Internationale Bildungsentwicklung : Ein Jahr Krieg in der Ukraine
Corinna Borer, in der Ukraine ist seit einem Jahr Krieg. Wie hat sich das Projekt Decentralization for Improved Democratic Education (DECIDE) seit Kriegsbeginn verändert?
Das Projekt DECIDE hat zum Ziel, die übergreifende Schulreform New Ukrainian School in der Ukraine zu fördern und die sektorale Dezentralisierung mit Schwerpunkt auf dem Bildungswesen in sechs Regionen umzusetzen. Es geht darum, die Organisation der Schulen und Behörden so zu gestalten, dass diese eine Dezentralisierung des Bildungswesens ermöglicht. Die PH Zürich hat im Rahmen des Projekts ein Manual verfasst, in dem der Kanton Zürich als Case-Study für das Schulsystem der Schweiz dargestellt wird. Zudem wurden einige Webinare durchgeführt. Mit dem Kriegsausbruch am 24. Februar 2022 musste das Projekt neu gedacht werden. Das Projektteam in der Ukraine hatte auf einmal humanitäre Hilfe zu leisten und musste sich um geflüchtete Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und auch um Lehrpersonen kümmern. Das Regionalbüro der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in Kiew, die das Projekt finanziert, hat eine vorübergehende Umnutzung des Projektbudgets veranlasst. So wurden als erstes Schulen in Kiew als Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet. Das DECIDE-Projektteam kaufte Schlafsäcke, Kopfkissen und Schulmaterialien. Die Mitarbeitenden und Studierenden der PH Zürich haben sich an dieser Aktion beteiligt und Spenden gesammelt.
Gab es trotz der humanitären Aktionen zusätzliche Massnahmen zur Unterstützung der Bildung in der Ukraine?
Ja, einige. Bereits kurz nach Kriegsbeginn war klar, dass der Unterricht für viele Schülerinnen und Schüler nur noch online stattfinden konnte. Die Nichtregierungsorganisation DOCCU hat bereits während der Corona-Pandemie das lokale Bildungsministerium bei der Entwicklung der Online-Lernplattform All-Ukrainian School für interessierte ukrainische Schulen unterstützt. Dadurch konnten viele Schülerinnen und Schüler der 5. bis 11. Klasse schnell online weiterlernen. Dazu gehören auch jene, die ins Ausland flüchten mussten. Die PH Zürich hat diese Entwicklung begleitet und im Kanton Zürich vorgestellt.
Wie relevant ist die Online-Plattform für die Geflüchteten?
Für ukrainische Lehrpersonen, die in die Schweiz geflüchtet sind, ist die Plattform wichtig. Viele von ihnen unterstützen geflüchtete ukrainische Kinder, die in der Schweiz zur Schule gehen, mit Zusatzunterricht. Auf der Plattform finden sie alle ukrainischen Unterrichtsmaterialien, Aufgabenstellungen und wertvolle Informationen. Um die ukrainischen Schüler:innen in der Schweiz gut unterstützen zu können, müssen sie das Schweizer Schulsystem und dessen Lehrpläne kennen. Die PH Zürich führte diese Lehrpersonen in Webinaren entsprechend ein. Im Rahmen des DECIDE-Projekts war die Hochschule im Juli 2022 auch an der Ukraine-Konferenz in Lugano dabei. Die Konferenz und die Teilnahme waren schon vor dem Krieg geplant. Für das DECIDE-Team aus der Schweiz und der Ukraine war es schliesslich essenziell, sich physisch zu begegnen und zuzuhören, um noch besser zu verstehen, was wirklich nötig ist.
Wie sieht die Zusammenarbeit in der Ukraine in diesem Jahr aus?
Das hängt stark vom weiteren Kriegsgeschehen ab. Sicher ist, dass die Schulen in der Ukraine noch immer unsere Unterstützung benötigen. Im Krieg sind bisher Tausende Bildungsinstitutionen zerstört worden, davon 331 komplett. Mehr als eine halbe Million Schulkinder und über 10’000 Lehrkräfte sind ins Ausland geflohen. Trotz der humanitären Krise wird das DECIDE-Team die Projektziele weiterverfolgen. Das Thema Dezentralisierung und der Aufbau demokratiebasierter Schulen ist angesichts der extrem schwierigen Umstände umso wichtiger geworden. Die PH Zürich bietet deshalb Webinare zum Thema School of active democracy an. Diese Webinare beinhalten auch Fragen zur Evaluation der Qualität in den Schulen, um die Projektimplementierung weiter zu unterstützen. Für das DECIDE-Team geht es darum, dass es die Schulreform New Ukranian School weiter umsetzen und weiterentwickeln kann und dass bereits neudefinierte Entscheidungsprozesse in den Schulen nicht verlorengehen. Die Ukrainerinnen und Ukrainer, mit denen wir zusammenarbeiten, sind sehr stark und wir haben grössten Respekt vor ihnen. Sie geben nicht auf und glauben daran, dass Bildung für die Zukunft ihres Landes sehr wichtig ist. Denn ohne Bildung gibt es keine Demokratie, wie es auch Bundesrat Cassis in seiner aktuellen Rede sagte. Diese gelebte Resilienz berührt uns sehr.
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Die PH Zürich hat vielfältige Materialien und Hilfen zusammengestellt, die Schulen, Lehrpersonen und Schüler:innen im Umgang mit dem Ukraine-Krieg unterstützen.

