MENSCHENAusgabe 3/2025 : Eine Forscherin im Klassenzimmer

Kurz vor der Zehnuhrpause kommt Sophie Smayra mit der dritten Klasse vom Turnen zurück. Am Eingang des Schulhauses Schwandel in Thalwil wartet Katharina Lüthi bereits auf sie. Die beiden Frauen begrüssen sich mit einer Umarmung. In den letzten fünf Jahren sind sie sich sehr vertraut geworden. Denn im Rahmen des Forschungsprojekts TriLSA (siehe am Ende des Artikels), das den Werdegang von Lehrpersonen untersucht, begleitet die Forscherin der PH Zürich die angehende Heilpädagogin seit ihren ersten Tagen im Studiengang Primarstufe. Drei- bis viermal jährlich ist sie bei einer Lektion dabei und beobachtet ihre pädagogische Entwicklung. Sophie Smayra nutzt die Pause noch für einige Vorbereitungen. Sobald der Gong erklingt, findet sie sich im Schulzimmer von Klassenlehrer Cyril Hofer ein, während Katharina Lüthi ihr dicht auf den Fersen folgt. Die Heilpädagogin holt vier Schüler:innen ab und geht mit ihnen die Treppe hoch ins Therapiezimmer. «Komm mit, mein Schatten», neckt sie die Forscherin.
Heute geht es um das Thema Adjektive. «Wie ist diese Schachtel?», fragt Smayra in die Runde. «farbig», «hart», «viereckig», «klein» – so die Antworten der Kinder. Auf Arbeitsblättern dürfen sie nun selbst Adjektive für ein Messer oder einen Ball suchen. Katharina Lüthi hält sich derweil still im Hintergrund und macht Notizen. Hin und wieder steht sie auf, beobachtet die Gruppe am Tisch von Nahem und macht ein paar Fotos. Ihr Aufnahmegerät läuft dabei stets mit.
Forschende mittendrin
Zu Beginn des Forschungsprojekts nahmen insgesamt 18 Studierende aus drei verschiedenen Pädagogischen Hochschulen teil. Sie wurden von einem dreiköpfigen Forschungsteam begleitet. Katharina Lüthis Gruppe umfasste anfangs neun Studierende, von denen unterdessen vier übrig geblieben sind. «Ich war schon bei ihren ersten Unterrichtserfahrungen mit dabei», erzählt die Soziologin. Lüthi führte zu Beginn und am Ende des Studiums narrative Interviews mit ihnen durch, in denen sie auch viel Persönliches erfuhr. Bei diesem Projekt gehe man nach der Methode der ethnografischen Feldforschung vor, erklärt sie. Dabei handle es sich um einen teilnehmenden Ansatz, bei dem die Forschenden in die Situation eintauchten. Man arbeite mit wenigen Fallzahlen, gehe dafür aber in die Tiefe.
Auch Sophie Smayra spricht mit ihrer Beobachterin jeweils nicht nur über berufliche, sondern auch über private Themen. «Ich versuche, authentisch zu sein, und sage ihr, wenn ich gestresst bin», erzählt die 27-Jährige. Für das Projekt habe sie sich zur Verfügung gestellt, weil Lüthi ihr sympathisch war. «Ich habe mich sofort wohlgefühlt.» Sie habe ihren Entscheid nicht bereut, auch wenn das Einholen des Einverständnisses bei den Eltern manchmal etwas aufwendig sei. Smayra hat nach dem Bachelorstudium für ein Jahr vikarisiert und ist auf Reisen gegangen. Anschliessend hat sie den berufsbegleitenden Masterstudiengang in Heilpädagogik in Angriff genommen, den sie voraussichtlich 2026 abschliessen wird. «Als Lehrerin hatte ich das Gefühl, nicht genügend Zeit zu haben für Kinder, die meine Hilfe brauchten», begründet sie ihren Entscheid. Sie habe auch erlebt, wie junge Kolleginnen nach kurzer Zeit in diesem Beruf ein Burn-out erlitten. Diese Erfahrung ist für Sophie Smayra ein weiterer Grund, die Forschungsarbeit zu unterstützen.
