Internationale Bildungsentwicklung : Die Bedeutung des Perspektivenwechsels: Transkulturelles Lernen an der PH Zürich

Voneinander und miteinander lernen: Damit dies über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg funktioniert, sind transkulturelle Kompetenzen nötig. Was dies bedeutet und weshalb es auch für Schweizer Lehrpersonen und Schüler:innen relevant ist, erklärt PHZH-Professorin Wiltrud Weidinger im Interview.

Mittwoch, 17. April 2024

In einem der vielen Unterrichtsräume der PH Zürich tauscht sich eine Gruppe Studierender über den soeben besuchten Workshop aus. Wortfetzen aus Thai und Englisch sind zu vernehmen, zuvor ging es um Unterschiede im thailändischen und Schweizer Bildungssystem. Mit zweiundzwanzig Studierenden der Srinakharinwirot University besuchte Sumolnit Kerdnoonwong, Leiterin der Abteilung Erwachsenenbildung und lebenslange Bildung, die PH Zürich für eine Weiterbildung zu Schulentwicklung, Leadership und Educational Technology. Nachdem sie vor einigen Jahren selbst einen Kurs der PH Zürich besucht hatte, freut sich Sulmonit Kerdnoonwong, dass nun auch weitere Studierende ihrer Universität vom transkulturellen Austausch der beiden Hochschulen profitieren können.

Amornphong Suksen ist im zweiten Jahr seines Doktorats und interessiert sich insbesondere dafür, wie in der Schweiz digitale Medien im Unterricht verwendet werden. Mit seiner Forschung im Bereich Digital Literacy möchte er älteren Menschen in Thailand den Zugang zu digitalen Medien erleichtern.

Ein Gruppenbild mit Studierenden der Srinakharinwirot University Thailand und Vertreter:innen der PH Zürich auf dem Campusplatz der PH Zürich.

Doch es kommen nicht nur Studierende aus Thailand in die Schweiz. Auch Studierende der PH Zürich absolvieren an der Srinakharinwirot University ein Austauschsemester. Und im Rahmen ihrer Bestrebungen für transkulturelles Lernen beteiligt sich die PH Zürich an der International Conference on Education, die am 14. Juli 2024 in Bangkok stattfindet.

Als vernetzte Bildungsinstitution pflegt die PH Zürich Kooperationsbeziehungen mit über 100 Hochschulen weltweit, unterhält Mobilitätsangebote für Studierende und Mitarbeitende und stellt verschiedensten Organisationen im In- und Ausland ihr Fachwissen zur Verfügung. Dabei kommt dem transkulturellen Lernen einen hohen Stellenwert zu. Doch was bedeutet transkulturelles Lernen überhaupt und weshalb ist es auch für die Studierenden der PH Zürich und ihre Schüler:innen relevant? Wiltrud Weidinger, Professorin für Erziehungswissenschaften an der PH Zürich, ordnet ein.

Wiltrud Weidinger, was bedeutet transkulturelles Lernen?
Transkulturelles Lernen ist ein pädagogischer Ansatz, der darauf abzielt, das Verständnis von Kultur weiterzuentwickeln. Es beinhaltet die Anerkennung und Wertschätzung kultureller Vielfalt sowie die Entwicklung von sogenannten transkulturellen Kompetenzen. Im transkulturellen Lernen geht man von Kultur als etwas Hybrides aus, eine Art dynamisches Gewebe. Jeder Mensch ist transkulturell und ist Teil unterschiedlicher Kulturen wie zum Beispiel Arbeits-, Vereins-, Herkunfts- und auch Familienkulturen. Die Kommunikation zwischen verschiedenen Menschen ist geprägt von diesen verschiedenen Kulturen. Damit ein gegenseitiges Verständnis entsteht, muss ich mir meinem eigenen komplexen Hintergrund wie auch dem des Gegenübers bewusst werden. Man könnte daher auch sagen, transkulturell kompetent ist, wer seine eigenen lebensweltlichen Prägungen reflektiert und die Perspektive anderer ohne Stereotypisierung zu verstehen versucht.

