«Re-Writing (against) Culture» : 8. Erziehungswissenschaftliche Ethnographie-Konferenz
Das Zentrum Kindheiten in Schule und Gesellschaft der PH Zürich organisiert mit Unterstützung des Zentrums Bildung und Digitaler Wandel und des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich die 8. internationale erziehungswissenschaftliche Ethnographie-Konferenz. Die Co-Organisatorinnen Gisela Unterweger und Anja Sieber Egger vom Zentrum für Kindheiten in Schule und Gesellschaft erzählen im Interview, wie es dazu kam, dass die Konferenz zum ersten Mal an der PH Zürich stattfindet und was die Teilnehmenden erwartet.
Anja Sieber Egger, die Konferenz bringt Ende Juni die deutsch- und englischsprachige Gemeinschaft der ethnographischen Bildungsforscher:innen nach Zürich. Was hat Sie dazu bewogen, diese Konferenz zu organisieren?
Die Konferenz ist seit 2006 ein fester Bestandteil der ethnographisch ausgerichteten Bildungs- und Schulforschung. Ins Leben gerufen wurde sie 2006 von Zürcher Ethnograph:innen der Universität Zürich. Seither fand die Konferenz jedoch fast ausschliesslich in Deutschland statt. So war es an der Zeit, die Konferenz wieder nach Zürich und in die Schweiz zu holen. Dieses Jahr sind wir nun bei der achten Durchführung. Das finden wir bemerkenswert, weil hinter der Konferenz keine wissenschaftliche Gesellschaft steht, sondern eine Handvoll engagierter Bildungs- und Schulethnograph:innen, die in Eigeninitiative und mit viel Herzblut diese hochkarätigen Konferenzen organisieren. Und dank dieser Konferenzen ist es gelungen, die Bildungsethnographie als wichtigen Forschungszugang im deutschsprachigen Raum zu etablieren und weiterzuentwickeln. Dies ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Bildungsethnographie zum Beispiel im englischsprachigen Raum weitaus anerkannter ist als hierzulande.
Gisela Unterweger, was können sich Aussenstehende unter einer ethnographischen Konferenz vorstellen?
Der thematische Rahmen dieser Konferenzen ist immer die Ethnographie. Dieses Forschungsparadigma, entstanden in unserer Herkunftsdisziplin der Ethnologie, verbindet verschiedene, vor allem qualitative Forschungsmethoden. Sie zielt darauf ab, das Alltagsgeschehen vor Ort zu erfassen. Es geht darum, gegenwartsbezogen auf soziale Gruppen und Phänomene zu blicken, um Interaktionsformen, Praktiken, Rituale und Routinen analytisch in den Blick zu nehmen. Zentrales Anliegen dabei ist es, die Perspektive der Menschen auf ihre Welt beschreibend zu verstehen, spezifisch mit Blick auf Bildungsprozesse. Hier wiederum kommt die Schule als zentrale gesellschaftliche Institution ins Spiel, mit ihrem Anspruch, die Bürger:innen von morgen zu bilden und zu erziehen. So interessieren beispielsweise Lern- und Peer-Kulturen oder Differenzordnungen in Bildungsinstitutionen, das Geschehen an ausserschulischen Lernorten, die Materialität von Bildung und Lernen, Prozesse der Inklusion und Exklusion und vieles mehr. Die Ethnographie bildet für unser Forschungszentrum Kindheiten in Schule und Gesellschaft einen wichtigen Pfeiler, weshalb die Durchführung der Konferenz auch für unser Zentrum sehr wichtig ist.
Anja Sieber Egger, was ist der thematische Rahmen der diesjährigen Konferenz?
