Neue Publikation : Nachhaltigkeit in Bildungsorganisationen gestalten
Anfang Mai 2026 ist die Publikation «Leadership for Sustainability» von Irene Lampert und Dominik Allenspach im Hep-Verlag erschienen. Irene Lampert, ehemalige Lehrerin und Schulleiterin, hat viele Jahre zu Nachhaltigkeit geforscht und doziert an der PH Zürich zu Nachhaltigkeit und Schulführung. Als Nachhaltigkeitsbeauftragter der PH Zürich fördert Dominik Allenspach die Nachhaltigkeit institutionell. Zusammen haben sie den neuen Sammelband herausgegeben. Im Interview geben sie Auskunft, wie Nachhaltigkeit zeitgemäss in Bildungsorganisationen etabliert werden kann.

Inwiefern ist Nachhaltigkeit heute ein Thema in der Schule und an Hochschulen?
Irene Lampert: Nachhaltigkeit ist kein zusätzliches Thema – sie ist ein Auftrag. Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) ist in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen verankert und im Lehrplan 21 unter den fächerübergreifenden Themen festgehalten. Der neue gymnasiale Rahmenlehrplan stärkt transversale Themen zusätzlich. Individuelle Sensibilisierung allein reicht aber nicht aus, das zeigt die Forschung klar. Meta-Analysen belegen, dass die Schulleitung – nach dem Unterricht selbst – den grössten Einfluss auf Lernergebnisse hat. Für BNE gilt das in besonderem Masse. Es zeigte sich jedoch, dass die meisten Schulleitungen BNE noch immer auf Recycling und Umweltprojekte reduzieren. Ohne ein systematisches Verständnis von Nachhaltigkeit – ökologisch, sozial und ökonomisch – bleibt die Umsetzung von BNE aber fragmentiert. Kinder und Jugendliche sind zukünftige Entscheidungsträger:innen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Schule muss sie befähigen, in dieser öffentlichen Sphäre mitzuwirken und nicht nur beim Recycling zu Hause. Das erfordert eine systemische Verankerung, und dafür braucht es Führung.
Dominik Allenspach: Für Pädagogische Hochschulen gilt dasselbe in doppelter Hinsicht: Wir bilden die Lehrpersonen und Schulleitungen aus, die eine nachhaltige Entwicklung der Schulen fördern sollen. Gleichzeitig müssen wir als Institution selbst nachhaltig handeln – in Forschung, Lehre, Betrieb und in der institutionellen Steuerung. Im Sammelband wird deutlich, dass eine Vielzahl von Personen innerhalb und ausserhalb der Hochschulen nachhaltigkeitsorientierte Führung übernehmen können und müssen. Wenn wir das nicht vorleben, verlieren wir an Glaubwürdigkeit.
Was bedeuten Whole School Approach und Whole Institution Approach konkret?
Irene Lampert: Der Whole School Approach bedeutet, dass BNE nicht an ein Fach oder ein Einzelprojekt delegiert wird. Die Unesco formuliert es klar: Es geht darum, Nachhaltigkeit im Curriculum, im Schulbetrieb, in der Organisationskultur, in der Partizipation der Schülerinnen und Schüler und in der Zusammenarbeit mit dem Umfeld zu verankern. Unsere Studie im Buch zeigt: BNE-Aktivitäten, die isoliert nebeneinander herlaufen, bleiben wirkungslos. Erst wenn interne Stakeholder – Schulleitung, Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler – und externe Stakeholder – Eltern, Gemeinde, NGOs – zusammenwirken, entsteht nachhaltige Veränderung. Die Schulleitung spielt dabei eine Schlüsselrolle: Sie schafft Strukturen, delegiert Verantwortung und initiiert Entscheidungsprozesse.
Dominik Allenspach: Der Whole Institution Approach überträgt dieses Prinzip auf die Hochschule. Nachhaltigkeit muss alle Aspekte der Bildungseinrichtung durchdringen – von der Aus- und Weiterbildung über den Campus-Betrieb bis zur Forschung und den Gemeinschaftsbeziehungen. Der Sammelband zeigt auf: Es braucht langfristige Strategien und Strukturen, die Forschung, Lehre und institutionelle Steuerung ganzheitlich verbinden und eine Nachhaltigkeitskultur etablieren.
Nachhaltigkeit wird damit zur Chefsache. Wie motivieren Sie Schulleitungen und Führungspersonen an Hochschulen, sich dem Thema anzunehmen?
Irene Lampert: Der entscheidende Hebel ist ein Perspektivenwechsel. BNE ist kein Zusatzthema, sondern ein transversales Prinzip, das bestehende Schulentwicklungsthemen verbindet – Partizipation, Inklusion, Gesundheit, Schulraumgestaltung haben alle eine Nachhaltigkeitsdimension. Im Sammelband zeigen wir das konkret: Wie Draussenlernen Führungs- und BNE-Kompetenzen gleichzeitig stärkt, wie Schulleitungen BNE als roten Faden in Leitbild und Schulprogramm verankern. In unserem Literaturreview haben wir sieben Kategorien nachhaltigkeitsorientierter Schulführung herausgearbeitet – von gemeinsamer Visionsentwicklung über partizipative Strukturen bis zur Vernetzung nach aussen. Schulleitungen, die BNE so begreifen, berichten von stärkerem Zusammenhalt im Kollegium und grösserer Identifikation mit der Schule. Nachhaltigkeit wird zur Klammer, die vieles zusammenhält. Im Modul «Leadership for Sustainability» an der PH Zürich setzen wir genau hier an.
Dominik Allenspach: Als Nachhaltigkeitsbeauftragter motiviere ich die Hochschulleitung, indem ich Nachhaltigkeit als unverzichtbare Antwort auf den Druck von aussen sowie als Ausdruck unserer gesellschaftlichen Verantwortung positioniere. Einerseits verdeutliche ich die Dringlichkeit durch äussere Vorgaben. Gesetzliche Klimaziele und Akkreditierungsstandards machen nachhaltiges Handeln zur Bedingung. Andererseits appelliere ich an das Selbstverständnis der Führung, die Hochschule als gesellschaftliches Vorbild zu begreifen. Als Hochschule sind wir aufgefordert, Lösungen für globale Krisen nicht nur zu lehren und zu erforschen, sondern im eigenen Hochschulbetrieb glaubwürdig vorzuleben. Erst wenn wir diesen Vorbildcharakter aktiv gestalten, sichern wir die Relevanz unserer Institution und machen den Wandel zu einer gemeinsamen Angelegenheit.
Weitere Informationen
Im Rahmen des Webdialogs am 1. Juli 2026 findet die Vernissage der neuen Publikation statt.
Weitere Informationen und Angebote für die Volksschule finden Sie auf unserer Webseite «Schule nachhaltig gestalten».


