Corona-Pandemie und Weiterbildung: Auswirkungen auf die Angebotsgestaltung
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Inhalt dieser Seite
Steckbrief
- Projektleitung
- Erik Haberzeth (PHZH, ehemaliger Mitarbeiter)
- Projektteam
- Stefanie Dernbach-Stolz (PHZH)
- Organisationseinheit
- F-BW (Bildungswissenschaftliche Forschung)
- Projektphase
- Abgeschlossen (1.3.2021 – 31.1.2023)
- Projekttyp
- Forschungs- und Entwicklungsprojekt
- Finanzierung
- Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation
Beschreibung
Die Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben die Weiterbildungsanbietenden schwer getroffen. Es ist davon auszugehen, dass sich der Weiterbildungsbereich in der Schweiz folglich stark verändert. Um mögliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, die sich positiv oder negativ auf die Teilnahme verschiedener sozialer Gruppen an Weiterbildung auswirken könnten, untersucht das Forschungsprojekt diesen Wandel systematisch. Die zentralen Forschungsfragen sind:
- Wie hat sich das Weiterbildungsangebot im Zuge der Corona-Krise in der Schweiz verändert?
- Welche Chancen und Risiken sind mit diesen Veränderungen im Hinblick auf die Erreichung unterschiedlicher Zielgruppen verbunden?
- Wohin geht es? Wie könnten zukunftsweisende Strategien der Programm- und Angebotsentwicklung aussehen?
Untersucht werden sowohl Institutionen, die sich mit ihrem Angebot primär an von gesellschaftlicher und/oder beruflicher Exklusion bedrohte Zielgruppen wenden – wie formal gering qualifizierte Personen, Personen mit Migrationshintergrund oder ältere Personen –, als auch Institutionen der beruflichen Weiterbildung, die sich primär an Personen mit mittlerem oder höherem Qualifikationsniveau richten.
Diese Studie wurden im Rahmen der «Ressortforschung Weiterbildung» des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI finanziert.
Projektergebnisse
Die Corona-Pandemie hat die bestehenden Praktiken in der Weiterbildung radikal unterbrochen. Mit dem Ende dieser Krise stellt sich die Frage, ob sie ein Ausgangspunkt für eine Umbruchphase ist oder ob es sich lediglich um eine Momentaufnahme handelte. Die Befunde dieser Studie deuten unterschiedliche Einwicklungen in den verschiedenen Weiterbildungssegmenten an und damit differenzierte Transformationen in der Weiterbildung.
Für die Realisierung des lebenslangen Lernens spielen die Weiterbildungsanbietende eine zentrale Rolle. Durch die Entwicklung und Bereitstellung bedarfs- und bedürfnisgerechter Lernangebote tragen sie wesentlich dazu bei, dass der individuelle und gesellschaftliche Lernbedarf gedeckt werden kann. Die Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben die Weiterbildungsanbietende in der Schweiz schwer getroffen und beeinflussen ihre Leistungserstellung noch immer. Heute ist insbesondere die Frage relevant, welche unter dem Einfluss der Pandemie angestossenen Veränderungen sich als dauerhaft erweisen werden und wo sich damit ein tatsächlicher Wandel in der Weiterbildung vollziehen wird.
Während jedoch in vielen gesellschaftlichen Bereichen die Auswirkungen der Corona-Pandemie umfassend untersucht werden, trifft dies auf die Weiterbildung in der Schweiz bislang kaum zu. An diesem Desiderat setzte das vom SBFI geförderte Forschungsvorhaben «Corona-Pandemie und Weiterbildung – Auswirkungen auf die Angebotsgestaltung» an. Mit der Studie sollte ein Beitrag dazu geleistet werden, die Auswirkungen der Pandemie auf die Weiterbildung zu erfassen und allfällige problematische Entwicklungen hinsichtlich des Weiterbildungsangebots aufzuzeigen. Dazu wurden zwischen Juni und November 2021 Gruppendiskussionen mit insgesamt 46 Programmplanenden aus zehn Weiterbildungseinrichtungen der Schweiz durchgeführt. Die Einrichtungen verteilen sich auf die Segmente der integrativen, allgemeinen und beruflichen Weiterbildung. In einem zweiten Erhebungszeitraum von April bis Mai 2022 wurden zehn Leitungspersonen derselben Einrichtungen befragt.
