Integrative Förderung auf der Sekundarstufe I (IFCH-Sek I)
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Inhalt dieser Seite
Steckbrief
- Projektleitung
- Reto Luder (PHZH), André Kunz (PHZH), Gérard Bless (Universität Freiburg)
- Projektteam
- Ariane Paccaud (HEP Fribourg), Giuliana Pastore (PHZH)
- Organisationseinheit
- F-BW-IGS (Inklusion und Gesundheit in der Schule)
- Projektphase
- Abgeschlossen (1.11.2019 – 31.10.2023)
- Projekttyp
- Forschungs- und Entwicklungsprojekt
- Finanzierung
- Schweizerischer Nationalfonds
- Beteiligte Institutionen
- PH Zürich; Universität Freiburg, Heilpädagogisches Institut
Beschreibung
Integrative sonderpädagogische Förderung wird international und auch im Schweizer Schulsystem zunehmend umgesetzt. Der Grossteil der Forschung nimmt dabei die Kindergarten- und Primarstufe in den Fokus, die Sekundarstufe wurde bisher nur wenig untersucht. Vor allem für Jugendliche mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen hat die Schule in dieser Phase einen wesentlichen Einfluss auf die psychosoziale und kognitive Entwicklung. Der umfangreiche Lernstoff, der bevorstehende Übertritt ins Berufsleben sowie anspruchsvollere Rahmenbedingungen für die Umsetzung von integrativen Fördersettings machen die Sekundarstufe anspruchsvoll.
Ziel des Projekts ist es, die integrative Förderung von Jugendlichen mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen (SEN für «Special Educational Needs») in der Sekundarstufe I zu untersuchen. Mit Kindern und ihren Familien, die vom Projektteam bereits seit der 3. Primarstufe begleitet werden (N=62), wird die integrative Förderung in Sekundarschulen der deutsch- und französischsprachigen Schweiz erfasst. Befragt werden die betroffenen Jugendlichen und ihre Eltern, die Lehrpersonen und weitere Fachpersonen der Schule sowie ihre Mitschüler und Mitschülerinnen (N=1488). Das Projekt fokussiert dabei auf Zusammenhänge und Beziehungen zwischen der jeweiligen Umsetzung integrativer sonderpädagogischer Förderung und der emotionalen und sozialen Integration sowie dem leistungsbezogenen Selbstkonzept der Schülerinnen und Schüler.
Die vorliegende Studie erlaubt erstmals für die Schweiz, Bildungsverläufe von Kindern mit SEN in integrativen Regelklassen der Sekundarstufe I in einem mehrjährigen Längsschnitt auf der Basis qualitativer Interview- und quantitativer Fragebogendaten detailliert zu dokumentieren und zu analysieren.
Projektergebnisse
Integrative sonderpädagogische Förderung wird im Schweizer Schulsystem zunehmend umgesetzt. Die Sekundarstufe blieb dabei bisher wenig untersucht. Gerade für Jugendliche mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen (SEN für «Special Educational Needs») hat jedoch die Schule in dieser Phase einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung. Zusätzlich machen anspruchsvollere Rahmenbedingungen (wie umfangreicher Lernstoff, komplexere Organisation des Unterrichts sowie der bevorstehende Übertritt ins Berufsleben) die Sekundarstufe für die Umsetzung integrativer Förderung herausfordernd.
Mit 55 Kindern und ihren Familien wurde integrative Förderung in 45 Schulen aus 15 Kantonen währen mehreren Jahren untersucht. Befragt wurden die betroffenen Jugendlichen und ihre Eltern, die Lehrpersonen und weitere Fachpersonen der Schule sowie ihre Mitschüler und Mitschülerinnen (N=815). Die Fragestellungen betreffen die Massnahmen zur integrativen Förderung, die durch diese Massnahmen realisierte Integration, die Partizipation und Zufriedenheit Jugendlichen und ihrer Eltern mit der schulischen Situation sowie ihre Wünsche und Perspektive für die weitere schulische Zukunft.
