Hochschulleitung : «Die PH Zürich hat enormes Potenzial»
Andrea Schweizer, seit 1. Januar 2025 sind Sie Rektorin der PH Zürich. Wie sahen Ihre ersten Tage an der PH Zürich aus?
Ich wurde sehr herzlich empfangen. Es war mir wichtig, alle Standorte, Gebäude und verschiedene Räumlichkeiten zu sehen. Auf meinen Spaziergängen habe ich viele Menschen getroffen und inspirierende Räume entdeckt. Die Begeisterung und die Offenheit, mit denen die Mitarbeitenden und Studierenden dabei von ihren Aufgaben erzählten, zeigten mir: Es gibt ein hohes Qualitätsbewusstsein an der PH Zürich. Das hat mich beeindruckt.

Nach der Maturität in Zürich studierte Andrea Schweizer Geschichte, Volkswirtschaft sowie Staatsrecht an der Universität Bern. 1997 erhielt sie das Diplom für das höhere Lehramt in Geschichte und Volkswirtschaft. 2003 promovierte sie in Geschichte an der Universität Bern, wo sie 2014 auch einen Executive Master of Public Administration erlangte. An der PH Bern leitete Andrea Schweizer ab 2009 das Institut Sekundarstufe I. Ab 2014 wirkte sie zudem als Stellvertreterin des Rektors der PH Bern.
Was hat Sie motiviert, Rektorin der PH Zürich zu werden?
Es macht mir Freude, Rahmenbedingungen zu gestalten – weil mir Bildung wichtig ist und weil mir die Mitarbeitenden wichtig sind. Als Rektorin kann ich leistungsbereichsübergreifend arbeiten, was eine grosse Motivation für mich ist. So habe ich noch mehr Möglichkeiten, das Berufsfeld zu unterstützen und mitzugestalten. Und nicht zuletzt hat mich die Ausstrahlung der PH Zürich fasziniert. Man kommt ja praktisch nicht an der PH Zürich vorbei, wenn man in der Bildung tätig ist. Jetzt, wo ich hier bin, verändert sich dieser Aussenblick langsam. Je mehr ich die Hochschule kennenlerne, desto näher komme ich ihr. Und ich stelle fest, dass die PH Zürich ein enormes Potenzial hat. Dieses liegt in den Menschen, die hier arbeiten.
Sie waren an der PH Bern neben Ihrer Führungsfunktion in der Lehre tätig und haben viele Jahre an Schulen unterrichtet. Weshalb haben Sie den Schritt in die Führung gemacht?
Vielleicht ist es meine Art: Ich habe schon immer gerne zusätzliche Aufgaben und Verantwortung fürs Ganze übernommen. Ich war früh Klassenlehrperson, war Fachschaftsverantwortliche im Kanton, habe Projekte geleitet und umgesetzt. Der Wechsel in die Führung war ein natürlicher Schritt, der sich daraus ergeben hat. Aber er fiel mir nicht leicht. Ich habe immer sehr gerne unterrichtet und war bis vor Kurzem in der Lehre tätig – um die Studierenden zu sehen und um zu verstehen, welche Herausforderungen die Dozierenden haben. Wenn ich sehe, wie Lehre stattfindet, dann gibt mir das sehr viel.
Als Rektorin der PH Zürich haben Sie neben der Ausbildung gleichermassen auch die Weiterbildung, die Dienstleistungen und die Forschung der PH Zürich im Blick. Wo sehen Sie in diesen Bereichen Chancen für die PH Zürich?
Mit den vielfältigen Angeboten in der Weiterbildung und unseren Dienstleistungen begleiten wir die Lehrpersonen auch nach Abschluss der Ausbildung. Wir unterstützen sie in ihrer Professionsentwicklung und dem lebenslangen Lernen. Aus- und Weiterbildung sind aufeinander ausgerichtet und vielfältig verbunden, dies sehe ich als grosse Chance. Wir haben zudem eine starke und berufsfeldorientierte Forschung, deren Ergebnisse in die Lehre für Aus- und Weiterbildung einfliessen. Formate wie «Forschung im Dialog» ermöglichen zudem, Fragestellungen aus der Schulpraxis aufzunehmen und Erkenntnisse zurückfliessen zu lassen.

Andrea Schweizer ist – anders als es ihr beruflicher Werdegang und ihr Wohnort vermuten lassen könnten – nicht Bernerin, sondern gebürtige Zürcherin. Sie ist im Limmattal aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ihre Maturität hat sie an der Kantonsschule Enge in der Stadt Zürich erlangt. Der Wechsel an die PH Zürich ist für sie deshalb ein Zurückkommen. Dies habe auch ihr Mann schnell feststellen können, erzählt Andrea Schweizer mit einem Lachen: Scherzend habe er bemerkt, dass sie – kaum an der PH Zürich tätig – bereits wieder vermehrt Zürichdeutsch spreche.
