AKTUELLAusgabe 3/2025 : Tagesstrukturen – Beitrag für eine ganz­heit­li­che Bil­dung

Was Kinder im Primarschulalter in schulergänzenden Tagesstrukturen erleben, ist ebenso vielfältig wie unterschiedlich. Denn Qualität in der Betreuung wird verschieden umgesetzt. Das Projekt CONSENT unter Beteiligung der PH Zürich richtet den Fokus auf die Rahmenbedingungen von Tagesstrukturen.

Text: Elisabeth Gebistorf Käch, Foto: Niklaus Spoerri

Das Bild zeigt eine grosse Anordnung von zahlreichen, bunten Zahnbürsten, die in drei Reihen untereinander an einer weissen Wandhalterung hängen. Jede Zahnbürste ist mit einem Namensschild versehen.
Im Kanton Zürich nutzen 41 Prozent der Kinder im Primarschulalter schulergänzende Tagesstrukturen.

«Schweizweit ist der Ausbau der schulergänzenden Tagesstrukturen kaum mehr zu bremsen, deshalb muss uns interessieren, was angeboten und genutzt wird», sagt PHZH-Professorin und Bildungsforscherin Patricia Schuler Braunschweig. Gemeint sind damit die Angebote in den Schulen und auf dem Schulareal, welche die Schulleitung und die Leitung Betreuung gemeinsam verantworten. Schulergänzende Tagesstrukturen (SET) werden ausserhalb der schulpflichtigen Zeit – vor und nach dem Unterricht und/oder über Mittag – angeboten. Im Kanton Zürich nutzen 41 Prozent der Kinder im Primarschulalter schulergänzende Tagesstrukturen, in der Stadt Zürich sind es deutlich mehr (siehe am Ende des Artikels). Mit dem HarmoS-Konkordat haben sich die Kantone verpflichtet, schulergänzende Strukturen bereitzustellen.

Da im föderalistischen System die Kantone und Gemeinden für die Steuerung der SET zuständig sind, unterscheiden sich die Angebote kantonal und kommunal. Auch die Qualität, die Kinder in den schulergänzenden Tagesstrukturen erleben, ist sehr unterschiedlich. «Für die Betreuungsqualität sind die professionellen Kompetenzen der Mitarbeitenden zentral», betont Patricia Schuler Braunschweig. Auf die Qualität der Angebote wirken sich aber auch weitere Faktoren aus, etwa der Betreuungsschlüssel oder die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen. Hinzu kommt die Frage, wem schulergänzende Tagesstrukturen dienen sollen: den Kindern, dem Unterricht oder der Familie?

Wie Qualität sicherstellen?

Das Forschungsprojekt CONSENT «Schulergänzende Tagesstrukturen: Grundlagen für die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden» befasst sich mit der Qualitätsfrage aus Sicht der Professionalisierung der Mitarbeitenden. Dazu wurden die kantonalen gesetzlichen Grundlagen für SET analysiert und ein internationaler Austausch mit SET-erfahrenen Ländern unternommen. Das Ziel des Projekts ist es, die nationale Diskussion zu Fragen rund um die SET zu lancieren und die zentralen Aus- und Weiterbildungsinstitutionen miteinander in den Dialog zu bringen. Movetia, die nationale Agentur zur Förderung von Austausch und Mobilität im Bildungsbereich, unterstützt das Projekt finanziell. Unter Leitung der PH Bern und in Kooperation mit den Pädagogischen Hochschulen Zürich und der FHNW fand Ende Mai 2025 an der PH Bern eine Projekttagung statt. Über 60 Fachpersonen aus der ganzen Schweiz – Vertreter:innen aus Politik und Behörden sowie Fachverbänden – nutzten die Gelegenheit zum interdisziplinären Austausch zwischen Praxis, Politik, Ausbildung und Forschung. Sie identifizierten Chancen, Herausforderungen und Entwicklungsbedarf im Bereich der Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitenden in schulergänzenden Tagesstrukturen.

Sichtbar wurde, dass die meisten Kantone in Bezug auf das Personal in den SET zwischen Mitarbeitenden mit und solchen ohne pädagogische Qualifikation unterscheiden. Dabei fällt auf, dass die Kantone «pädagogisch qualifiziert» unterschiedlich definieren. Während in einem Kanton ein Studium, beispielsweise in Sozialpädagogik, oder eine Berufsausbildung wie etwa Fachperson Kinderbetreuung nötig sind, um als pädagogisch qualifiziert zu gelten, reichen in anderen Kantonen dafür schon Besuche von kürzeren Kursangeboten. Die Haltung der Bildungsforschenden der teilnehmenden Hochschulen ist eindeutig: «Schulergänzende Tagesstrukturen sind mehr als Betreuung. Sie sind Bildungsorte, wo Lernen stattfindet. Es braucht eine klare Positionierung der SET im Bildungssystem und deren politische und gesellschaftliche Anerkennung. Um die Ansprüche an SET zu klären und zu erfüllen, müssen nationale Grundlagen geschaffen werden», fasst Patricia Schuler Braunschweig zusammen. Nur so liessen sich die Qualitätsansprüche und die Ziele der SET klären und ein Berufsbild für Mitarbeitende der SET entwickeln.