«Der Lehrberuf ist maximal anspruchsvoll und hochfragil», weiss Katharina Lüthi. Im Projekt TriLSA gehe es deshalb auch um die Frage, was Lehrpersonen im Beruf halten könne. «Wir können uns nicht leisten, dass junge Lehrpersonen nach kurzer Tätigkeit wieder aussteigen.» Neben dem Aufzeigen von beruflichen Perspektiven sei es deshalb wichtig, dass Hochschulen und Schulen der Vielfalt an Persönlichkeiten gerecht würden, betont sie. Häufig würden junge Berufseinsteiger:innen nämlich auch durch Scheitern lernen. Eingebettet in ein wohlwollendes Umfeld könnten sie stressreduzierende Coping-Strategien entwickeln, die ihnen auch später nützlich seien. «Mich interessiert die biografische Entwicklung der angehenden und ausgebildeten Lehrpersonen», erklärt Lüthi. «Der familiäre und kulturelle Hintergrund sowie die Vorerfahrungen prägen die Lehrtätigkeit massgeblich.» Bei den vier Lehrpersonen, die sie begleitet, seien diese Unterschiede stark spürbar. Während die einen bereits über pädagogische Vorerfahrungen verfügen oder aus einem Elternhaus mit Lehrpersonen stammen, können andere lediglich auf die eigenen Schulerfahrungen zurückgreifen. Der berufliche Erfolg hänge aber auch stark von den Rahmenbedingungen ab, weiss sie. «Einige Schulen unterstützen junge Berufseinsteiger:innen sehr gut, andere erwarten, dass sie das nötige Rüstzeug bereits mitbringen.»

Am Tisch im Therapiezimmer wird es mittlerweile etwas unruhig. Zwei Knaben beginnen auf ihren Stühlen herumzurutschen. Einer will während der mündlichen Aufgabe etwas trinken. «Machen wir dies noch fertig, nachher kannst du zum Lavabo gehen», entgegnet ihm Sophie Smayra. Unterdessen ist der zweite Schüler aufgestanden und hat sich vom Gestell an der Wand einen Tennisball genommen. Die Heilpädagogin ermahnt ihn, er müsse zuerst fragen, bevor er spielen dürfe. Kurz darauf bittet der Junge darum. «Ja», antwortet Smayra. «Danke, dass du gefragt hast.» Ihre Beobachterin wertet diese Episode als gutes Beispiel für eine positive Verstärkung fördernswerter Eigenschaften. «Dieses Lob bewirkt wahrscheinlich mehr, als wenn die Heilpädagogin den Jungen bestraft hätte, als er ohne zu fragen aufstand», erklärt Lüthi. Die junge Fachperson zeige schon sehr geeignete Strategien im Umgang mit schwierigem Verhalten.
Kurz darauf fällt Sophie Smayra ein, dass die Gruppe die Grammatik-Übungshefte im Schulzimmer vergessen hat. Kurzerhand nimmt sie dieses Versäumnis als Anlass für eine Bewegungspause. Sie eilt mit den Kindern die drei Stockwerke hinunter, um die Hefte zu holen. Kurze Zeit später kommen sie etwas ausser Atem in den Therapieraum zurück und arbeiten konzentriert weiter. Sophie Smayra könne sehr gut aus der Situation heraus improvisieren, kommentiert Lüthi diese Sequenz. Im Schulhaus werde auch erwartet, dass sie bei einem Ausfall einer Klassenlehrperson kurzfristig einspringe. Vom Typ her gehöre Sophie aber zu jenen, die möglichst genau vorausplanen und dies auch sehr gut beherrschen.
