FOKUS LERNENAusgabe 2/2026 : «Das Gefühl, eine Idee in die Umsetzung zu bringen, ist unglaublich motivierend»
Er hat als Teenager die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium nicht bestanden – aber mit Anfang 20 ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. Jo Dietrich glaubt an Eigenverantwortung und den Mut, einfach zu machen. Ein Gespräch über Lernmomente, die ausserhalb einer Schullektion passieren.

- Jo Dietrich, Sie haben Anfang 20 mit Ihrer Partnerin Yaël Meier die Beratungsagentur Zeam gegründet. Heute führen Sie ein Team von rund 40 Personen. Was treibt Sie persönlich an?
- Ich bin immer stark meinen Interessen gefolgt. Das war nie ein rein strategischer Weg, sondern eher eine Mischung aus Neugier und innerem Antrieb. Wenn mich etwas wirklich interessiert hat, konnte ich unglaublich viel Energie dafür aufbringen. Gleichzeitig habe ich mir schon früh Ziele gesetzt – aber eher im Sinne von Orientierung. Ich wollte mir Optionen offenhalten, indem ich die Voraussetzungen schaffe. Ob ich diese Ziele dann genau so umsetze, war nicht entscheidend. Wichtig war mir, dass ich die Möglichkeit dazu habe.
- Wie müssen wir uns diese Gründungszeit vorstellen, wie kam die Idee und woher hatten Sie den Mut für die Umsetzung?
- Ich hatte damals gerade mein Masterstudium gestartet. Yaël, meine Mitgründerin, war 19 Jahre alt und hatte einen Vollzeitjob. Wir haben vermehrt Produkte und Kampagnen beobachtet, die an uns und unsere Altersgruppe gerichtet waren, aber so niemals funktionieren konnten. Wir haben uns gefragt, wie sie zustande kommen, und festgestellt, dass in den Unternehmen niemand am Tisch sitzt und mitreden kann, der oder die unter 30 Jahre alt ist. Uns war sofort klar: Das müssen wir ändern.
- 2020 wurden Sie gemeinsam mit Yaël Meier als vielversprechende Jungunternehmer:innen in die renommierte «Forbes»- Liste «30 unter 30» für die DACH-Region, also Schweiz, Deutschland und Österreich, aufgenommen. Gab diese Auszeichnung mit 23 Jahren Druck für Sie?
- Die Auszeichnung von «Forbes» haben wir neun Monate nach der Gründung von Zeam erhalten. Für uns war sie ein Zeichen, dass unsere Idee, junge Menschen an den Tisch der Entscheidungen zu bringen, in der Wirtschaft angekommen ist. Das machte uns keinen Druck, das gab uns richtig viel Motivation.
- Nebenbei haben Sie eine Familie gegründet und sind Eltern von drei Kindern. Auch das braucht viel Mut.
- Mitten im Studium, Job gekündigt, frisch ein Unternehmen gegründet und dann will man ein Kind: So gesehen kann ich verstehen, wieso meine Eltern etwas schockiert waren. Damals fühlte sich das für mich selbstverständlich und sehr natürlich an. Und ja, es ist die beste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe.
- Viele junge Menschen tun sich schwer damit, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.
- Ich glaube, Verantwortung ist weniger eine Fähigkeit als ein Mindset. Entweder man entwickelt früh den inneren Antrieb, Dinge selbst umzusetzen – oder eben nicht. Bei uns im Unternehmen achten wir extrem darauf, dass Leute bereits gezeigt haben, dass sie Dinge eigenständig von A bis Z umsetzen können. Das kann ein Projekt sein, ein Youtube-Kanal oder eine besondere Maturaarbeit. Dieses «Ich mache das jetzt einfach» ist für mich entscheidend. Aber gerade diese Möglichkeiten – überhaupt etwas anpacken zu können – fehlen für junge Menschen häufig im klassischen Schulund Arbeitskontext.
- Heisst das, Schule fördert die Eigenständigkeit zu wenig?
- Oft, ja. Viele Aufgaben sind sehr stark vorgegeben: «Macht diese drei Blätter bis nächste Woche», das ist noch kein selbstgesteuertes Vorgehen. Selbstverantwortung entsteht nicht dadurch, dass man Aufgaben beziehungsweise die Zeit dafür selbst einteilt. Sie entsteht, wenn man echte Verantwortung trägt – für ein Ergebnis, das Bedeutung hat. Dafür braucht es Räume, in denen Schüler:innen wirklich gestalten können und Verantwortung übernehmen müssen.
- Gab es bei Ihnen solche Momente in der Schulzeit?
- Für mich gab es einen entscheidenden Moment. Im Rahmen des Abschlussprojekts Young Enterprise Switzerland an der Handelsmittelschule mussten wir ein eigenes Unternehmen gründen und ein Jahr daran arbeiten. Dort habe ich zum ersten Mal gemerkt: Das ist mein Ding. Ich konnte eine eigene Idee entwickeln und zum Leben erwecken. Ich habe in diesem Jahr mehr gelernt als in vielen anderen Schuljahren zusammen. Dieser Funke, der gesprungen ist, gab mir die Initialzündung für alles, was danach folgte.
- Sie sprechen von einem Funken. Wie wichtig kann dieser für Lernprozesse sein?
- Extrem wichtig. Wenn jemand einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, etwas wirklich selbst zu schaffen, dann verändert das alles. Dieses Gefühl, eine Idee in die Umsetzung zu bringen, also selbstwirksam zu sein, ist unglaublich motivierend. Ich glaube, die wichtigste Aufgabe unserer Schule ist es, genau diesen Funken zu ermöglichen. Dafür braucht es die richtigen Voraussetzungen und Gestaltungsspielräume.
