Digitalisierung : Die digitale Transformation koordiniert gestalten

An der Clustertagung Ostschweiz kamen Fachleute zusammen, um Herausforderungen der digitalen Transformation in Schule und Bildung zu diskutieren.

Montag, 4. Juli 2022

Mit der Initiative «Schule und Lernen in der digitalen Welt» befasst sich die Kammer Pädagogische Hochschulen von Swissuniversities mit den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für den Bildungs- und Erziehungsauftrag. An einer nationalen Tagung im Juni 2021 wurden «Grundsätze und Leitvorstellungen für die Mitgestaltung von Schule und Lernen in einer Kultur der Digitalität» entwickelt. Diese bildeten die Ausgangslage für vier regionale Tagungen im Juni 2022, an denen alle Pädagogischen Hochschulen der Schweiz und ihre Bildungspartnerinnen und -partner teilnahmen.

Die Clustertagung Ostschweiz wurde gemeinsam organisiert von den Pädagogischen Hochschulen Graubünden, St. Gallen, Thurgau, Schaffhausen, der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik und der PH Zürich. Sie fand Ende Juni an der PH Zürich mit rund 120 Bildungs- und Erziehungsfachleuten statt, darunter Vertreter:innen der kantonalen Bildungsdirektionen, der sechs Ostschweizer Pädagogischen Hochschulen und der Lehrer:innenorganisationen. Ein Gespräch mit dem Tagungsleiter Jürg Fraefel von der PH Zürich.

Jürg Fraefel, wie haben Sie als Gastgeber und Tagungsleiter der PH Zürich die Veranstaltung erlebt? Welches Fazit ziehen Sie?
Die Clustertagung Ostschweiz geht auf eine nationale Initiative der Kammer PH von Swissuniversities zurück, die vor bald zwei Jahren startete. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, nun konkreter zu werden und sichtbar zu machen, wie die Hochschulen in der Digitalisierung unterwegs sind und welche weiteren Aktivitäten notwendig sind. Ich bin beeindruckt von der Vielfalt der an der Tagung präsentierten Projekte und ebenso von den konkreten Ideen für weiterführende Massnahmen, die an den sogenannten Zukunftskonferenzen am Nachmittag gemeinsam entwickelt wurden. Ich habe einen intensiven Wunsch und eine Bereitschaft zur Kooperation über die Grenzen der einzelnen Hochschulen, Behörden und Verbände hinweg wahrgenommen. Gleichzeitig habe ich auch eine gewisse Ungeduld festgestellt, schneller voranzukommen und die Herausforderungen der digitalen Transformation gemeinsam anzugehen. Dieses Bedürfnis nach Veränderung hat mich beeindruckt, gleichzeitig auch nachdenklich gemacht, denn die Situation ist komplex und die einzuleitenden Massnahmen sind teils langwierigen bildungspolitischen Prozessen unterworfen.

Wo liegen für die Bildungsorganisationen derzeit die grössten Herausforderungen?
Widerstände und unterschiedliche Haltungen gegenüber der Digitalität sind im Umfeld von Hochschulen und Schulen eine grosse Herausforderung. An einer der Zukunftskonferenzen wurden Ansatzpunkte diskutiert, wie Widerstände gegenüber der Digitalität bei allen Akteur:innen im Bildungswesen abgebaut werden können. Verschiedentlich haben wir auch festgestellt, dass das Verständnis, was Digitalität bedeutet, stark divergiert. Digitalität wird teils reduziert auf technische Aspekte, derweil die wohl grössere Herausforderung die damit verbundene gesellschaftliche Transformation darstellt, hin zu einer «Kultur der Digitalität». Dieses Verständnis muss weiter geschärft werden, damit künftige Entwicklungen und Angebote darauf abstützen können. Eine weitere Herausforderung stellt die Bereitstellung inklusiver Bildungsangebote im Bereich der Digitalität dar, damit Menschen mit Behinderung vom Lernen nicht ausgeschlossen und entsprechend ihrem Vermögen gefördert werden. Dies könnte beispielsweise mit Lernangeboten in einem sogenannten Maker-Space erfolgen, also mit offenen Lernräumen, in denen mit Materialien, Werkzeugen und digitalen Medien experimentiert wird und eigene Ideen umgesetzt werden können. Alle sechs Ostschweizer Hochschulen bieten entsprechende Angebote an.

Nannten die Teilnehmenden konkrete Ideen und Vorschläge für weitere Massnahmen oder auch konkrete Forderungen?
Eine oft gehörte Forderung der Teilnehmenden betrifft den Bedarf an Koordination laufender Massnahmen unter den Hochschulen und den Anspruch einer vertieften Kooperation. Es sollen zum einen Orientierungshilfen zum leichteren Auffinden von Lernressourcen geschaffen werden, die anderen Hochschulen und der Öffentlichkeit ohne Einschränkung als Open Educational Resources zugänglich gemacht werden. Weiter sollen künftige Angebote vermehrt in einem gemeinschaftlichen Prozess entwickelt werden (Co-Creation), um das Potenzial der gemeinsamen Expertise über die Hochschulgrenzen hinweg zu nutzen. Eine Gruppe von Teilnehmenden skizzierte einen umfassenden Massnahmenkatalog, wie eine schweizweite Zusammenarbeit im Bereich der digitalen Kompetenzförderung angestrebt werden könnte, eine andere trug Massnahmen zusammen, wie ein Bewusstsein der Lehrenden für Barrierefreiheit in der Digitalität erlangt werden kann. Das nationale Zusammenfügen von Wissen und die entsprechende Vernetzung unter und innerhalb der Pädagogischen Hochschulen sind wichtige Ziele der Initiative. Ich selbst habe im Laufe der Tagung Gespräche über ein vom Bund unterstütztes Projekt geführt, das wir zurzeit gemeinsam mit sechs Hochschulen entwickeln. Spontan hat mir ein Dozent der PH Schaffhausen seine Mitarbeit zugesichert. Ein Erlebnis, das mich sehr gefreut hat und mich für künftige Kooperationen zuversichtlich stimmt.

Die Clustertagung Ostschweiz ist Teil einer nationalen Initiative von Swissuniversities. Zeitgleich fanden vier regionale Tagungen in der ganzen Schweiz statt. Was sind nun die nächsten Schritte?
Die 120 Teilnehmenden haben ihre Fragen und ihre Ideen für weiterführende Massnahmen auf einem gemeinsamen digitalen Kollaborationstool festgehalten. So ist eine Sammlung mit einer Fülle von Vorschlägen, konkreten Massnahmen und Forderungen entstanden. Daraus verfassen wir einen detaillierten Tagungsbericht. Die Ergebnisse der vier regionalen Tagungen werden anschliessend zu einem Gesamtbericht mit einer Bedarfsanalyse verdichtet und an die Kammer PH überwiesen. Dieser Befund soll in die Strategie der Kammer PH aufgenommen werden. Daraus werden dann wiederum konkrete Projekte auf nationaler und regionaler Ebene abgeleitet.

Weitere Informationen

«Grundsätze und Leitvorstellungen für die Mitgestaltung von Schule und Lernen in einer Kultur der Digitalität»