lehrpersonen dies verhindern, geht etwas verloren.» Aufseiten der Lehrpersonen sei ein neues Rollenverständnis erforderlich. Sie müssten als Coaches auftreten und die Schüler:innen bei Problemen mit ihrem Projekt dabei unterstützen, andere Wege auszuprobieren, erklärt Caflisch. «Wenn es klappt, bleibt das Erfolgserlebnis ein Leben lang in Erinnerung.»
Von Deutschland in die Schweiz: «Frei Day» ist ein in Deutschland und Österreich erprobtes Lernformat. Die Gesundheitsstiftung Radix bietet es nun das zweite Schuljahr auch in der Schweiz an. Eine Unterstützung von Radix ist kostenpflichtig. Mitmachen ist aber auch gegen eine einmalige Gebühr für die Vernetzung mit anderen Schulen möglich oder unabhängig von Radix.