Was gefällt Ihnen an Bern und was nehmen Sie mit aus Ihrer Zeit in der Bundeshauptstadt?
Ich kann viele gute Erfahrungen aus meinen Berner Zeiten mitnehmen. Nicht zuletzt habe ich den bernischen Pragmatismus schätzen gelernt, Lösungen zu sehen, auch wenn es scheinbar nur Probleme gibt. Dazu gehört auch das Subsidiaritätsprinzip: Man löst Probleme dort am besten, wo die Kompetenzen liegen.
In einem Video zur Bilanztagung 2024 erwähnen Sie, dass Sie hoffen, dass die Pädagogischen Hochschulen etwas mutiger werden. Wie könnte dies aus Ihrer Sicht konkret aussehen?
Mutig sein hat für mich viele Facetten. Es geht ums Ausprobieren und nicht um Perfektion. Und es gehört dazu, dass man auch einmal scheitern darf. Als Hochschule können wir es uns leisten, gewisse Dinge zu testen – auch wenn sie später nicht vom Schulfeld angewendet werden können. Ausserdem gehört für mich dazu, dass man den Studierenden mehr Verantwortung gibt. Unsere Studierenden sind erwachsene Menschen, die teilweise schon Schule geben. Diese Menschen wollen lernen. Unsere Aufgabe ist es, einen Rahmen zu definieren. Und dann gehört für mich auch der Mut dazu, stolz zu sagen, dass wir eine Pädagogische Hochschule sind. Es gibt keinen anderen Hochschultyp, wo so viele Disziplinen auf so kleinem Feld zusammenkommen. Wir haben eine riesige Chance, Herausforderungen aus einem interdisziplinären Blickwinkel anzugehen – eine Chance, die aus meiner Sicht leider noch zu wenig genutzt wird.
Die neue Hochschulstrategie wird Ihnen Gelegenheit bieten, zusammen mit der Hochschulleitung neue Leitplanken für die PH Zürich zu definieren. Was ist Ihnen besonders wichtig bezüglich der neuen Strategie?
Für mich als neue Rektorin ist es eine riesige Chance, dass wir in diesen neuen Strategieprozess hineinkommen und dass ich den Prozess von Anfang an mitgestalten kann. Ich habe das Gefühl, dass sich die Gesellschaft momentan sehr schnell verändert und entsprechend muss sich die Hochschule auf die Zukunft vorbereiten. Wir müssen unsere Strategie so gestalten, dass sie es unseren Studierenden und künftigen Lehrpersonen sowie dem Schulfeld ermöglicht, die Herausforderungen des Lehrberufs langfristig zu bewältigen. Das ist ein Prozess, der alle Perspektiven braucht. Inhaltlich sind für mich insbesondere Fragen der Inklusion und Partizipation, der digitalen Transformation und der Nachhaltigkeit, die ich sehr breit verstehe, wichtig. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass Schulen Institutionen bleiben, die der Demokratiebildung dienen. Sie muss daher allen Platz bieten und allen Chancen eröffnen. Und dort können wir einen Beitrag leisten.
Wie sehr kann man als Hochschule mit vorgegebenem Leistungsauftrag Akzente setzen mit einer neuen Strategie?
Ich glaube, dass unser Leistungsauftrag inhaltliche Schwerpunktsetzungen zulässt. Und das muss er auch: Unsere Aufgaben verändern sich mit den Veränderungen, die in den Schulen stattfinden, und mit den veränderten Kompetenzen von Lehrpersonen, die damit einhergehen. Wir müssen auf dieses «Anders» reagieren. Dafür brauchen wir eine gute, zukunftsgerichtete Schwerpunktsetzung in unserer Strategie.
Zurück zum Mut: Braucht es aktuell – in Zeiten von Lehrpersonenmangel, rasant voranschreitenden gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen sowie politischen Interessenskonflikten – besonders viel Mut, eine Hochschule zu führen?
Vielleicht braucht es ein bisschen Wagemut. Ich glaube, wir haben das Glück, dass alle diese Rahmenbedingungen zeigen, wie wichtig Bildung ist. Entsprechend interessiert, was wir machen. Gleichzeitig sind die Herausforderungen sehr komplex und es gibt keine einfachen Lösungen. Das breite Interesse zusammen mit dieser Komplexität ist eine Herausforderung. Umso mehr muss es uns gelingen, als interdisziplinäre Hochschule Lösungen zu finden, die die Qualität der Schule langfristig sichern.


