FOKUS LERNENAusgabe 2/2026 : Mehr Motivation und Zufriedenheit durch selbstreguliertes Lernen

Auf der Treppe sitzen drei Mädchen mit Heften und einem Tablet. Sie besprechen zusammen das Interview zum Thema Schule, das sie mit ihrer Lehrerin geführt haben. In der Schweiz gebe es im Vergleich mit Indien sehr viele Schulen pro Kind, haben sie erfahren. Früher hätten zudem nur Knaben reicher Familien in die Schule gehen dürfen. Doch ein Mann namens Johann Heinrich Pestalozzi habe es wichtig gefunden, dass jedes Kind die Schule besuchen darf, haben sie weiter herausgefunden. Was ihre Lehrerin nicht wusste, haben sie auf der Kinder-Suchmaschine «Frag Finn» recherchiert. Nun wollen die drei einen Text für die Schulhauszeitung schreiben.
Im Winterthurer Schulhaus Talacker steht an diesem Dienstagmorgen der Deutschkurs – wie der Deutschunterricht hier genannt wird – auf dem Programm. Das kleine Schulhaus bietet Platz für etwa 75 Schüler:innen der 1. bis 4. Klasse, darunter eine Aufnahmeklasse für neu zugezogene Kinder mit mangelhaften Deutschkenntnissen. Die Schule setzt auf altersdurchmischtes Lernen (ADL). Die Kinder sind zwar in eine Stammklasse eingeteilt – im Talacker heisst diese «Heimat». Dort versammeln sie sich jeden Morgen zu einer Befindlichkeitsrunde, Tagesbesprechung, zum Singen, Spielen und Diskutieren. Danach dürfen sie sich meist frei im Schulhaus bewegen und werden von verschiedenen Mitgliedern des Schulteams betreut. An diesem Morgen arbeiten sie gruppenweise an selbstgewählten Beiträgen für die Schulhauszeitung. Die verschiedenen journalistischen Textsorten und Vorgehensweisen wurden bereits vorgängig besprochen.
Eigenständig, aber gut begleitet
An einem Tischchen sitzen drei Jungs und überlegen sich Reime. Einige haben sie schon notiert: Rache-Drache oder Sachen-Machen. Später wollen sie damit ein Gedicht über Fabelwesen schreiben. Derweil sucht Manuel (alle Kindernamen geändert) am Tablet die neusten Informationen über Donald Trump zusammen. Er will in der Schulhauszeitung die News beisteuern. Zwei andere Buben füllen ein Blatt aus mit einem vorgefertigten Steckbrief von Fussballer Cristiano Ronaldo. Nebenan bereitet Ilona ein Interview zum Thema Geld vor, das sie mit ihrem Grosi führen will. Sie hat sich bereits einige Fragen notiert: Wer hat das Geld erfunden? Wieso braucht man Noten und Münzen? Eine Lehrerin erklärt zwei Mädchen nochmals, wie man ein Interview dokumentieren kann – entweder durch Aufzeichnen oder Aufschreiben. «Ihr müsst die Durchführung gut planen», betont sie. «Nicht nur die Fragen, sondern auch Zeitpunkt und Ort des Treffens.»


