Internationaler Tag der Demokratie : Demokratie braucht Engagement
Anlässlich des Internationalen Tages der Demokratie am 15. September finden weltweit zahlreiche Veranstaltungen statt, auch in der Schweiz. Denn auch hierzulande ist bezüglich politischer Partizipation nicht alles rosig: So liegt die nationale Stimm- und Wahlbeteiligung meist unter 50 Prozent, und rund ein Viertel der Bevölkerung hat kein Wahl- und Stimmrecht. Gleichzeitig sinkt bei der jüngeren Generation das Interesse und die Beteiligung an demokratischen Prozessen, während die gesellschaftliche Polarisierung zunimmt. Deshalb fordern die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen sowie der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) eine Stärkung der politischen Bildung.
Die PH Zürich setzt sich in der Aus- und Weiterbildung sowie mit Projekten im In- und Ausland für eine Stärkung der Demokratiebildung ein. Dabei sind zahlreiche Materialien entstanden, die auf der Website Living Democracy in sechzehn Sprachen kostenlos zur Verfügung stehen, seit 2025 auch in einer deutschen Fassung.
Doch weshalb braucht Demokratie Bildung? Und wie kann das demokratische Miteinander gestärkt werden? Nadine Ritzer, Dozentin am Zentrum Educational Governance und Demokratiebildung der PH Zürich, ordnet ein.
Nadine Ritzer, wie hängen Demokratie und Schule zusammen?
Die Schweizer Volks- und Berufsschulen haben einen rechtlichen Auftrag, demokratische Werte zu fördern, die zu einem friedlichen Zusammenleben beitragen. Das bedeutet, dass die Schule nicht nur Wissen «über» politische Konzepte oder Prozesse vermittelt, sondern dass sie auch ein Lernen «für und durch» Demokratie ermöglicht. Die Schule ist ein Raum, in dem ein respektvolles Miteinander gefördert, Partizipation gestärkt, Verantwortungsübernahme geübt und die Fähigkeit zu kritischem Denken und Argumentieren geschult werden kann. Kurzum, die Schule kann in vielerlei Hinsicht politische Kompetenzen fördern – in einzelnen Fächern, fächerübergreifend oder durch die Schulkultur.

Wie kann das konkret aussehen?
Zur Schulkultur gehören beispielsweise Klassenräte oder Schüler:innen-Parlamente, aber auch, dass Lernende Lernwege und Lerninhalte mitgestalten können. Weiter können Schüler:innen im geschützten Rahmen des Klassenzimmers lernen, sich faktenbasiert eine eigene Meinung über kontroverse Themen zu bilden und diese in strukturierten Debatten zu vertreten. Das didaktische Prinzip, das auch in Lehrplänen aufscheint, heisst Perspektivität. Und die Fähigkeit, gesellschaftliche Kontroversen zu verstehen, multiperspektivische Quellen kritisch zu analysieren und plurale Meinungen zu verhandeln, erscheint mir angesichts der zunehmenden Polarisierung wichtiger denn je. Eng verbunden damit ist die Förderung der Medienkompetenz. Daneben gilt es ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass weder Demokratien noch Diktaturen vom Himmel fallen. Freiheitsrechte wurden (und werden) auch in der Schweiz erarbeitet, teilweise erkämpft. Der Erhalt und die Erweiterung dieser Rechte sind kein Selbstläufer, wie uns nicht nur die Geschichte, sondern auch die aktuelle Weltlage vor Augen führt.
Welche Herausforderungen für die Demokratiebildung gibt es in der Schweiz und weltweit?
Das ist eine grosse Frage... Weltweit ist ein Rückgang der Demokratie zu beobachten. Laut Demokratie-Index leben heute fast 40 Prozent der Menschen in autoritären Regimen – Tendenz steigend. In demokratischen Staaten sinkt parallel dazu das politische Interesse und Engagement junger Menschen, während autoritäre Tendenzen an Zustimmung gewinnen – auch in der Schweiz. Kriege, Krisen aber auch Desinformation und Polarisierung stellen Demokratien auf die Probe. Aber Fatalismus ist keine Antwort. Mit Blick auf unsere Projektpartner:innen sehe ich auch eine Gegenbewegung, den Willen zur Stärkung und Verteidigung der Demokratie. Gerade auch junge Menschen protestieren, etwa in Nordmazedonien, Serbien, Georgien oder jüngst in der Ukraine, gegen Korruption, Wahlbetrug und Machtmissbrauch. In diesen Staaten machen die noch lebendigen Erinnerungen an leidvolle Diktaturerfahrungen und der Angriffskrieg Russlands besonders deutlich, wie wertvoll demokratische Rechte sind. Dieser Austausch mit unseren Projektpartner:innen führt mir täglich vor Augen: Demokratie braucht Engagement – überall auf der Welt!

Was kann denn jede:r Einzelne tun?
Vielleicht tönt das ein wenig altmodisch, aber ich glaube, wir können Vorbilder sein. Wir können unsere Rechte wahrnehmen und für die Rechte anderer einstehen. Wir können Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen – nicht nur politisch, sondern auch im Verein oder im Beruf. Im Rahmen unserer Tätigkeiten können wir Partizipation und Verantwortungsübernahme leben und ermöglichen. Und vielleicht sollten wir wieder vermehrt an einen Tisch sitzen und miteinander diskutieren – argumentativ fundiert, aber offen für unterschiedliche Perspektiven, um dadurch Pluralität als Wert zu erkennen, der eine Demokratie bereichert und nicht bedroht.
Weitere Informationen
- Tag der Demokratie in der Schweiz
- Positionspapier LCH: Politische Bildung in der Schule stärken
- Living Democracy: Kostenfreie Lehrmittel für Lehrpersonen, Schulleiter:innen und Eltern in 16 Sprachen