Die Bildungsforscherinnen der Pädagogischen Hochschulen Bern, Zürich und FHNW sind davon überzeugt, dass die SET-Angebote auch aus Sicht der Schule von Interesse sind. Denn SET seien nebst Orten der Bildung auch eine Quelle von Schulkultur. «Es gilt, die Potenziale der SET sinnvoll zu nutzen. Dadurch wird eine sozioemotionale Schule mit grosser Haltekraft aufgebaut, die bei Eltern, Kindern und auch im Quartier gut verankert ist», betont Schuler Braunschweig.

Ganzheitliche Bildung von Kindern

Die Teilnehmenden der Tagung in Bern sind sich einig: Die SET sollen einen Beitrag zur ganzheitlichen Bildung von Kindern – diese umfasst formale, non-formale und informelle Teile – leisten. Schulergänzende Tagesstrukturen können soziale, emotionale und lebenspraktische Kompetenzen fördern und zeichnen sich somit als Bildungsorte aus. Gleichzeitig wird betont, dass Spielen und informelles Lernen in den SET zentral sind. Aus Kinderperspektive sei es entscheidend, dass die SET nicht «Unterrichtsangebote» seien, sondern dass Kinder ihre freie Zeit zusammen mit ihren Freunden und Freundinnen an der Schule mitgestalten könnten.

Einig waren sich die Expert:innen auch darin, dass ohne Klärung der Ziele der SET sich kein Berufsbild für Mitarbeitende der SET entwickeln kann. Die Entwicklung einer professionellen Identität setzt sowohl eine fundierte Grundausbildung als auch einen Austausch mit Mitarbeitenden der eigenen und anderer Organisationen voraus. Weiterbildungen beispielsweise ermöglichen diesen Austausch. Eine Vielfalt beruflicher Hintergründe und Qualifikationen der SET-Mitarbeitenden könne für den Alltag bereichernd sein, jedoch brauche es eine Basisausbildung mit «pädagogischem Rüstzeug» für alle. Weiterbildungen sollten nicht nur fachliche, sondern auch persönliche und soziale Kompetenzen fördern und auf die spezifischen Rollen im multiprofessionellen Team zugeschnitten sein. «Um eine zielgerichtete Kooperation mit der Schule zu ermöglichen, ist eine klare Positionierung zum Unterricht und innerhalb der Schule notwendig», sagt Patricia Schuler Braunschweig. Doch müsse eine Zusammenführung von SET und Unterricht in der Schule differenziert betrachtet werden, da sich die beiden Bildungsinstitutionen sowohl inhaltlich als auch aufgrund kantonaler und lokaler Rahmenbedingungen unterscheiden.

Es brauche Führungspersonen mit spezifischen Kompetenzen, die sich für den Stellenwert der SET in ihrer Gemeinde einsetzen und Zusammenarbeit aktiv fördern. «Ein gemeinsames Bildungsverständnis, das Betreuung und Bildung nicht trennt, sondern integriert denkt, ist Grundlage für eine gelingende Zusammenarbeit», davon ist die Bildungsforscherin überzeugt.

Weitere Informationen

Details zum Projekt CONSENT auf der Seite der PH Bern

Tagesschul-Modell der Stadt Zürich

In der Stadt Zürich stellen bis 2030 schrittweise alle Schulen auf das Tagesschul-Modell um. Die Tagesschule führt Unterricht und Betreuung pädagogisch und organisatorisch zusammen. Zudem verbessert sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und trägt zur Erhöhung der Bildungschancen bei.

Im Grundmodell Tagesschule besuchen die Kinder an Tagen mit Nachmittagsunterricht die Tagesschule bis 16 Uhr. Die Betreuungsangebote des Grundmodells Tagesschule beinhalten sogenannte gebundene Mittage mit warmem Mittagessen zum Einheitstarif von 6 Franken, Aufgabenstunden und offene Betreuungsangebote. Die Kinder bleiben somit an diesen Tagen über Mittag in der Schule und nutzen nach dem Unterricht professionelle Betreuung. Alle Schüler:innen in der Stadt Zürich sind automatisch für die Betreuungsangebote des Grundmodells Tagesschule angemeldet. Die Eltern können ihre Kinder jedoch von allen oder einzelnen Angeboten abmelden. Zudem bieten die Tagesschulen eine kostenlose Auffangzeit ab 8 Uhr bis Unterrichtsbeginn an.

Weiter gibt es die sogenannten ungebundenen Betreuungsangebote wie etwa die Mittagsbetreuung an Tagen ohne Nachmittagsunterricht oder die Nachmittagsbetreuung. Bei diesen Angeboten ist der Tarif nach Einkommen abgestuft.