Wissenschaftskulturen an der Schnittstelle: Historische Bildungsforschung und Digital Humanities erkunden Bildungsdiskurse
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Steckbrief
- Projektleitung
- Andreas Hoffmann-Ocon (PHZH), Anne Bosche, Philipp Dreesen (ZHAW), Peter C. Pohl (Universität Innsbruck)
- Projektteam
- Norbert Grube (PHZH), Tomas Bascio (PHZH)
- Organisationseinheit
- F-BW-ZSG (Schulgeschichte)
- Projektphase
- Abgeschlossen (1.10.2023 – 30.6.2025)
- Projekttyp
- Forschungs- und Entwicklungsprojekt
- Finanzierung
- Mit finanzieller Unterstützung des Gemeinnützigen Fonds Bildung des Kanton Zürich.
- Beteiligte Institutionen
- Stiftung Pestalozzianum; Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW; Universität Innsbruck
Beschreibung
Die digitale Verfügbarkeit grosser Bestände der Sammlungen Pestalozzianum – etwa Lehrmittel der Zürcher Volksschule, archivalische Nachlässe von Seminardirektoren und pädagogische Zeitschriften – ermöglicht Explorationen, wie mit einer neuartigen Public Workbench unterschiedliche Wissenschaftskulturen produktiv angenähert werden können. Die Verflechtung einer historisch-kritisch kontextualisierenden Quellenanalyse (Close reading) mit der digitalen auf Mustererkennung hin orientierten Untersuchung grosser Textkorpora (Distant Reading) soll das Verständnis für bildungsgeschichtliche Diskursstabilität und ‑wandlung stärken. Mit dem Vorgehen werden eingeschliffene Forschungsroutinen im historischen Bereich von Bildung und Erziehung befragt. Der investigative Blick richtet sich vor allem auf Bestände des 19. Jahrhunderts.
Das Projekt kombiniert interdisziplinär bisherige interpretative Textzugänge der historischen Bildungsforschung mit Zugängen der Digital Humanities. Hierdurch wird ein fundiertes Verständnis für die bedeutende Stellung und Vielgestalt des Zürcher Standorts in der Bildungseschichte angestrebt. Methodologische Anschlussfragen, die sich aus dem Setting ergeben, etwa zu den Eigenarten der Digital Humanities und kulturwissenschaftlichen Praktiken, werden aufmerksam reflektiert. Daher soll übergreifend der Werkzeugcharakter von Kategorien in historischen Zusammenhängen diskutiert werden. Erörtert werden so Erkenntnisgewinne durch scharfe Kategorien in einem interdisziplinären Forschungsprozess gegenüber möglichem Zugewinn aussichtsreicher Quellenfunde durch grössere kategoriale Unbestimmtheit.
Der interdisziplinäre historische Blick auf Bildungsdiskurse sensibilisiert für den Konstruktionscharakter von Kommunikation im weiten Feld von Erziehung und Bildung. So soll etwa statistisch auffälligen Themen und häufig genannten Akteur:innen und Akteur:innenkonstellationen interpretativ und kontextualisierend nachgespürt werden. Welche Form von Kritik kanonisierten Wissens entsteht, wenn Distant reading als Versuch verstanden wird, mit korpus- und nicht werkbasierten Textsammlungen eine neue Perspektive auf scheinbar bereits bekannte bildungshistorische Narrative zu gewinnen? Von diesen Blickpunkten aus lassen sich schliesslich auch die impliziten theoretischen Annahmen erfassen, die Zugängen der Digital Humanities und des Distant Reading zugrunde liegen.
Projektergebnisse
Das Projekt untersuchte im Kern Kontinuität und den Wandel gesellschaftlicher Diskurse zu Bildung und Erziehung im Kanton Zürich. Die Analyse historischer Dokumente folgte der Frage, welche Perspektiven auf bildungshistorische Narrative entstehen, wenn korpus- und nicht werkbasierte Textsammlungen als Materialgrundlage herangezogen werden.
Projektverlauf
Ein Teilprojekt (PH Zürich und Stiftung Pestalozzianum bzw. PH Schaffhausen) knüpfte an derzeitige Forschungs- und Methodendiskussionen zu Verfahren des Distant-Reading von grossen Textmengen, teils in Kombination mit bewährtem Close-Reading, an. Besonders am Fallbeispiel zu Diskursen zum weiten Feld der «Arbeitsschule» für einen Zeitraum vom ausgehenden 19. bis ins 20. Jahrhundert wurden Häufigkeiten und Nutzungskontexte von Begriffen und damit Potentiale der distant reading-Methode erkundet. Dabei gelangte eine Korpus-Workbench aus der Korpusfamilie Swiss-AL für Diskursanalysen zur Anwendung, die vom Forschungspartnerteam der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZAHW/Angewandte Linguistik erstellt wurde. Der im Projekt vorrangig für Begriffsabfragen genutzte Textkorpus umfasste mit dem Amtlichen Schulblatt des Kantons Zürich (1886–1968), den Mitteilungen des Pestalozzianums (einem «Institut zur Förderung des Schul- und Bildungswesens und der Pestalozziforschung», 1899–1987) und den Berichten über Verhandlungen der Zürcherischen Schulsynode (1834–1992) Zeitschriften im weiten bildungspolitischen Sinne.
