Studie «Sex Education Switzerland» : Stand und Entwicklungspotenzial der schulischen Sexualaufklärung

Eine Studie der PH Zürich im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation bietet einen aktuellen Überblick über Herausforderungen und Entwicklungspotenziale in der schulischen Sexualaufklärung.

Freitag, 13. Dezember 2024

Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) beauftragte die PH Zürich, eine Studie zum Stand und zum Entwicklungspotenzial der schulischen Sexualaufklärung durchzuführen. Roger Keller, Professor für Gesundheitspsychologie und Leiter des Forschungszentrums Inklusion und Gesundheit an der PH Zürich, realisierte die Studie «Sex Education Switzerland» (SES) zusammen mit Esther Kirchhoff und Simone Schoch, beide Advanced Researcher an der PH Zürich, zwischen Oktober 2023 und November 2024. Im Interview gibt er Einblick in die Ergebnisse der SES-Studie.

Roger Keller, wie kam es zu dieser Auftragsstudie und weshalb sind deren Ergebnisse relevant?
Die Debatte um die schulische Sexualaufklärung wird in der Schweiz seit Jahrzehnten geführt. Im Zentrum steht die Frage, ob die Familie oder die Schule für die Sexualaufklärung zuständig ist, ebenso die Ziele, Inhalte und Formen der Vermittlung. Gemäss den Rechtsgrundlagen auf Bundes- und Kantonsebene ist Sexualaufklärung nicht nur eine private, sondern auch eine öffentliche Bildungsaufgabe. Die Verantwortung liegt primär bei den Eltern, während Schulen – gestützt auf die sprachregionalen Lehrpläne (Lehrplan 21, Plan d’études romand, Piano di Studio) – sowie ausserschulische Angebote eine unterstützende Rolle einnehmen. Unsere Studie wurde durch ein Postulat im Sommer 2022 angestossen, das die Standards im Bereich der schulischen Sexualaufklärung in der Schweiz analysiert haben wollte. Der Bundesrat wurde aufgefordert, einen Bericht zu erstellen, der die aktuelle Praxis der Sexualaufklärung in der Schweiz untersucht.

Welche Ziele hat diese Studie und mit welcher Methodik wurde gearbeitet?
Die Studie verfolgte das Ziel, die Umsetzung der schulischen Sexualaufklärung in der Schweiz zu untersuchen und einen aktuellen Überblick über Herausforderungen und Entwicklungspotenziale zu liefern. Im Fokus standen dabei sowohl die obligatorischen Schulen und Sonderschulen als auch die Sekundarstufe II in den verschiedenen Sprachregionen. Es wurde ein Mixed-Method-Design angewandt, die quantitative Online-Befragungen mit vertieften Einzelinterviews und Gruppendiskussionen kombinierte. Befragt wurden nationale und kantonale Ämter, interkantonale Gremien, Fach- und Dienststellen sowie Berufsverbände und Weiterbildungsstätten.

Welche zentralen Befunde ergeben sich aus der Studie?
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die schulische Sexualaufklärung auf internationalen Rahmenkonzepten mit einem umfassenden Verständnis von Sexualität basiert. Sie zielt darauf ab, Kinder und Jugendliche zu schützen und ihnen altersgerechtes Wissen sowie Handlungskompetenzen zu vermitteln. Die Studie identifiziert drei übergeordnete Bereiche, in denen die schulische Sexualaufklärung verortet ist: biologisch-medizinische Aspekte, Bildung für Nachhaltige Entwicklung und überfachliche Kompetenzen. Diese Bereiche sind in den Lehrplänen enthalten, jedoch variieren die Vorgaben und Umsetzungskonzepte zwischen den Kantonen. Einige Kantone haben verbindliche Rahmenkonzepte, während andere nur Empfehlungen abgeben. Die Umsetzung wird selten überprüft, und die Finanzierung von Fachstellen ist oft unzureichend.

Was heisst dies konkret?
Das Bewusstsein für die Bedeutung der schulischen Sexualaufklärung ist in der Schweiz gestiegen, bedingt durch politische Vorstösse und die Integration des Themas in die sprachregionalen Lehrpläne. Fachstellen bieten wichtige Ressourcen für Schulen und fungieren als Anlaufstellen für Kinder, Jugendliche und deren Familien. Dennoch variiert der Zugang zu qualitativ hochwertiger Sexualaufklärung sprachregional, kantonal und auch innerhalb der Kantone, was zu einem ungleichen Zugang führen kann, insbesondere für Schüler:innen mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen oder wenig Kenntnissen in der vorherrschenden Landessprache. Wir haben ausserdem feststellen können, dass sich in der deutsch- und italienischsprachigen Schweiz ein kooperatives Modell zwischen Volksschulen und externen Fachstellen entwickelt, während dieses Modell in der französischsprachigen Schweiz bereits etabliert ist. Die Verantwortung für Planung und Umsetzung liegt in der Deutschschweiz, im Tessin sowie für Sonderschulen und die Sekundarstufe II im Vergleich zur Romandie stärker bei den einzelnen Schulen und Lehrpersonen.

Wo gibt es Entwicklungspotenzial? Welche Empfehlungen macht die Studie?
Die Studie gibt klare Empfehlungen ab, wie die Qualität der schulischen Sexualaufklärung sichergestellt werden kann und was es braucht, um Lehrpersonen und Schulleitungen bei der Umsetzung zu unterstützen. Es braucht unter anderem eine verbindliche Festlegung der Inhalte der schulischen Sexualaufklärung, ausreichend Ressourcen für den Einbezug von Fachstellen sowie eine fundierte Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen und Schulleitungen. Wichtig ist auch ein aktiver Einbezug der Eltern in den Schulen. Damit dies gelingt, empfehlen wir ein national koordiniertes Gremium und eine Begleitgruppe, die aus allen Interessensgruppen besteht und so eine schweizweit einheitliche Umsetzung der schulischen Sexualaufklärung unterstützt.

Download Studie

Die Studie «Sex Education Switzerland» ist auf der Website des SBFI verfügbar.

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Porträtfoto von Prof. Dr. Roger Keller

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