Die diesjährige Ausgabe widmet sich dem Thema des ethnographischen Schreibens und der Repräsentation, also der Frage, wie man Forschungsergebnisse gewinnen und darstellen kann und welche Herausforderungen damit verbunden sind. Ethnograph:innen beschreiben – häufig mit Stift und Papier, je länger je mehr aber auch mit diversen digitalen Hilfsmitteln – die erforschte Alltagskultur. Dabei übersetzen sie stets zwischen verschiedenen Sinnwelten – zwischen jener der erforschten Menschen, jener der Wissenschaft und jener der Gesellschaft. Um es aufs Schulfeld und die PH zu übertragen, sind beispielsweise die Perspektiven von Lehrpersonen und Forschenden nicht deckungsgleich. Das macht die Beschreibung und Analyse schulischer Praxis zu einer hochkomplexen Aufgabe mit einigen Fallstricken. Allzu häufig werden in bildungsbezogenen Debatten zum Beispiel verallgemeinernde Annahmen auf der Grundlage kultureller Unterschiede konstruiert. Gerade die Repräsentation von (kultureller) Differenz wurde in den 1990er Jahren in der sogenannten «Writing Culture»-Debatte prominent aufgegriffen und grundlegend problematisiert. Diese Debatte war ein Meilenstein in den Diskussionen rund um die Repräsentation ethnographischer Forschungserkenntnisse, und mit dem «Re-Writing» als Leitmotiv wollen wir diese Debatte an der Konferenz weiterführen. Sie erhält mit postkolonialen, rassismuskritischen und feministischen Perspektiven, dem digitalen Wandel und den gesellschaftlichen Herausforderungen (Migration, Klimawandel) eine neue Dringlichkeit, in mehrfacher Hinsicht: Es stellen sich neue Fragen zu Autor:innenschaft – wer kann und soll überhaupt über wen und wie schreiben? –, zur Positionierung der Ethnograph:innen, zu literarischen Formen oder auch zu Fragen nach der Art und Weise, wie dialogische Erfahrungen des Alltags vielleicht noch anders als in monologischen Repräsentationen verbreitet werden können. Diese und weitere Fragen werden an der Konferenz im Juni anhand von Beiträgen aus dem Feld der Bildungsforschung diskutiert.
Gisela Unterweger, worauf können sich die Teilnehmenden freuen an der Tagung? Und warum ist dieses Thema wichtig für die Lehrer:innenbildung, die Bildungsforschung und die PH Zürich?
Ein Highlight wird sicherlich der öffentliche Abendvortrag von Didier Fassin sein, der an renommierten Universitäten in den USA und Frankreich lehrt. Er hat seine ethnographischen Forschungsergebnisse über Polizeiarbeit, und wie diese zu Diskriminierung und Gewalt führt, mit einer Ethno-Graphic-Novel einem breiten Publikum zugänglich gemacht. An der Konferenz wird er über die nicht ganz triviale Frage nach der Wahrheit umstrittener Fakten sprechen – ein wichtiges Thema auch für die Bildungsethnographie. Darüber hinaus wird das Konferenzthema aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. So wird gefragt, wie über Rassismus in der Schule geschrieben werden kann, wie sich Machtverhältnisse, die auch die Forschenden selbst betreffen, auf das Schreiben auswirken, was die Methode des Eye-Tracking bewirken kann, wie reflexive Standortbestimmungen eingesetzt werden können oder wie mit Kindern so geforscht werden kann, dass ihre Perspektiven berücksichtigt werden. Im Mittelpunkt stehen empirische Beispiele aus dem Schulfeld, der Kindheitsforschung und aus der Jugendhilfe. Die Konferenz bietet damit die Möglichkeit, in verschiedene Themen der Schul- und Bildungsforschung einzutauchen und sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie die Mehrschichtigkeit, Multiperspektivität, Widersprüchlichkeit und Ambivalenz von Bildungsprozessen im Alltag – das ganz normale Kuddelmuddel – angemessen und mit Erkenntnisgewinn beschrieben werden kann. Bei aller Reflexivität und wissenschaftlichen Vorsicht bot die Ethnographie die Möglichkeit, das Geschehen im Klassenzimmer, im Schulhaus oder auf dem Pausenhof mit anderen Augen zu sehen.
Weitere Informationen
Weitere Informationen zur 8. Erziehungswissenschaftlichen Ethnographie-Konferenz sind auf der Konferenz-Website verfügbar.


