Neue Publikation : Sprachsensibler Berufsschulunterricht
Unterricht an der Berufsfachschule ist vielfältig. Er umfasst sowohl den allgemeinbildenden als auch den berufskundlichen Unterricht, mit je eigenen Inhalten, Anforderungen und Formen des Lernens. In all diesen Situationen spielt Sprache eine zentrale Rolle. Damit befasst sich die Neuerscheinung «Sprachsensibler Unterricht in der Berufsfachschule».
Autorin und PHZH-Dozentin Saskia Sterel erläutert, weshalb Sprachförderung auf dieser Bildungsstufe eine zentrale Rolle spielt.
Saskia Sterel, in der Berufsfachschule steht das fachliche Lernen im Vordergrund. Ist denn Sprachförderung noch nötig resp. wie unterscheidet sie sich von der Sprachförderung in der Volksschule?
Fachliches Lernen ist eng mit Sprache verbunden, daher spielt Sprachförderung eine zentrale Rolle. Denn Lernen geht nur über Sprache. Lernende müssen Aufträge verstehen, Fachtexte erschliessen, Zusammenhänge erklären, Beobachtungen beschreiben oder Entscheidungen begründen können. Wenn ihnen dafür die sprachlichen Mittel fehlen, wird auch der Zugang zum fachlichen Lernen erschwert. Sprachförderung ist deshalb keine zusätzliche Aufgabe neben dem Fachinhalten, sondern Teil des Lernens. In der Berufsfachschule zeigt sich das je nach Unterrichtsbereich unterschiedlich. Der allgemeinbildende Unterricht (ABU) umfasst zwei Lernbereiche: «Sprache und Kommunikation» und «Gesellschaft». Beide Lernbereiche werden miteinander verbunden: Die Lernenden setzen sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander und entwickeln dabei gleichzeitig ihre Sprach- und Kommunikationskompetenzen. Im berufskundlichen Unterricht ist die Sprache ebenfalls zentral, aber anders eingebettet: In allen Fächern und Handlungskompetenzbereichen lernen die Jugendlichen über Sprache. Sie verstehen beispielsweise berufliche Anweisungen, beschreiben Arbeitsabläufe, führen Gespräche, dokumentieren Beobachtungen oder begründen fachliche Entscheidungen. Sprachkompetenz ist damit ein Querschnittsaspekt des beruflichen Lernens, auch dort, wo sie nicht separat beurteilt wird. Die Berufsfachschule knüpft dabei an die sprachlichen Kompetenzen an, welche die Lernenden aus der Volksschule mitbringen, und entwickelt sie mit Blick auf die bildungssprachlichen und berufsspezifischen Anforderungen weiter.
Wie kann der Umgang mit Sprache in der Berufsfachschule gezielt gefördert werden?
Oft braucht es dafür gar keine grossen zusätzlichen Programme. Entscheidend sind kleine, bewusste Veränderungen im Unterricht. Lehrpersonen können zum Beispiel Fachbegriffe gezielt einführen, klare Arbeitsaufträge formulieren oder sprachliche Hilfen wie Wortlisten, Satzanfänge und Formulierungsbeispiele bereitstellen. Solche sprachlichen Gerüste – sogenanntes Scaffolding – helfen den Lernenden, ihre Gedanken zu strukturieren und fachlich angemessen auszudrücken. Wichtig ist, dass die inhaltliche Denkleistung bei den Lernenden bleibt. Auch unterschiedliche Darstellungsformen helfen. Ein Arbeitsprozess kann beispielsweise zuerst anhand von Bildern betrachtet, danach gemeinsam besprochen und schliesslich schriftlich beschrieben werden. So wechseln die Lernenden zwischen Bild, gesprochener und geschriebener Sprache und erschliessen gleichzeitig den fachlichen Inhalt. Ebenso wichtig sind Gelegenheiten zum Sprechen, Lesen, Schreiben und Überarbeiten. Wenn Lernende Rückmeldungen erhalten und ihre Beiträge nochmals bearbeiten dürfen, erfahren sie Sprache als etwas, das sie weiterentwickeln können. Entscheidend ist also nicht, den Unterricht um Sprachunterricht zu ergänzen, sondern die Sprache, die für das jeweilige fachliche Lernen benötigt wird, bewusst sichtbar und zugänglich zu machen.
Was dürfen Lehrpersonen auf Stufe Berufsbildung von dieser didaktischen Hausapotheke erwarten?
Die Hausapotheke ist vor allem als praxisnahes Nachschlagewerk für den Unterrichtsalltag gedacht. Man muss sie nicht von vorne bis hinten lesen, sondern kann dort einsteigen, wo gerade eine Frage oder ein Bedürfnis besteht. Sie bietet zunächst Grundlagen dazu, welche Rolle Sprache beim Lernen spielt und mit welchen unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen Lernende in die Berufsfachschule kommen. Darauf aufbauend werden vier Prinzipien eines sprachsensiblen Unterrichts erläutert und mit vielen konkreten Methoden verbunden. Weitere Kapitel beschäftigen sich mit der Förderung des Sprechens, Lesens und Schreibens, mit Heterogenität und Binnendifferenzierung, mit künstlicher Intelligenz sowie mit der Frage, wie Sprachkompetenz sinnvoll geprüft und beurteilt werden kann. Mir war dabei wichtig, dass sprachsensibler Unterricht nicht als zusätzliches Programm erscheint. Viele Ansätze lassen sich mit kleinen Veränderungen in den bestehenden Unterricht integrieren. Die Hausapotheke soll Lehrpersonen deshalb Orientierung geben, konkrete Ideen liefern und Mut machen, den eigenen Unterricht Schritt für Schritt sprachsensibler zu gestalten.