Das Spannungsfeld zwischen Planung und spontanem Entscheiden – im Fachjargon Inkrementalismus – ist ein weiterer Fokus von Katharina Lüthis Forschungstätigkeit. Über diesen Teilaspekt hat sie bereits ein Paper auf einer Wissenschaftsplattform publiziert. Einige Lehrpersonen seien sich das Planen aufgrund ihres biografischen und kulturellen Hintergrunds schlicht nicht gewohnt, hat sie beobachtet. Ein unorganisiertes Vorgehen führe im Unterricht oft zu Störungen, Zeitverlust und Konflikten, zuweilen aber auch zu kreativen Lösungen und Lerngelegenheiten für die Lehrperson und Schüler:innen. Aufgrund dieser Erkenntnisse plädiert Lüthi für mehr Verständnis für unkonventionelle Herangehensweisen. «Planung bleibt wichtig, aber es braucht auch Raum für situatives, schrittweises Entscheiden.»
Wissenschaftliche Distanz
Katharina Lüthi war ursprünglich selbst Primarlehrerin. Nach 27-jähriger Tätigkeit entschied sich die heute 62-Jährige für ein Studium der Soziologie. «Ich war glücklich als Lehrerin, doch ich spürte, dass ich nochmals eine neue Herausforderung brauchte», erzählt die Emmentalerin. «Dann hat mir die Forschung den Ärmel reingezogen.» Sie doktorierte und arbeitete als Mentorin und Dozentin an den Pädagogischen Hochschulen in Luzern und Solothurn. 2022 wechselte sie an die PH Zürich. Bei ihren Unterrichtsbesuchen sei sie oft etwas im Zwiespalt, gesteht sie. Als Wissenschaftlerin sei sie eigentlich an die distanzierte, nicht wertende Rolle gebunden. Doch mit ihrer langjährigen Erfahrung im Schulumfeld verspüre sie manchmal den Reflex, in schwierigen Situationen unterstützend einzugreifen. Wenn sie im Nachhinein um eine Rückmeldung gebeten wird, widersetzt sie sich in der Regel nicht. «Ich betone jedoch, dass ich dies ausserhalb meiner Rolle als Forscherin tue.»

In den verbleibenden drei Jahren ihres Berufslebens will Lüthi das umfangreiche Datenmaterial, das sie generiert hat, gemeinsam mit ihrem Team noch auswerten. Zudem habe sie «en passant» Sequenzen aus dem Unterricht gesammelt, die sich gut als Anschauungsbeispiele für die Lehre an der PH Zürich verwenden liessen – zum Beispiel ein Transkript einer Konfliktsituation, die eine Lehrperson vorbildlich meistert. Diese Dokumente will Lüthi noch aufbereiten und den Dozierenden zur Verfügung stellen. «So wird unsere Forschung auch nutzbar für die Lehre.»
Im Schulhaus Schwandel steht an diesem Freitag die letzte Morgenlektion an. Sophie Smayra ist nun im Klassenzimmer tätig, wo sie einzelne Schüler:innen nach Bedarf unterstützt. Katharina Lüthi beobachtet sie auch hier stets mit etwas Abstand. Als der Klassenlehrer auf den Gong schlägt, verstummen die Kinder und hören zu. Kurz darauf stürmen alle zum Zimmer hinaus in die Mittagspause. Die beiden Frauen verabschieden sich herzlich.
Das Projekt
Der Prozess des Lehrperson-Werdens ist nach dem Diplom nicht abgeschlossen. Das Forschungsprojekt TriLSA (Trajektorien im Lehrberuf – Subjektivierung in schulischen Anerkennungsordnungen) untersucht die Entwicklung von Lehrpersonen nach Abschluss ihrer Ausbildung. Während im Rahmen des Vorgängerprojekts von 2021 bis 2024 Studierende begleitet wurden, stehen diese im aktuellen Projekt als Berufseinsteiger:innen im Fokus. Das vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Projekt der PH Zürich steht unter der Leitung von Tobias Leonhard und läuft noch bis Ende 2028. Neben Katharina Lüthi begleiten Alexandra Ketsch und Salome Schneider Boye als ethnografische Feldforscherinnen insgesamt neun Lehrpersonen.


