Mobilitätssemester : Eine Begegnung der besonderen Art
Ari Hechel studiert an der PH Zürich im Studiengang Sekundarstufe I. Vor Kurzem nutzte er die Gelegenheit, ein Mobilitätssemester in Melbourne zu absolvieren. Dort lernte er John Hattie, Professor für Erziehungswissenschaften, Direktor des Melbourne Education Research Institute und Autor der vielzitierten Metastudie «Visible Learning», kennen. Die Studie macht Aussagen dazu, welche Methoden und Handlungen sich positiv oder negativ auf das Lernen auswirken. Sie erfasst insgesamt 240 Millionen Schülerinnen und Schüler und wird laufend erweitert.
Ari Hechel, Sie haben während Ihres Mobilitätssemesters John Hattie persönlich getroffen. Wie verlief diese Begegnung?
Ich war während des ganzen Semesters auf eigene Initiative per E-Mail mit Professor Hattie in Kontakt und kurz vor meiner Abreise trafen mein Studienkollege Tobi und ich ihn zu einem Kaffee. Wir hatten eine Liste mit Fragen vorbereitet und er nahm sich zwei Stunden Zeit, diese zu beantworten.
Teilen Sie mit uns ein paar dieser Fragen und Professor Hatties Antworten darauf?
Beispielsweise fragten wir ihn, was er für eine gute Unterrichtslektion halte. John Hattie meinte, dass eine gute Lektion daran erkennbar sei, dass die Schüler:innen den Stoff danach selbst anderen Leuten beibringen können. Er erklärte, dass man vor der Grobplanung der Lektionen die Prüfung schreiben solle. Danach könne man die Lektionen so gestalten, dass die Schüler:innen für die Lernevaluation bereit sind. In die Prüfungen könne man auch (vielleicht als Bonusfrage) eine Aufgabe aus der nächsten Prüfung integrieren.
Er sprach auch darüber, dass Lehrpersonen in der Politik aktiver sein sollten: «We must dictate policy» – anstatt dass Leute ohne pädagogische Erfahrung den Schulen und Lehrpersonen ihre Ideen aufzwingen.
Auf unsere Frage, wieso manche Länder in den Pisa-Studien so viel besser seien als andere, antwortete er, dass ihn das internationale Länderranking weniger interessiere. Er empfahl uns, die besten Schulen in der Schweiz und Österreich zu finden und von diesen zu lernen.
Wir fragten ihn auch, wie man auf Stellensuche eine gute Schule erkennt. Darauf empfahl er uns, auf das «turntaking» im Teamzimmer zu achten. Wenn das Gespräch von wenigen Lehrpersonen dominiert wird, sollten wir die Schule meiden und eine andere finden, bei der alle Lehrpersonen sich beim Gespräch regelmässig abwechseln. Wir sollten auch fragen, wie wir uns an dieser Schule persönlich weiterentwickeln können.
John Hattie erwähnte, dass die ersten drei Jahre als Lehrperson die härtesten, aber auch die lehrreichsten seien. Ich erzählte ihm von der praxisbegleiteten Masterphase an der PH Zürich und er meinte, dies sei ein grossartiges Programm, da wir durch den Mix aus Praxis und Theorie am meisten lernen könnten. Für den Einstieg in den Beruf empfahl er uns das Buch «How to Be an Effective Teacher» von Harry K. Wong und Rosemary T. Wong. Zum Schluss schenkte er uns noch fünf Bücher, die er mitverfasst hatte.
Aktuell versuche ich, mit John Hattie eine Community für Lehrpersonen in den ersten drei Jahren des Unterrichtens aufzubauen, denn wir denken beide, dass da ein grosser Bedarf besteht.
Was nehmen Sie persönlich aus diesem Mobilitätssemester für Ihre künftige Lehrtätigkeit mit?
Der Austausch war ein unvergessliches Erlebnis und ich würde allen Studierenden empfehlen, diese Chance wahrzunehmen. Ich traf Leute aus der ganzen Welt, studierte an einer der 50 besten Universitäten weltweit, ging auf viele Reisen und sammelte unzählige neue Eindrücke. Mein Geografie-Unterricht wird sicherlich spannender und authentischer sein, da ich jetzt in Australien gelebt sowie Neuseeland und Vietnam bereist habe. Auch für meinen zukünftigen Geschichtsunterricht konnte ich viel Neues über die Geschichte von Australien, Neuseeland und Vietnam lernen.