Die Befunde deuten eine beschleunigte Modernisierung in der Weiterbildung an, insbesondere was die didaktischen Konzepte und die Formate anbelangt. Dabei werden aber divergierenden Entwicklungen und Problembereichen in den drei Segmenten der integrativen, allgemeinen und beruflichen Weiterbildung deutlich:
- Das Format der Online-Veranstaltung und die damit einhergehende räumliche Entgrenzung des Lernens hat sich in der Breite des Weiterbildungssystems einstweilen etabliert. Dadurch haben sich die didaktischen Optionen der Anbietenden erweitert.
- Entsprechend zeigt sich eine Diversifizierung der Angebote, was die Lehr- und Lernarrangements anbelangt. Zentral sind dabei die beiden Dimensionen Ort (physische Präsenz vor Ort versus virtuelle Präsenz von einem anderen Ort aus) und Zeit (synchron versus asynchron). In diesem durch die beiden Dimensionen aufgespannten Feld werden unterschiedliche Formate entwickelt und angeboten.
- Bezüglich dieser Entwicklung zeigen sich allerdings deutliche Unterschiede zwischen den drei Weiterbildungssegmenten der beruflichen, allgemeinen und integrativen Weiterbildung: Während im integrativen Segment das Angebot auf einen digital angereicherten Präsenzunterricht ausgerichtet ist und zum Beispiel Hybridunterricht keine Rolle spielt, gibt es im Segment der allgemeinen Weiterbildung eine themenspezifische und im Segment der beruflichen Weiterbildung durchaus eine umfassende Flexibilisierung, bezogen vor allem auf die beiden Dimensionen des Lernortes und der Lernzeiten mittels zum Beispiel Hybridunterricht, Online-Veranstaltungen oder Blended Learning-Arrangements.
- Die Gründe für die unterschiedlichen Programm- und Angebotsstrategien liegen nicht nur, aber doch erheblich in den unterschiedlichen finanziellen und räumlichen Ressourcen der Anbietenden in den jeweiligen drei Segmenten. Gerade die Spielräume der integrativen Anbietenden mit Blick auf die Nutzung digitaler Lehr- und Lernformen sind vor dem Hintergrund ihrer Ressourcenbeschaffung durch öffentliche Aufträge und eines öffentlichen, dem Gemeinwohl verpflichteten Interesses erheblich eingeschränkt. Zudem fehlen eigene Räumlichkeiten, die technisch hochwertig ausgestattet werden könnten.
- Die Bedürfnis- und Zielgruppenanalyse ist nach wie vor durch eine hohe Unsicherheit geprägt. Eine stabilere Interessens- und Bedürfnislage wird erst mittelfristig erwartet. Aktuell hat für die integrativen Anbietenden vor allem die Frage einer digitalen Exklusion eine hohe Relevanz. In allen Segmenten geht es um eine intensive Analyse und Gestaltung für die jeweiligen Zielgruppen passender Lernformen und Lernorte.
- Schliesslich ist die intensive Reflexion des Profils der Einrichtung auffällig. Gleichzeitig sprechen die Befunde aktuell nicht dafür, dass es zu umfangreicheren Marktverschiebungen in der Schweiz durch die Neupositionierung von Einrichtungen kommt. Es handelt sich aktuell eher um einen inkrementellen Wandel gerade mit Blick auf die didaktischen Konzepte.
Bildungspolitisch besonders relevant ist der Befund, dass sich bedingt durch die Pandemie Finanzierungs- und didaktische Gestaltungsprobleme im Zuge der Submissionsverfahren bestätigen und verschärfen. Aus diesen Problemen resultieren Gefahren einer digitalen Spaltung bei den Anbietenden.
Publikationen
Erik Haberzeth, Stefanie Dernbach-Stolz (2022)
Programmplanung in der Weiterbildung unter dem Einfluss der Corona-Pandemie: Befunde einer empirischen Studie.
Zeitschrift für Weiterbildungsforschung ZfW, 2, 1–22