Unterricht Mittelstufe : Neues Lehrmittel «Jenische – Sinti – Roma»

In einem neuen Lehrmittel und einer Begleitpublikation erzählen in der Schweiz lebende Angehörige der Jenischen, der Sinti:zze und der Rom:nja unmittelbar aus ihrer Gegenwart, ihrer Kultur und ihrem Erleben. Die PH Zürich hat das Lehrmittel mitentwickelt.

Freitag, 10. März 2023

Das von der PH Zürich mitentwickelte Lehrmittel «Jenische – Sinti – Roma» eignet sich für den Mittelstufen-Unterricht der Primarschule, Stossrichtung und Ziel ist die Rassismusprävention. Christian Mathis von der PH Zürich ist Mitglied der Arbeitsgruppe, die das Lehrmittel erarbeitet hat. Im Interview beantwortet er Fragen zu «Jenische – Sinti – Roma».

Christian Mathis, erstmals haben Angehörige der drei Bevölkerungsgruppen der Jenischen, der Sinti:zze und der Rom:nja in einem neuen Lehrmittel und einer Begleitpublikation direkte Einblicke in ihren Lebensalltag gegeben. Warum geschah das Ihrer Ansicht nach bislang nicht?
Dazu brauchte es zuerst einen gewissen Druck von aussen. Die Schweiz ratifizierte 1998 das Übereinkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten. Sie anerkannte damit die sogenannt «Fahrenden» als Minderheit. Doch über 90 Prozent der Jenischen, Sinti:zze und Rom:nja sind sesshaft. Insofern könnte man sagen, dass der Bund mit dem Container-Begriff «Fahrende» zwar eine Lebensweise anerkannte, aber nicht die Bevölkerungsgruppen der Jenischen, Sinti:zze und Rom:nja. Erst seit 2016 sind Jenische und Sinti:zze als nationale Minderheiten unter ihrem Eigennamen anerkannt. Die Rom:nja haben diesen Status noch nicht. Die späte Anerkennung ist sicherlich ein Faktor für die späte Repräsentation in Lehrmitteln. Zudem hatten die drei Gemeinschaften auch kaum eine bildungspolitische Lobby.

Vertreter:innen der Minderheiten gründeten eine Arbeitsgruppe und brachten nicht nur ihre Anliegen in die Erarbeitung des Lehrmittels und der Begleitpublikation ein, sondern sie waren auch konzeptionell daran beteiligt und übernahmen den Lead. Welche Erfahrungen haben Sie in der Zusammenarbeit gemacht?
Die Arbeitsgruppe wurde vor fünf Jahren von Vertreter:innen der drei Minderheiten konstituiert. Ich kam ein Jahr später als Fachdidaktiker dazu. Es galt von Anfang an der Grundsatz: «Nichts über uns ohne uns.» Das bedeutete, dass etwa die Art und Weise der Darstellung, die Auswahl der Porträtierten sowie die erläuternden Kommentare stets in der ganzen Arbeitsgruppe ausgehandelt wurden. Gab es didaktische Einwände, konnte ich die einbringen, doch verfügten die Vertreter:innen der drei Gemeinschaften in der Arbeitsgruppe auch über ein Veto. Grundsätzlich wurde meine Expertise für schulische Lernprozesse im Bereich Natur, Mensch, Gesellschaft jedoch anerkannt und nie infrage gestellt. Dieser partizipative Ansatz der Lehrmittelproduktion war eine spannende und bereichernde Erfahrung.

Das neue Lehrmittel soll auch präventiv gegen Rassismus wirken. Inwiefern?
Hier gibt es einige Elemente. Einige der Porträtierten wollten zum Beispiel anonym bleiben. Sie haben Angst vor negativen Konsequenzen, wenn sie sich etwa als Rom:nja outen. Sie haben deshalb statt Fotos Symbolbilder gewählt. Auch eine Primarschülerin, eine Sintiza, erzählt, dass sie nicht gerne sagt, dass sie Sintiza sei – aus Angst, ausgelacht zu werden. In angeleiteten Quervergleichen können die Schüler:innen die Gründe dafür herausarbeiten und Vermutungen anstellen. Bei der Erprobung des Lehrmittels hat sich gezeigt, dass die Schüler:innen die Gründe sehr wohl erfassen und den strukturellen Rassismus in der Schweizer Gesellschaft gegenüber Jenischen, Sinti:zze und Rom:nja ansprechen. Eine Fünftklässlerin hat es so formuliert: «Da ist doch etwas komisch in der Schweiz, wenn man nicht sagen kann, dass man Romni ist.»

Weitere Informationen

Das Lehrmittel «Jenische – Sinti – Roma» eignet sich für den Unterricht der Mittelstufe (ab 5. Primarklasse) und ist als Open-Source-Angebot auf der Website der Stiftung Erziehung zur Toleranz (SET) verfügbar. Die gedruckte Begleitpublikation «Jenische – Sinti – Roma» (Münsterverlag, 29 Franken) ist erhältlich im Buchhandel oder über die SET.

Zur Person

Porträtfoto von Prof. Dr. Christian Mathis

+41 43 305 54 77