Volksschule : «In unserer Gesellschaft wird Kindheit idealisiert»

Im Interview mit dem Tages-Anzeiger spricht Esther Forrer Kasteel, Abteilungsleiterin der Eingangsstufe der PH Zürich, über den Schulstart nach den Sommerferien. Sie wünscht sich Vertrauen in die Schule und fordert kleinere Klassen.

Montag, 22. August 2022

Esther Forrer Kasteel, Schulstart im August 2022 – hat die Schule aus der Corona-Pandemie positive Anstösse mitgenommen?
Ja, während der Corona-Zeit hatten auch die Schulen die Möglichkeit, aus der Krise zu lernen. Wir alle – insbesondere auch die Schulen – waren gezwungen, kreative Lösungsansätze zu entwickeln. Gleichwohl darf nicht darüber hinweggetäuscht werden, dass die Corona-Zeit die Schere bei den Kompetenzen der Kinder noch weiter öffnete.

Ist mit einer Zweiklassengesellschaft beim Schulstart zu rechnen?
Auch dieses Jahr wird sich die grosse Mehrheit der Kinder auf den Kindergarten freuen. Neben Alltagsbeobachtungen bestätigen dies auch diverse Studien. Lediglich 10 bis 15 Prozent zeigen am Übergang grössere Schwierigkeiten. Im Alltag halten sicher viele Kinder bereits voller Stolz ihr selbst ausgesuchtes «Znünitäschli» parat, und die meisten haben dem Kindergarten oder der Schule schon einen Besuch abgestattet.

10 bis 15 Prozent Kinder mit schwierigem Übergang sind nicht so wenig.
Zugegeben: Die Schulen sind mit der grossen Vielfalt und Heterogenität unter den Kindern gefordert. Und wir müssen das individuelle negative Erleben eines jeden Kindes ernst nehmen. Manche brauchen einfach etwas mehr Zeit, oft müssen auch die Eltern erst mal Vertrauen schöpfen, loslassen lernen. Die meisten Kinder, denen der Übergang schwerfällt, hatten vorher schon Schwierigkeiten. Dann sind sorgfältige Abklärungen angezeigt und professionelle Begleitung.

Sind die Schulen überfordert?
Grundsätzlich nicht, richtig ist aber: Das Bildungssystem ist generell stark belastet. Nicht nur die Schule, sondern die ganze Welt ist komplexer und schneller geworden. Zudem leben wir in einer Wissensgesellschaft, Bildung hat einen grossen Stellenwert, die Erwartungen sind dementsprechend hoch. Und: Den Lehrpersonen und Schulen wurden in den letzten Jahren einige zusätzliche Aufgaben übertragen.

Die Lehrperson als eierlegende Wollmilchsau?
Es gibt vermehrte Ansprüche hinsichtlich der Elternarbeit und der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachpersonen. Zudem sind im Zuge der geleiteten Schulen die Lehrpersonen nicht mehr nur für die eigene Klasse zuständig, sondern auch für die Mitgestaltung der gesamten Schule und ihrer Schulkultur. Das ist viel, daraus erwachsen aber auch eine lernförderliche Schulkultur und der nötige Zusammenhalt. Und dass die Eltern sich mehr einbringen wollen, erlebe ich als engagiert und positiv.

Sind die Berichte von «stressigen Eltern» nur ein Gerücht?
Die Eltern sind jedenfalls bei weitem nicht ein derart grosses Problem, wie bisweilen zu lesen ist. Was allerdings auffällt: In unserer Leistungsgesellschaft wird die Kindheit einerseits idealisiert, und man begegnet den Anforderungen in der Schule teils mit Skepsis; andererseits wird die Freizeit der Kinder oft komplett aufgefüllt und durchorganisiert. Da wünsche ich mir für die Kinder mehr Freiräume.

