CORE vita : Geflüchtete Jugendliche in Italien und der Schweiz stärken
Gesprächsbereit und souverän führen der Produktionsmechaniker Abraham Tesfazghi, die Konstrukteurin-Lernende Panteha Tahikhani und der Integrationslernede Nathnael Lebelo eine bunt gemischte Gruppe von italienischen und Schweizer Asyl-Expert:innen durch die Werkhallen des Industriebetriebs Everllence in Zürich. Die drei Personen mit Fluchthintergrund erzählen dabei von ihrem Integrationsweg, ihrer Ausbildung und der Integrationsvorlehre (INVOL). Diese bietet seit 2022 als einjähriges Brückenangebot einen Zugang zur Berufslehre in der Schweiz. Panteha Tahikhani bringt es auf den Punkt: «Für mich war die Integrationsvorlehre nicht nur eine Vorbereitung auf die Berufslehre, sondern viel mehr. Sie hat mir geholfen, meinen Selbstwert wiederzufinden und an meine eigenen Fähigkeiten zu glauben.»
An genau solchen Ansätzen war die italienische Delegation von 20 Personen interessiert, welche Ende Oktober die Pädagogische Hochschule Zürich (PH Zürich) besucht hat. Der Austausch war Teil des Projekts CORE vita, mit welchem die Abteilung Internationale Bildungsentwicklung der PH Zürich von 2025 bis 2027 zur Stärkung der Life Skills und der Integration von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) in Italien beiträgt. Dazu werden italienische Lehrpersonen, Betreuer:innen und Sozialarbeiter:innen zum Online-Lehrmittel CORE weitergebildet, welches die persönliche Entwicklung und die berufliche Integration von UMA fördert. Zusätzlich werden lokale Netzwerke unter Fachpersonen aufgebaut, die im Rahmen von Peer Learning den Austausch zu Herausforderungen und Best Practices ermöglichen. Das Projekt wird aus dem zweiten Schweizer Beitrag an ausgewählte EU-Mitgliedstaaten finanziert und vom Staatssekretariat für Migration sowie von der Schweizer Botschaft in Italien unterstützt.

Marta Prarolo, Pädagogin und Projektmitarbeitende aus Italien, hob hervor, dass bei diesem Austausch die praktische Implementation im Vordergrund stehe: «Aufgrund unserer direkten Arbeit mit Kindern und Jugendlichen interessieren wir uns insbesondere für die konkrete Umsetzung von Bildung und Integration für UMA auf lokaler Ebene sowie die Fragen, die dabei auftauchen.» Die Einblicke bei der Asyl-Organisation Zürich AOZ, der Berufsschule Mode und Design sowie bei Everllence und die darauffolgenden Diskussionen an der PH Zürich zeigten den Umfang des gegenseitigen Interesses zwischen der Schweiz und Italien und das Potenzial, voneinander zu lernen.
Gleichzeitig wurde während des Austauschs die Komplexität der Situation von UMA zwischen Rechtssicherheit, Altersabklärungen und Berufsmöglichkeiten sichtbar. Véronique Reisinger, Lehrerin am Limmatschulhaus Zürich, betonte: «Welche Bildungs- und Karrierechancen die Kinder und Jugendlichen schlussendlich erhalten, hängt bisweilen von der jeweiligen Gemeinde, der Schule und den Lehrpersonen ab.» Eine Problematik, die auch Jugendarbeiter Federico Giometti aus Italien kennt: «Je nach Region bieten sich den UMA ganz andere schulische und berufliche Möglichkeiten».

Neben diesen gemeinsamen Herausforderungen fanden sich aber auch zahlreiche Unterschiede, wo die Schweiz und Italien im Rahmen von Best Practices voneinander lernen können. Während die italienischen Expert:innen beispielsweise an der engen Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen im Schweizer Bildungssystem interessiert waren, wollten die Schweizer Fachpersonen vor allem mehr über die Erfahrungen ihrer italienischen Kolleginnen in der Bildungsarbeit mit UMA erfahren. Dabei wurden auch die verschiedenen Grössenordnungen besprochen, da einzelne Gemeinden in Italien teilweise gleich viele Kinder und Jugendliche betreuen wie ganze Schweizer Kantone.
Die drei Tage voller Gespräche und neuer Erkenntnisse waren dann auch schnell um. Doch der Austausch im Rahmen von CORE vita soll weitergeführt werden, einerseits durch den Aufbau und die Festigung der lokalen Netzwerke, andererseits durch weitere CORE-Workshops in Italien, die bisher in vierzehn von zwanzig italienischen Regionen durchgeführt worden sind. Bis Ende der Projektlaufzeit sollen damit rund 5000 UMA in Italien erreicht und in ihren Life Skills und der Realisierung ihres beruflichen Potentials gestärkt werden. Damit sie wie die drei Mitarbeitenden von Everllence auf eine erfolgreiche schulische und berufliche Entwicklung zurückblicken können. Oder mit den Worten von Panteha Tahikhani: «Heute gehe ich selbstbewusster durchs Leben, habe neue Ziele und blicke mit Hoffnung in die Zukunft.»
Kostenfreies Online-Lehrmittel CORE
CORE vita reiht sich ein in eine Reihe von Projekten, welche das Life-Skills-Lehrmittel CORE verwenden, das von der Abteilung Internationale Bildungsentwicklung der PH Zürich entwickelt wurde. Seit 2017 wurde es in verschiedenen Projekten in Italien, Griechenland, Libanon und Ägypten eingesetzt und steht kostenlos auf Englisch, Arabisch, Griechisch, Dari und Italienisch auf der Plattform IPE-Textbooks zur Verfügung.