- Sie haben selbst auch Rückschläge erlebt – etwa die nicht bestandene Aufnahmeprüfung ans Gymnasium. Wie hat Sie das geprägt?
- Ich war nie ein formbarer Durchschnittsschüler, der bereitwillig für alle Fächer lernen wollte. Entweder ich war sehr gut oder sehr schlecht – je nach Interesse. Rückblickend glaube ich, dass das System zu stark auf Schwächen fokussiert. Man versucht, Schüler:innen in Bereichen zu verbessern, die ihnen gar nicht liegen, statt ihre Stärken auszubauen. Dabei weiss man, dass echte Motivation fast immer über Stärken entsteht.
- Sie würden also sagen: Stärken fördern statt Schwächen korrigieren?
- Ganz klar. Wenn ein:e Schüler:in in einem Bereich richtig gut ist, gibt das enorm Selbstvertrauen. Und dieses Selbstvertrauen strahlt in die anderen Bereiche aus. Gerade heute, wo viele junge Menschen durch das ständige Vergleichen auf den sozialen Medien verunsichert sind, ist es extrem wichtig, etwas zu haben, eine eigene Stärke, worin man sich sicher fühlt.
- In Ihrem Unternehmen setzen Sie stark auf Eigenverantwortung. Wie funktioniert das mit so jungen Mitarbeitenden?
- Unser Team ist im Schnitt Anfang zwanzig. Und ja – sie können Verantwortung übernehmen, ganz klar. Aber nur, wenn man sie ihnen auch wirklich gibt. Junge Menschen können viel mehr, als man ihnen zutraut. Unser wichtigstes Angebot an unsere Mitarbeitenden: Du bekommst Verantwortung. Und wir behandeln die Leute als Erwachsene. Gleichzeitig erwarten wir auch, dass sie diese Verantwortung annehmen.
- Es heisst immer wieder, die Jungen seien weniger belastbar. Was ist Ihre Erfahrung?
- Das stimmt so nicht. Ich glaube eher, dass man uns immer weniger zutraut. Es gibt das kulturelle Muster, Alter wird automatisch mit Kompetenz gleichgesetzt. Aber das stimmt heute nicht mehr. Denn Kompetenz ist an Erfahrung gekoppelt, nicht ans Alter. Gerade durch technologische Entwicklungen können junge Menschen sehr schnell sehr viel Kompetenz aufbauen und in gewissen Fachgebieten mehr Erfahrung haben als ältere Mitarbeitende. Deshalb muss man den Jungen die Chance geben und sie machen lassen. Es ist wichtig, dass wir uns vom Gedanken lösen, dass Alter immer etwas mit Kompetenz zu tun hat.
- Sie sprechen oft von «machen». Warum ist das so zentral?
- Weil Lernen ohne konkrete Anwendung abstrakt bleibt. Schüler:innen fühlen sich vielleicht produktiv, denn sie arbeiten Listen ab, absolvieren Prüfung um Prüfung, von Zeugnis zu Zeugnis. Aber eigentlich haben sie nichts Eigenes umgesetzt. «Machen» bedeutet für mich, selbst in die Umsetzung zu gehen und Verantwortung für ein Ergebnis zu übernehmen. Und dieses Gefühl, etwas wirklich selbst erreicht zu haben, ist durch nichts zu ersetzen.
- Wo sehen Sie dabei die Rolle der sozialen Medien und der künstlichen Intelligenz?
- Soziale Medien und KI können beides sein – ein reines Konsumangebot oder ein hilfreiches Umsetzungstool. Wenn Schüler:innen soziale Medien nur konsumieren, macht sie das passiv und es gibt wenig Lerneffekte. Bei KI sehe ich die Gefahr, dass wir uns unfassbar produktiv fühlen mit all den Analysen, Texten und Dashboards, die man produzieren kann. Was aber im Zentrum stehen sollte, ist die Umsetzung. Es geht mir nicht darum, soziale Medien oder KI zu verbieten, sondern zu lernen, sie gezielt zu nutzen, um damit etwas zu machen. Dazu braucht es Medienkompetenz und eine eigene Haltung, wie man vorwärtskommen will. Aber es ist klar, wenn soziale Medien und KI sinnvoll eingesetzt werden, um eigene Ideen umzusetzen, hat das unfassbar grosses Potenzial.
- Was würden Sie jungen Menschen mitgeben, die ihren Weg noch suchen?
- Probiert viel aus, folgt euren Interessen. Und vor allem: Macht Dinge. Nicht nur darüber reden, sondern umsetzen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem nicht mehr die besten Ideen zählen, sondern die Umsetzung. Und dann zeigt sich, wer wirklich bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
- Und wo sehen Sie die Rolle der Lehrpersonen hierfür?
- Schafft Räume, in denen Schüler:innen echte Verantwortung übernehmen können. Fördert ihre Stärken. Und vor allem: Gebt ihnen das Gefühl, dass sie etwas bewegen können. Wenn dieser Funke einmal da ist, läuft vieles von selbst.
Jo Dietrich
Jo Dietrich (1996) ist in Zürich aufgewachsen. Nach der Handelsmittelschule absolvierte er einen Bachelor of Science in Digital Business Management an der Fachhochschule Graubünden und anschliessend einen Master in Management an der Nova School of Business and Economics und der London School of Economics and Political Science. Seit 2020 führt er mit seiner Partnerin Yaël Meier die Beratungsagentur Zeam, die unterdessen 40 Mitarbeitende hat. Sie coachen Firmen und Organisationen, wie sie die Generation Z und Alpha gewinnen. Zudem ist Jo Dietrich Mitherausgeber des «Spiegel»-Bestsellers «Gen Z». Er und seine Partnerin Yaël Meier haben drei Kinder.


