Ukraine : Gemeinsam das demokratische Schulfeld gestalten

Ende Oktober 2024 besuchte erneut eine Delegation aus der Ukraine die PH Zürich. Projektleiterin Corinna Borer von der PH Zürich gibt Einblicke in die langjährige, internationale Zusammenarbeit für ein demokratisches Schulsystem.

Mittwoch, 6. November 2024

Seit 2009 arbeitet die Abteilung Internationale Bildungsentwicklung der PH Zürich mit der Ukraine in Bildungsfragen rund um das Thema Demokratie zusammen. In diesem Kontext besuchte eine Delegation aus Bürgermeister:innen sowie Vertreter:innen von Bildungsdirektionen verschiedener Partnergemeinden aus der Ukraine die PH Zürich. Valentyna Poltorak, Projektleiterin der ukrainischen NGO DOCCU, begründete den Anlass wie folgt: «Wir bauen in der Ukraine eine demokratische Gesellschaft auf und interessieren uns deshalb sehr für konkrete Instrumente und Ansätze in der Bildungspolitik demokratischer Länder wie der Schweiz.» Auf dem Programm standen entsprechend der Austausch mit verschiedenen Schweizer Bildungsexpert:innen wie auch der Besuch der Baugewerblichen Berufsschule Zürich und der Sekundarschule Limmat.

Die Delegation aus der Ukraine mit Vertreter:innen der PH Zürich und der Deza.
Die Delegation aus der Ukraine mit Vertreter:innen der PH Zürich und der Deza.

Entstanden aus einem Austausch zu Bildung und Demokratie, der im Auftrag des  Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation durchgeführt wurde, trieben die NGO DOCCU und das ukrainische Bildungsministerium über die vergangenen Jahre die Aus- und Weiterbildung von hunderten Lehrpersonen an Pädagogischen Hochschulen und in der Grundschule voran. Unterstützt wurde dies von der PH Zürich mit den beiden Projekten «Development of Citizenship Competences in Ukraine» (DOCCU, 2016–2018) und «Decentralisation for Improved Democratic Education» (DECIDE, 2020–2024), beide finanziert von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

Dass trotz verschiedener Herausforderungen wie der Maidan-Revolution, der Annexion der Krim, der Corona-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg an den Bildungsreformen festgehalten wurde, zeigt den Willen der Ukraine und das Engagement der involvierten Institutionen für Demokratie und Frieden.

Corinna Borer, Dozentin im Zentrum für Unterricht und transkulturelles Lernen und Schweizer Projektleiterin von DECIDE, ordnet die bisherige Zusammenarbeit und die Expertise der PH Zürich in der Demokratiebildung ein.

Corinna Borer, das Projekt DECIDE hat die Dezentralisierung des Bildungswesens in der Ukraine zum Ziel. Was bedeutet das konkret?
Das DECIDE-Projekt zielt auf die Dezentralisierung des Bildungswesens in der Ukraine, um Bildung demokratischer und volksnäher zu gestalten. Konkret bedeutet dies, dass auf regionaler und lokaler Ebene effektive Verwaltungsmodelle entwickelt werden und Schulen und lokale Bildungsbehörden gestärkt werden, damit sie eigenständige Entscheidungen treffen können und so näher an den Bedürfnissen der Schüler:innen und Gemeinden sind. Zusätzlich unterstützt das Projekt durch Weiterbildungen die Demokratiebildung, fördert die Schaffung von Schulbehörden und begleitet die Erarbeitung von Entwicklungsstrategien in Schulen, in denen auch Eltern und Schüler:innen aktiv mitwirken können. Mit diesem Engagement trägt DECIDE nicht nur zur Bildung einer demokratischen Gesellschaft bei, sondern unterstützt auch die Umsetzung der «New Ukrainian School»-Reform für demokratische Kompetenzen.