Resultate
Die Nutzungserfahrungen mit der Workbench, die theoretische sowie methodologische und methodische Aspekte berührten, untermauern, dass durch Datenbankabfragen erzielte Häufigkeitsanzeigen eine Orientierung von Konjunkturen des Wortgebrauchs ermöglichen. Damit ergeben sich Hinweise auf Diskursdominanz und -muster. Um für weitergehende Deutungen Aufschlüsse zu parallel existierenden semantischen Aufladungen zu bekommen, musste die Funktion der Wortumgebung hinzugezogen werden. Die Arbeit am Fallbeispiel des Begriffs Arbeitsschule machte deutlich, dass der Begriffsgebrauch nicht radikalen Zäsuren etwa entlang von Ereignissen unterlag, sondern eher schleichend und unter verschiedenen, unter anderem zeitgebundenen Kontexten des Wortgebrauchs semantische Verschiebungen erfolgten. Diese Befunde verweisen auf methodologische Anschlussfragen über den Werkzeugcharakter von begrifflichen Kategorien in historischen Zusammenhängen. So deuten diese ersten Befunde darauf hin, dass die Nutzung von distant reading durch bildungshistorische «digital lay people» die Erfassung bestimmter Muster von Begriffsverwendungen befördert, die Historiker:innen mit close-reading-Routinen eher entgehen können. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Ergebnisse von Workbench-Abfragen nicht selbst interpretierend sind, sondern ein digital hermeneutisches Wissen um filternde Logiken von Korpusabfrage-Instrumenten für eine umfassende Analyse und Interpretation voraussetzen.
Forschungspräsentationen
Erste Projektbefunde wurden 2023 in gemeinsamen Forschungstreffen der Teilprojektbeteiligten zwischen PHZH (Tomas Bascio, Norbert Grube und Andreas Hoffmann-Ocon) und Stiftung Pestalozzianum bzw. PHSH (Anne Bosche) mit Bezugnahmen auf methodologisch-theoretischer Forschungsliteratur diskutiert. Ein Online-Workshop am 22. Mai 2024 mit dem Gesamtprojektpartner Philipp Dreesen (ZHAW) und weiterer Austausch von Forschungszwischenbefunden mit den Gesamtprojektpartner:innen Peter Pohl und Sophie Modert (Arbeitsbereich Neuere deutsche Literaturwissenschaft am Institut für Germanistik der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck) führten 2024 zu einer Nachjustierung der Textkorpora. Die abschliessenden Befunde des Teilprojekts der PHZH (Tomas Bascio, Norbert Grube und Andreas Hoffmann-Ocon) und Stiftung Pestalozzianum resp. PHSH (Anne Bosche) wurden am 19. Mai 2025 unter dem Titel «Doing distant reading? Analyse von Bildungsdiskursen im Kanton Zürich anhand von Deutschschweizer Zeitschriften (19. und 20. Jahrhundert)» an dem Workshop «TextMining in der Erziehungswissenschaft – Zwischen Kritik und Euphorie» der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF (Berlin) präsentiert und zur Diskussion gestellt.
Nutzen der Methodenreflexion und Forschungsbefunde für die Ausbildung
Die kritisch-reflektierende Auseinandersetzung mit Methoden des distant bzw. blended reading im Kontext der Digital Humanities ist angesichts verbreiteter Digitalisierung besonders von seriellen historischen Quellen auch für die Arbeit mit Studierenden gewinnbringend. Studierende nutzen in Seminaren und schriftlichen Arbeiten häufig digitalisierte Quellen und können mit Erkenntnissen des Teilprojekts nun diese ergänzenden Methoden und daraus erzielte Sichtweisen erproben. Auch für die Methodenschule an der PHZH, an der das Zentrum für Schulgeschichte langjährig beteiligt ist, sind die Projektbefunde von Interesse und können die Methodendiskussion mit internen und externen Forschenden und Doktorierenden konstruktiv bereichern.
Publikationen
Bascio, Tomas, Anne Bosche, Norbert Grube und Andreas Hoffmann-Ocon (2026)
«Doing distant reading? Analyse von Bildungsdiskursen im Kanton Zürich anhand von Deutschschweizer Zeitschriften (19. und 20. Jahrhundert)»
In: Zugang zu Wissen. Zum Verhältnis von historischer Bildungsforschung, Quellen und Gedächtnisinstitutionen, hrsg. v. Anne Bosche, Andreas Hoffmann-Ocon und Wolfgang Sahlfeld. Bern: Bibliothek am Guisanplatz.