Klimawandel : Die Herausforderungen der Klimabildung

Nachhaltige Entwicklung, in der Schweizer Bundesverfassung und im Lehrplan 21 verankert, wird von Lehrpersonen oft zurückhaltend behandelt, zeigt die Forschung. Eine aktuelle Studie der PH Zürich untersucht, wie angehende Lehrpersonen in diesem Bildungsziel besser unterstützt werden können.

Mittwoch, 31. Januar 2024

Petra Breitenmoser geht in einem Forschungs- und Entwicklungsprojekt der PH Zürich der Frage nach, weshalb angehende Lehrpersonen das Thema Klimawandel trotz der gesellschaftlichen Relevanz und des bestehenden Interesses der Schüler:innen nur zurückhaltend aufgreifen. Frühere Studien, auch aus dem internationalen Kontext, zeigen, dass sich Lehrpersonen auf der Primarschulstufe oft nicht kompetent genug fühlen, um das Thema altersgerecht zu unterrichten. Sie scheuen häufig vor möglichen kontroversen Reaktionen zurück und neigen dazu, das Thema zu meiden.

Petra Breitenmoser, Sie leiten zusammen mit Manuela Keller-Schneider ein Forschungsprojekt zum Thema «Klimawandel unterrichten». Welche Herausforderungen stellen sich bei diesem Thema?
Als eines der Schlüsselthemen der Nachhaltigen Entwicklung ist der Umgang mit dem Klimawandel ein zentrales Bildungsanliegen. Es stellt sich jedoch die Frage, wie Lehrpersonen befähigt werden können, dieses komplexe und kontrovers wahrgenommene Thema stufengerecht zu unterrichten. Angehende Primarlehrpersonen stehen bei den Themen der Nachhaltigen Entwicklung vor diversen Herausforderungen: Dazu gehören die hohe Komplexität der Thematik, dann aber auch gesellschaftlich widersprüchlich wahrgenommene Haltungen, fehlende konkrete Lehrplanvorgaben, die Unkenntnis von Unterrichts- und Lernmaterialien, die knappe Unterrichtszeit und ein Mangel an fachlichem und fachdidaktischem Wissen. Hinzu kommen individuelle Faktoren, etwa mangelndes Selbstvertrauen oder eine als unzureichend wahrgenommene Unterstützung durch Schule und Behörden.

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie bisher in der Studie gewonnen?
Die befragten angehenden Primarlehrpersonen vermeiden das Thema, sind verunsichert, wollen es «allen recht machen» und nehmen die Thematik als «zu heisses Eisen» wahr. Sie begründen ihre Zurückhaltung häufig mit fachlichen Unsicherheiten oder mit persönlichen Einstellungen. Viele Studierende setzen Klimabildung zudem mit der Vermittlung von einseitig naturwissenschaftlichem Fachwissen, zum Beispiel dem Treibhauseffekt, oder der Erziehung zu umweltbewusstem Verhalten, zum Beispiel der Abfalltrennung, gleich. Die gesellschaftliche beziehungsweise politische Perspektive wird häufig ausgeklammert. Einige wenige Studierende drücken ausserdem Zweifel am Stand der Forschung aus. Und dies, obwohl wir heute wissen, dass der Stand der Klimaforschung genauso breit abgestützt und abgesichert ist wie bei anderen Forschungsthemen. Die Schule, ja die ganze Gesellschaft, braucht ein Referenzsystem an Wissen und reflektierten Werten. Auf diese muss man sich als Lehrperson beziehen können.

Was benötigen Lehrpersonen, um das Thema trotz seiner Komplexität zu unterrichten?
Für die Klimagrundbildung eignet sich ein Ansatz, der einzelne Bezugspunkte aus Vorstellungen, Interessen und Fragen von Schülerinnen und Schülern aufgreift sowie von aktuellen Ereignissen aus der Lebenswelt der Kinder ausgeht. Gleichzeitig ist es wichtig, dass eine Lehrperson nicht die gesamte «Klimakrise» vermitteln muss. In meinen Aus- und Weiterbildungen knüpfe ich häufig bei den (Fehl-)Vorstellungen der Studierenden an. Denn Lehrer:innen müssen sehr gut gerüstet sein, um nicht selbst falsche Fakten oder Kausalitäten zu vermitteln, die bei diesem Thema leider oft den öffentlichen Diskurs prägen. Auch ist es unerlässlich, dass Lehrpersonen Bewertungskompetenz vermitteln und ihren Schülerinnen und Schülern damit ermöglichen, wissenschaftliche Fakten mit Werten in Verbindung zu bringen. Angehende Primarlehrpersonen müssen lernen, die Komplexität und die Kontroversität solcher Themen zuzulassen und die damit verbundenen Unsicherheiten auszuhalten.

Auf welchen Schulstufen soll das Thema unterrichtet werden?
Im Zyklus eins und zwei, also auf der Kindergarten- und der Primarschulstufe, ist das Thema im Lehrplan 21 im Fach Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG) nicht explizit aufgeführt. Beziehungen zwischen der Natur, den Nutzungsformen der Menschen, beobachtbaren Änderungen im Klimasystem und Folgen des Klimawandels sowie mögliche Massnahmen zum Klimaschutz können jedoch problemlos in NMG aufgenommen werden. Mögliche Aufhänger sind das Wetter, Energie, Umweltveränderungen, Natur-Mensch-Beziehungen oder verschiedene Lebensrealitäten von Menschen. Zudem gibt es auch viele Bezüge zu überfachlichen Themen wie natürliche Umwelt und Ressourcen, globale Entwicklung und Frieden, Wirtschaft und Konsum oder Politik, Demokratie und Menschenrechte. Im Themendossier von Éducation 21 finden sich für alle Stufen entsprechende Unterrichtsmaterialien, Lernmedien und Unterrichtsbeispiele. Auf der Sekundarstufe I ist das Thema Klimawandel verbindlicher Lernstoff. Angesichts der hohen Relevanz des Themas in unserer Gesellschaft erachte ich es jedoch als zentral, dass die aktuellen Fragen der Kinder, widersprüchlich diskutierte Aspekte und damit verbundene Unsicherheiten in der Gesellschaft bereits früh altersgemäss aufgegriffen und diskutiert werden.

Fachartikel

Zum Projekt «Klimawandel unterrichten: Wissen, Einstellungen und Herausforderungen angehender Primarlehrpersonen» haben die beiden PHZH-Forscherinnen im Journal «Progress in Science Education» einen Fachartikel publiziert.

Zu den Personen

Porträtfoto von Dr. Petra Breitenmoser

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