Weshalb ist transkulturelles Lernen heute so wichtig?
In einer zunehmend globalisierten Welt interagieren wir täglich mit Menschen, die andere Hintergründe und Prägungen mitbringen als wir selbst. Um nicht nur friedlich nebeneinander zu leben, sondern auch effektiv und zielführend zusammenarbeiten zu können, sind transkulturelle Kompetenzen unerlässlich. Durch transkulturelles Lernen wird zudem eine ganze Reihe von weiteren Kompetenzen gefördert, etwa Reflexion, Empathie, kritisches Denken oder Kommunikation.

Eltern, Behörden und die Gesellschaft stellen immer höhere Anforderungen an Lehrpersonen. Ist transkulturelles Lernen nicht einfach ein weiterer Anspruch, den Lehrpersonen erfüllen müssen?
Nein, denn bei transkulturellem Lernen geht es nicht um ein separates, aufgestülptes Programm, sondern eher um eine Grundeinstellung. Wie gehe ich mit meinen Schüler:innen und ihren kulturellen Hintergründen um? Wie nehme ich bei Diskussionen alle Schüler:innen mit? Welche Botschaften vermittle ich, welche Werte transportiere ich implizit? Transkulturelles Lernen beginnt mit einem Mindset, der in entsprechendes Handeln im Unterricht und in die didaktische Konzeption übergeht. Dies ist in den verschiedensten Schulfächern möglich, immer dort, wo es um das Erlernen wichtiger, überfachlicher Kompetenzen geht. Es gibt kein Lehrmittel zu transkulturellem Lernen, das hier abgespult werden muss.

Die PH Zürich bildet Lehrpersonen für Schweizer Schulen aus. Wieso misst sie transkulturellem Lernen und dem internationalen Austausch einen so hohen Stellenwert bei?
Der Fokus auf Transkulturalität im In- wie Ausland hängt mit zwei Zielen der PH Zürich zusammen: In der Schweiz engagiert sie sich für transkulturelles Lernen, weil ein friedvolles Zusammenleben und die Arbeit in der Schule und später in der Arbeitswelt eine wichtige Säule einer demokratischen Gesellschaft darstellt. Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Herkünften, Sprachen und Religionen sollen sich in einem gemeinsamen, neuen transkulturellen Raum begegnen und Gemeinsamkeiten, Kontexte sowie die eigene Transkulturalität reflektieren. International steht ebenfalls das gesellschaftliche Engagement im Zentrum. Einerseits soll die Expertise der Mitarbeitenden der PH Zürich in den verschiedenen inhaltlichen Bereichen im Dialog mit internationalen Partnern sinnvoll angewandt werden und damit zu Innovation in den Partnerländern beitragen. Andererseits geht es aber auch darum, diese transkulturellen Erfahrungen der Mitarbeitenden wiederum in die PH Zürich zurückzutragen und damit zur Perspektivenerweiterung hier in der Schweiz beizutragen.

Was kann die PH Zürich ihren Partnern bieten und was können wir von anderen Institutionen lernen?
Einerseits haben wir an der PH Zürich Erfahrung im Dialog und Austausch, insbesondere in der Begleitung und der gemeinsamen Umsetzung von Bildungsvorhaben für verschiedene Zielgruppen wie Lehrpersonen, Schulleitende, Dozierende, Behörden, Hochschulen, Bildungsministerien oder NGOs. Ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit ist auch die partnerschaftliche Entwicklung von Lehr- und Unterrichtsmaterialien sowie die Begleitung und Durchführung von Forschungsprojekten. Andererseits profitieren wir nicht nur inhaltlich vom Austausch mit anderen Institutionen, sondern stärken damit auch unsere eigenen transkulturellen Kompetenzen. Durch die Arbeit in verschiedenen Kontexten erhalten wir Gelegenheit, subjektive Theorien, Stereotype, Glaubenssätze und Verhaltensmuster zu reflektieren. Diese Erfahrungen und Erkenntnisse können wir in unsere eigenen Lehrveranstaltungen in der Schweiz integrieren. Das In-den-Dialog-Treten mit Vertreter:innen anderer Kontexte in Austauschprojekten oder akademischen Netzwerken führt zu bereichernden Perspektivenwechseln – und damit auch zu neuen Einblicken in unsere Aufgaben und unser Selbstverständnis als Bildungsinstitution.

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Porträtfoto von Prof. Dr. Wiltrud Weidinger Meister

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