Umsetzung integrativer Förderung in der Sekundarstufe
In der Organisation integrativer Förderung zeigt sich in der Schweiz eine grosse Vielfalt. Am einen Ende des Spektrums sind Schulen, die auf die Bildung stabiler Leistungsgruppen gänzlich verzichten und bewusst auf eine heterogene Durchmischung der Lernenden setzen. Am gegenüberliegenden Ende des Spektrums setzen Schulen auf die möglichst frühe und stabile Bildung leistungshomogener Gruppen (zum Beispiel Kleinklassen und Sek A, B und C). Die Analysen zeigen, dass sich diese selektiven Organisationsformen negativ auf die Entwicklung des akademischen Selbstkonzepts der Schülerinnen und Schüler auswirken, während integrativere Modelle eine positive Entwicklung des akademischen Selbstkonzepts unterstützen. Somit scheinen für alle Schüler:innen integrative Modelle besser, selektive Modelle dagegen weniger unterstützend zu sein.
Besonderer Förderstatus als Belastung
Die quantitativen Ergebnisse der Studie zeigen, dass Schülerinnen und Schüler mit SEN auf der Sekundarstufe I schlechter in ihre Klasse integriert sind als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne Förderstatus. Neben dem Förderstatus erwiesen sich das Klassenklima sowie die Fähigkeit der Lehrperson zur Gestaltung integrativen Unterrichts als wesentliche Einflussfaktoren gelingender Integration. Im Längsschnitt über die gesamten drei Jahre der Sekundarschulzeit zeigte sich insgesamt eine Verschlechterung der sozialen Integration. Die stärkste Abnahme fand dabei während des ersten Sekundarschuljahres statt. Möglicherweise wirken sich hier die anspruchsvolleren Rahmenbedingungen der Sekundarstufe, wie stärkere Leistungsorientierung, komplexere Organisation und dichterer Lernstoff sowie weniger Ressourcen für eine integrative Förderung erschwerend aus.
Die Beziehung zur Lehrperson ist wichtig
Die Qualität der Beziehung zur Lehrperson spielt für gelingende Integration eine wesentliche Rolle. Im Projekt konnten drei verschiedene Beziehungstypen beschrieben werden:
- Positiver Beziehungstyp: Die Lehrperson wird als wohlwollend und unterstützend erlebt. Sie stellt für sie eine wichtige, manchmal sogar zentrale Bezugsperson dar. Ihre Schüler:innen erleben Interesse am schulischen Stoff, merkliche Lernfortschritte und ein Gefühl des Weiterkommens. Sie erleben ein Klima des Vertrauens, wo Solidarität anstatt Konkurrenz und Leistungsdruck herrscht.
- Neutral-ambivalenter Beziehungstyp: Die Lehrperson wird als freundlich, aber distanziert, eher streng und wenig anregend erlebt. Dies führt bei den Jugendlichen zu einem Unsicherheitsgefühl: sie trauen sich nicht, Unterstützung anzufordern oder sich bei Belastungen der Lehrperson anzuvertrauen.
- Negativer Beziehungstyp: Die Lehrperson wird als übermässig streng, ignorierend und destruktiv wahrgenommen. Die Schüler:innen erleben ein grundsätzliches Desinteresse der Lehrperson an ihnen und ihrem Wohlbefinden. Das führt bei den Jugendlichen zu Unwohlgefühl oder gar Angst. Sie berichten von Disziplinarproblemen in den jeweiligen Klassen und insgesamt von einem negativen Klassenklima, in dem sie sich schlecht integriert und gestresst fühlen.
Was eine gute Zusammenarbeit der Schule mit den Familien ausmacht
Für die meisten Eltern steht der Wunsch nach Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit ihres Kindes im Vordergrund, der spezifische Beruf, der damit verbundene gesellschaftliche Status oder die finanziellen Aussichten werden dagegen weniger stark gewichtet. Dazu gehört auch, dass ihr Kind so akzeptiert wird, wie es ist, dass man sich nicht nur auf seine Defizite konzentriert, sondern auch seine Stärken sieht. Eltern von Jugendlichen mit SEN haben jedoch auch viele Sorgen im Zusammenhang mit der beruflichen Zukunft ihrer Kinder. Dazu gehört die Frage, ob der/die Jugendliche in den ersten Arbeitsmarkt eintreten wird.
Für die Eltern ist neben der Qualität der Fördermassnahmen vor allem die Kommunikation ein zentraler Punkt: Sie sollte einfach, klar und effektiv sein, sowohl zwischen der Schule und den Eltern als auch innerhalb der Schule. Wichtig ist ihnen auch, informiert und angehört zu werden, ihre Meinung äussern und an Entscheidungen mitwirken zu können.