Ausbildung : Neue Chancen für Lehrpersonen mit Flucht­hinter­grund

Lehrpersonen mit Fluchterfahrung haben in der Schweiz bisher kaum die Möglichkeit, ihrem ursprünglichen Beruf nachzugehen. Die PH Zürich entwickelt deshalb gemeinsam mit vier weiteren Pädagogischen Hochschulen Massnahmen zur beruflichen Integration.

Donnerstag, 27. November 2025

Vorläufig Aufgenommene, anerkannte Flüchtlinge, Schutzbedürftige und Staatenlose sind laut Staatssekretariat für Migration zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit in der ganzen Schweiz berechtigt. Dies gilt auch für Lehrkräfte mit einem Diplom aus dem Ausland. Dennoch arbeiten die wenigsten von ihnen in ihrem angestammten Beruf, denn die Anforderungen an Lehrpersonen, insbesondere auf der sprachlichen Ebene, sind hoch.

Mit dem CAS Unterrichten mit ausländischem Lehrdiplom versuchte die Pädagogische Hochschule Bern 2024, ausländische Lehrpersonen auf dem Weg zu einer Anstellung an Schulen im Kanton Bern zu unterstützen. Und auch bei Swissuniversities, der Dachorganisation der Schweizer Hochschulen, ist man sich der Problematik bewusst.

Im Rahmen des Projekts «Requalifikation und berufliche Integration von Lehrpersonen mit Fluchterfahrung (RILF)» sollen deshalb bis 2028 verschiedene Angebote für Lehrpersonen mit Fluchthintergrund entwickelt werden. Das Projekt wird von der PH Zürich und vier weiteren Pädagogischen Hochschulen umgesetzt und von Swissuniversities unterstützt. Es ist vorgesehen, dass die im Projekt entwickelten Angebote und Massnahmen in die regulären Strukturen der beteiligten Pädagogischen Hochschulen überführt werden.

Sabrina Marruncheddu eröffnet ein erstes Treffen an der PH Zürich im Rahmen des RILF-Projekts, mit Vertreter:innen der mitwirkenden Pädagogischen Hochschulen, NGO-Mitarbeitenden und Lehrpersonen mit Fluchthintergrund.
Sabrina Marruncheddu eröffnet ein erstes Treffen an der PH Zürich im Rahmen des RILF-Projekts, mit Vertreter:innen der mitwirkenden Pädagogischen Hochschulen, NGO-Mitarbeitenden und Lehrpersonen mit Fluchthintergrund.

Sabrina Marruncheddu arbeitet als Dozentin im Zentrum für Unterricht und transkulturelles Lernen der PH Zürich und wirkt im Teilprojekt «Brückenangebot» von RILF mit. Dabei geht es um die Entwicklung eines einjährigen Angebots, das die betreffenden Personen bei der Anerkennung ihres ausländischen Lehrdiploms unterstützt oder – sollten die Bedingungen für eine solche Anerkennung nicht erfüllt sein – sie auf ein Studium an einer Pädagogischen Hochschule (regulär oder verkürzt) vorbereitet. Der Start des Brückenangebots ist für Herbst 2026 vorgesehen.

Sabrina Marruncheddu, was sind die grössten Herausforderungen von Lehrpersonen mit Fluchthintergrund in der Schweiz?
Die grössten Herausforderungen sind das Erlernen der deutschen Sprache und die Anerkennung der im Ausland erworbenen Diplome. Um in den Schuldienst einzutreten oder ein Studium an einer PH zu beginnen, müssen Lehrpersonen Deutsch auf Niveau C2 beherrschen und die Bildungsfachsprache kennen, die bei uns verwendet wird. Eine Sprache auf diesem Niveau zu beherrschen, braucht Zeit. Aber genau diese Zeit wird geflüchteten Lehrpersonen oft nicht gegeben, weil von ihnen erwartet wird, dass sie möglichst schnell eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. So werden sie oft in andere Berufe gedrängt, in denen Sprachkenntnisse weniger im Vordergrund stehen. Eine Untersuchung des Bundes hat ergeben, dass gut qualifizierte anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Ausländer:innen in der Schweiz praktisch keine Chance haben, ihr im Herkunftsland erworbenes Potenzial mittels Anerkennung und Anrechnung zu verwerten. Das Projekt RILF reiht sich in die Bemühungen des Bundes ein, dieser Dynamik entgegenzuwirken.

Welche Chancen ergeben sich aus dem Projekt RILF?
Das Projekt soll Lehrpersonen mit Fluchthintergrund die Möglichkeit geben, ihre Deutschkenntnisse gezielt und berufsbezogen zu verbessern. Sie werden dabei in eine Gruppe von Peers eingebunden, die sich gegenseitig unterstützen und ähnliche Erfahrungen teilen. In verschiedenen Modulen eignen sie sich Wissen zum Schweizer Bildungssystem, zur hiesigen Schulkultur, zu Partizipation und Diversität an. Immer wieder können sie an Schulen hospitieren und sie absolvieren zwei Praktika. Gleichzeitig erarbeitet RILF Begleitmassnahmen, um die besonderen Bedürfnisse geflüchteter Lehrpersonen in bestehenden PH-Studiengängen zu berücksichtigen und sie im Rahmen eines Case-Managements während des Studiums besser zu begleiten. Aus dem Projekt heraus ergeben sich nicht nur Chancen für die Betroffenen, sondern auch für das Schweizer Bildungssystem, das der wachsenden Diversität im Klassenzimmer eine grössere Vielfalt an Lehrpersonen gegenüberstellen kann.

Lehrpersonen mit Fluchthintergrund werden aktiv in das Projekt einbezogen, um eine praxisnahe Umsetzung zu gewährleisten.
Lehrpersonen mit Fluchthintergrund werden aktiv in das Projekt einbezogen, um eine praxisnahe Umsetzung zu gewährleisten.

Wie engagiert sich die PH Zürich darüber hinaus zum Thema Flucht?
Im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 wie auch anlässlich des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 wurden von Studierenden und Mitarbeitenden Deutschkurse für Geflüchtete angeboten. Weiter hat die Abteilung Internationale Bildungsentwicklung mit dem Lehrmittel «Unterwegs» und dem digitalen Lernprogramm CORE Instrumente geschaffen, welche die Life-Skills geflüchteter Kinder und Jugendlichen fördern. Daneben gibt es verschiedene Forschungsprojekte zum Thema Flucht und Inklusion sowie Weiterbildungsformate für Lehrpersonen der Heimatlichen Sprache und Kultur, die auch von geflüchteten Lehrpersonen genutzt werden. Spezifische Angebote für diese Zielgruppe  fehlen jedoch bislang. Diese Lücke wollen wir mit dem Projekt RILF nun schliessen.

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Porträtfoto von Sabrina Marruncheddu Krause

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