Inklusion ist eine weitere Forderung an die Schule. Ist sie wirklich für alle Beteiligten immer von Vorteil?
Das Inklusionsprinzip hat sich in Italien und den skandinavischen Ländern – die da eine Vorreiterrolle innehaben – sehr bewährt. Meist ist die Inklusion ein Gewinn für die betroffenen Kinder wie für die Gspänli. Die Arbeit mit solchen Kindern erfordert freilich sonderpädagogisches Wissen und sollte durch die Lehr- und Fachpersonen erfolgen und nicht durch Klassenassistenzen. Und wird die Klasse tatsächlich zu sehr belastet, muss man auch über eine zeitlich beschränkte Teilnahme am Unterricht nachdenken.

Manche kritisieren wiederum, viele Verhaltensweisen würden zu schnell pathologisiert, etwa Lebhaftigkeit oder die Lust am Kräftemessen bei Buben.
Grundsätzlich ist Pathologisieren wenig zielführend. Was wir allerdings nicht übersehen dürfen: Der schweizerische Betreuungsschlüssel im Kindergarten ist im internationalen Vergleich eher hoch – das heisst, wir haben sehr viele Kinder pro Lehrperson. Der weitere Ausbau zusätzlicher Unterstützungsmöglichkeiten ist meiner Meinung nach wichtig. Der Ganzklassenunterricht an den Vormittagen profitiert von Klassenassistenzen, aber eigentlich müssten im Kindergarten weniger Kinder pro Klasse zugelassen sein. Auch im Vergleich zu den Kitas, als Vorgängerinstitutionen, ist das Betreuungsverhältnis im Kindergarten deutlich schlechter.

Hat sich das Kindergarten-Obligatorium als Problem erwiesen, weil nun viel mehr Kinder kommen?
Nein, schon vor dem Obligatorium besuchten 95 Prozent der Kinder zwei Jahre den Kindergarten. Und seine grosse Chance ist: Durch die Zugehörigkeit zur Volksschule ist der Kindergarten ebenfalls Teil des Lehrplans, und die Lehrpersonen der Kindergartenstufe sind Teil des Kollegiums. Sie wirken etwa bei Projektwochen der Schulen mit.

Ist der Beruf der Kindergarten- und auch der Primarlehrperson so unattraktiv, dass man nun Leute ohne Ausbildung rekrutieren muss?
Für Lehrpersonen ohne Lehrdiplom stellt die Pädagogische Hochschule Zürich sowohl Kompaktwochen als auch Coachings zur Verfügung, in Absprache mit der Bildungsdirektion. Diese Angebote sind als Hilfestellung in der Notsituation gedacht und ersetzen keineswegs ein reguläres Hochschulstudium. Die PH Zürich verzeichnet bei den regulären Studiengängen seit langem sehr hohe Studierendenzahlen. Der Lehrberuf ist scheinbar nicht unattraktiv. Gerade für den Kindergarten ist es unabdingbar, dass die Studierenden der Pädagogischen Hochschulen über fundierte Kompetenzen verfügen.

Wie erklärt sich dann die Mangellage?
Wie immer bei komplexen Sachverhalten gibt es weder den einen Grund noch die einfache Lösung. Gründe sind etwa, dass aktuell geburtenstarke Jahrgänge in die Schule kommen beziehungsweise schon dort sind, dass die Lehrpersonen-Generation der Babyboomer in Pension geht und in einigen Schulen Lehrpersonen niederprozentig arbeiten. Ein Blick nach Europa bestätigt: Die Schweiz ist nicht allein mit diesem Problem.

Sie sehen trotzdem insgesamt vor allem positive Entwicklungen im Schulbetrieb?
Ja. Wichtig ist zum Beispiel, dass seit der Einführung des Lehrplans 21 im Schuljahr 2018/​2019 der Kindergarten und die erste und zweite Klasse der Primarschule zum 1. Zyklus zusammengefasst werden; an der Pädagogischen Hochschule Zürich kann man entsprechend ein Bachelorstudium absolvieren, das zum Unterricht im gesamten 1. Zyklus berechtigt. Das Anliegen dabei ist, die Kinder in ihrer Entwicklung möglichst individuell zu begleiten. Durch die Zusammenführung der Stufen ist diese Individualisierung besser möglich.