Wieso engagiert sich die PH Zürich für die Demokratiebildung in der Ukraine?
Im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit unterstützt die Schweiz die Ukraine auf ihrem Weg zu Frieden und nachhaltiger Entwicklung bereits seit 1990. Auf dieser Basis entstand die erste Zusammenarbeit im Jahr 2009, aus der heraus das Bedürfnis geäussert wurde, das Bildungssystem und die nachfolgenden Reformen eng zu begleiten. Dabei entstand eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Partnerinstitutionen in der Ukraine und der PH Zürich, die sich in mehreren Krisen bewiesen hat. Wir glauben, dass das Bildungssystem in einem demokratischen Land dazu beitragen muss, dass junge Menschen mündige Bürger:innen werden. Dazu gehört nicht nur Wissen über demokratische Strukturen und Prozesse, sondern auch das Verständnis von Demokratie als Lebensform. Wir unterstützen daher Schulen und Behörden mit Weiterbildungen bei der Umsetzung der Schulreform, bieten Austauschmöglichkeiten mit Schweizer Bildungsakteuren und fördern so die Netzwerkbildung, um praktische Beispiele für die Umsetzung zu bieten und den Transfer in den ukrainischen Kontext zu begleiten.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit der Ukraine über die Jahre verändert?
Zu Beginn der Zusammenarbeit haben wir eng mit Expert:innen im Bildungswesen an Weiterbildungsprogrammen und Themen der Demokratiebildung und Friedensförderung gearbeitet. Diese wurden dann als feste Elemente in die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen in der Ukraine integriert und bestehen bis heute. Durch die Gründung der ukrainischen NGO DOCCU haben wir die Verantwortung nachhaltig in die Hand der lokalen Akteur:innen gegeben. Das aktuelle Projekt DECIDE ist eine Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium zur Umsetzung der «New Ukrainian School» -Reform. Mit dem Kriegsausbruch am 24. Februar 2022 wurde das Projekt vorübergehend mit dem Einverständnis des Regionalbüros der Deza in Kyiv auch auf die humanitäre Hilfe ausgerichtet. Die Partner:innen vor Ort kümmerten sich um geflüchtete Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und auch um Lehrpersonen.

Hat sich DECIDE demnach anders als geplant entwickelt?
Trotz der zahlreichen Herausforderungen durch den Krieg setzt sich das Projekt weiterhin für die Bildungsreformen ein und unterstützt neben Bildungseinrichtungen in Kriegsgebieten auch die Verbesserung des Berufsbildungssystems, die Entwicklung von Strategien für den Wiederaufbau und die Bildungsmodernisierung. Daneben wird mit Initiativen wie den «DECIDE Summer Clubs» Kindern und Lehrkräften in vom Krieg betroffenen Gebieten Hilfe angeboten, um Freizeitaktivitäten, psychologische Unterstützung und die Integration von Binnenvertriebenen zu ermöglichen.

Mitglieder der ukrainischen Delegation an der PH Zürich.
Mitglieder der ukrainischen Delegation an der PH Zürich.

Gibt es aus dem Projekt Erkenntnisse, die sich auf den Schweizer Kontext übertragen lassen?
Aus dem Projekt und auch anderen Erfahrungen in der internationalen Zusammenarbeit können einige Initiativen als Beispiel für einen Austausch in der Lehrpersonenbildung der PH Zürich verwendet werden. Dabei ist es wichtig, dass man bei jedem Projekt den lokalen Kontext genau beobachtet und die Aktivitäten entsprechend anpasst. Im Wahlbereich Globales Lernen nutzen wir unsere Erkenntnisse und gewähren Studierenden der PH Zürich Einblicke in diese und andere Kooperationen, um unsere transkulturellen Kompetenzen zu erweitern und andere Perspektiven auf «fremde» Bildungssysteme einnehmen zu können. Zudem können wir sicher von der rasanten Transformation der Digitalisierung in der Ukraine lernen, ebenso von der Motivation unserer Partnerinstitutionen, Kolleg:innen und Freund:innen, die sich unerschütterlich für ihre Arbeit und den Frieden und die Demokratie im Land einsetzen. Dabei bedarf es einer hohen Flexibilität, um schnell und effektiv handeln zu können. Es erstaunt mich immer wieder, in welcher Geschwindigkeit Entscheidungen getroffen, Veranstaltungen umgesetzt und Schulräume sicher gemacht werden. Dabei können wir sicher lernen, dass Planung gut ist, aber eben in machen Situationen auch angepasst werden muss und kann.

Ende 2024 wird das Projekt DECIDE abgeschlossen. In welchem Rahmen wird die Zusammenarbeit weitergeführt?
Der Projektrahmen für die weitere Zusammenarbeit ist noch nicht vollständig definiert, da die Ziele der weiteren Kooperationen zwischen der Schweiz und der Ukraine noch ausgearbeitet werden. Was wir aber bereits begonnen haben und im Jahr 2025 weiterführen werden, sind die Weiterbildungen im Bereich der beruflichen Orientierung auf der Sekundarstufe. Hier haben wir bisher mit zehn Schulen in sechs Regionen zusammengearbeitet, um das von der PH Zürich entwickelte Material «JOBS» an den Kontext der Ukraine anzupassen. Das Ziel des Pilotkonzepts «Berufsberatung in ukrainischen Schulen» ist es, die Kompetenzen ukrainischer Jugendlicher zu stärken, ihnen eine Berufsorientierung zu ermöglichen und sie beim Übergang von der Schule in den lokalen Arbeitsmarkt zu begleiten, der in der Wiederaufbauphase eine wichtige Rolle spielt. In diesem Rahmen möchten wir uns auch die nächsten Jahre in den genannten Kooperationen für den Frieden und den Wiederaufbau in der Ukraine engagieren können.

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Zur Person

Porträtfoto von Dr. Corinna Borer

+41 43 305 54 08