Das selbstregulierte Lernen hat im Oberwinterthurer Schulhaus einen hohen Stellenwert. «So braucht es weniger Energie, um die Schüler:innen zu motivieren, und die Zufriedenheit ist grösser», sagt Co-Schulleiterin Julia Maier. «Zudem haben wir in diesem Schulhaus weniger disziplinarische Themen als anderswo», stellt Maier fest, die in einem weiteren Schulhaus der Schuleinheit Rychenberg als Schulleiterin tätig ist. Nach der Renovation des rund 125 Jahre alten Schulhauses Talacker wurde das Team im Sommer 2024 neu zusammengesetzt. Es konnte sozusagen seine Traumschule ganz neu gestalten: den Schulalltag, die Organisation und die Methoden. Zentrale Elemente des neuen Konzepts sind eine enge Zusammenarbeit der Lehrpersonen mit fixen Austauschgefässen und weitgehend einheitliche Unterrichtsweisen. Das Team ist gemeinsam für alle Kinder zuständig und alle Kinder arbeiten auf verschiedenen Niveaus am gleichen Thema. Die einheitlich und reizarm gestalteten Zimmer bilden eine Lernlandschaft, die selbstständiges Lernen erleichtert. Zur Orientierung sind auf den Wandtafeln der Tagesablauf und die Arbeitsorte der einzelnen Kinder ersichtlich. Jedes Kind hat zudem eine eigene Arbeitskiste und mit verschiedenen Instrumenten hält es seinen Ziele, Arbeitsschritte und erreichten Ziele fest.
«Die Lehrpersonen wollen nicht mehr zurück ins klassische System», betont Julia Maier. Und auch der Grossteil der Eltern sei positiv eingestellt. Nur eine Minderheit sei der Meinung, den Kindern werde zu wenig klassisches Wissen vermittelt. Manche würden zudem bemängeln, dass sie den Lernstand ihres Kindes kaum mitverfolgen können, weil es im Talacker auch keine Hausaufgaben gibt. Die Eltern sind jedoch jeden Monat zu einem Besuchstag eingeladen und eine Gruppe arbeitet aktiv in der Schulentwicklung mit. Weil das Schulhaus Talacker nur die ersten vier Klassen anbietet, werden die Kinder Anfang fünfte Klasse in ein anderes Schulhaus wechseln. «Mit den Übergängen haben wir nach eineinhalb Jahren noch keine Erfahrung», sagt die Schulleiterin. «Es wird sich zeigen, wie die Kinder mit den Jahrgangsklassen in den anderen Schulhäusern zurechtkommen.» Die Schule Rychenberg mit drei Schulhäusern hat einen Quims-Status.
Zu Beginn anspruchsvoll
Der hohe Anteil an selbstständigem Lernen sei für einige Kinder anfangs nicht einfach gewesen, ergänzt Lehrerin Anna Rieder. «Zu Beginn war es teilweise sehr unruhig. Jetzt haben sich die meisten Kinder gut daran gewöhnt.» Für Kinder mit speziellen Bedürfnissen seien der offene Rahmen und der häufige Wechsel von Lehrpersonen und Räumen teilweise weiterhin herausfordernd. Diese werden von den Lehrpersonen, Therapeut:innen und Assistent:innen eng betreut. Im ersten Schuljahr habe man die Kinder im Matheund Deutschkurs in möglichst leistungshomogenere Gruppen eingeteilt, erzählt Rieder. Dies sei jedoch anspruchsvoll gewesen, vor allem wenn ein Kind in eine andere Gruppe wechseln sollte. Unter anderem deshalb habe man auf altersdurchmischte Gruppen umgestellt. «Wir finden es sinnvoll, wenn Kinder verschiedenen Alters und mit ihren individuellen Stärken und Schwächen einander helfen können.»


Als Praxisleiterin der Schuleinheit Rychenberg ist Anna Rieder zudem für Praxisplätze für Studierende der PH Zürich zuständig. Gemeinsam mit einer Mentorin oder einem Mentor der Hochschule begleitet sie eine Gruppe über zwei Jahre hinweg in den Praktika. Auch im Schulhaus Talacker hat sie bereits Praxisplätze angeboten. Für einige Studierende sei es herausfordernd gewesen, in einem Schulmodell zu unterrichten, das ziemlich anders ist, als sie es in der eigenen Schulzeit erlebt haben. Frontalunterricht gebe es so gut wie nicht im Schulhaus Talacker. Wird etwas Neues erklärt wie etwa eine Grammatikregel, geschieht dies meist in Form eines kurzen Inputs in einer kleineren Gruppe. An diesem Morgen zum Beispiel liest Lehrerin Rebecca Gershoni ihrer Gruppe aus dem Buch «Ronja Räubertochter» vor. Die Kinder dürfen es sich nach Belieben bequem machen. Nach diesem kurzen Eintauchen in die Geschichte sind sie bereits mitten im Deutschkurs angekommen. Sie holen ihre Arbeitskiste und suchen sich einen Platz zum Arbeiten.
Rückblick auf letzte Stunde
Drei Knaben gehen ins Spielzimmer in der Ecke, wo sie auf dem Boden liegend in ihre Hefte schreiben. Sie üben konzentriert ihre Buchstaben, ohne sich von den herumliegenden Spielsachen ablenken zu lassen. «Alle haben unterschiedliche Lernziele», erklärt Gershoni. «Einige müssen den optimalen Druck auf das Papier finden, andere arbeiten zum Beispiel am Schreibtempo.»
Kurz vor der Zehn-Uhr-Pause versammeln die Lehrerinnen die ihnen zugeteilte Gruppe nochmals. Gemeinsam halten sie einen kurzen Rückblick auf die letzte Stunde. «Was habt ihr heute gemacht und was nehmt ihr euch für den Donnerstag vor?», fragt Anna Rieder. Noé ist zufrieden. «Ich bin weitergekommen mit meiner Recherche über den sibirischen Tiger. Ich habe mein Tagesziel erreicht.» Während die Kinder auf den Pausenplatz hinunter rennen, versammeln sich die Lehrpersonen im Teamzimmer zum Kaffee.