Wieso?
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) spricht hier von einem Paradigmenwechsel: Neu müssen Schule und Kindergarten für die Kinder bereit sein und nicht die Kinder für die Schule. Die Begriffe «Schulreife» und «Kindergartenreife» sind passé, Kinder sollen ihr Potenzial entwickeln können und dort abgeholt werden, wo sie stehen – also weder künstlich zurückgehalten noch überfordert werden. Und der 1. Zyklus erlaubt Flexibilität. Die Kinder stärken ihre Selbst- und Sozialkompetenzen und lernen Fachliches und Methodisches in Spielsettings wie auch im angeleiteten Unterricht. Zudem wird das Zusammenleben eingeübt.

Das klingt alles ziemlich abstrakt.
Es ist, im Gegenteil, sehr konkret und lebensweltlich orientiert, und es gibt bereits tolle Praxisbeispiele. Ein Idealbild für mich, das ich in der Praxis verschiedentlich beobachten konnte, ist etwa, wenn verschiedene Kindergruppen im Garten spielen und auch Sachfragen untersuchen – und eine Lehrperson beobachtet im Hintergrund, hilft aber zügig, falls es Konflikte oder Unterstützungsbedarf gibt. Wir wollen die Kinder keinesfalls allein lassen, primär aber ihr Selbstbewusstsein und das Vertrauen in ihre Selbstwirksamkeit stärken.

Übernimmt die Volksschule nun, nach über 100 Jahren, Maria Montessoris Erziehungsmotto «Hilf mir, es selbst zu tun»?
Besser spät als nie. (lacht) Immer wieder wurden Elemente aus alternativen Pädagogikkonzepten ins Bildungssystem des Mainstreams aufgenommen, etwa in den 1970ern und 90ern. Sie wurden zwischendurch aber auch wieder modifiziert oder abgelegt. Aktuell setzen wir auf die Erkenntnis, dass die emotionale Beziehung des Kindes zur Lehrperson und das Empfinden von Selbstwirksamkeit zentral sind für den Lernprozess. Es geht vorderhand nicht nur ums Wörtlischreiben.

Ist die Rechtschreibung irrelevant?
Sie ist und bleibt eine grundlegende Fähigkeit. Die Frage ist aber, ab wann und in welcher Form sie verbindlich eingeübt werden muss. Kinder, die schon in der ersten Klasse frustriert werden, haben viel mehr Mühe, überhaupt etwas zu lernen – auch die Orthografie! –, als Kinder, für die Lernen eine Lust ist. Manche Eltern und Lehrpersonen hegen bezüglich der lustbetonten Schule noch falsche Befürchtungen und denken, dass die Kinder dann nur noch spielen werden. Dabei ist das gar nicht so. Und die Kinder wollen auch nicht nur spielen.

Sondern?
Entwicklungspsychologische Studien zur «Playfulness» zeigen: Kinder wollen sich von klein auf forschend spielerisch auch mit vielfältigen fachlichen Fragen auseinandersetzen. Spielen ist eben nicht gleich Spielen, essenziell ist die professionelle Begleitung. Kinder bringen viele und grosse Fragen an Leben und Welt mit und sind glücklich, wenn sie diesen kindgerecht im Klassenverbund auf den Grund gehen können. Gerade für den 1. Zyklus spielt die Interdisziplinarität eine grosse Rolle: Dabei wird dasselbe Thema durch unterschiedliche Fachzugänge erlebt und bearbeitet. Guter Frontalunterricht gehört ebenso dazu wie Projektunterricht und Experimente.

In der 5. und der 6. Klasse ist das mit der Lustbetontheit aber vorbei, die Prüfungsangst setzt ein.
Das ist im Kanton Zürich so. Ich habe eine Tochter in der 2. Gymnasialklasse und eine in der 4. Primarklasse und kann bestätigen, dass die Prüfungen ab der Mittelstufe einen hohen Stellenwert einnehmen. Dies hat auch mit den hohen Anforderungen bei den gymnasialen Aufnahmeprüfungen im Kanton Zürich zu tun.

Hinweis

Das Interview ist erstmals erschienen im Tages-Anzeiger vom 22. August 2022.