Lehrpersonenbildung : «Entgegen der aktuellen Kritik ist die Entwicklung der Pädagogischen Hochschulen positiv zu bewerten»

Vor zwanzig Jahren wurden die Pädagogischen Hochschulen gegründet. Eine von der PH Zürich organisierte Tagung zog Bilanz und schaute nach vorne. Im Interview spricht PHZH-Rektor Heinz Rhyn über die Erkenntnisse der Tagung und zieht auch persönlich Bilanz zur hochschulischen Lehrpersonenbildung.

Donnerstag, 29. August 2024

An der Tagung «Zwei Jahrzehnte hochschulische Lehrerinnen- und Lehrerbildung» blickten die Pädagogischen Hochschulen der Schweiz auf die Einführung und Entwicklung der hochschulischen Lehrerinnen- und Lehrerbildung und diskutierten die Zukunft des Hochschultyps. Im Interview schaut Heinz Rhyn, Rektor der PH Zürich und Gastgeber der Tagung, auf die Konferenz zurück.

Heinz Rhyn, Sie waren als Rektor der PH Zürich Gastgeber der nationalen Tagung «Zwei Jahrzehnte hochschulische Lehrerinnen- und Lehrerbildung». Worum ging es im Kern?
An der Tagung nahmen wir eine Standortbestimmung der institutionellen Entwicklung der Pädagogischen Hochschulen vor. Dies schloss sowohl einen Rückblick auf die bisherige Entwicklung als auch einen Ausblick auf künftige Entwicklungsschritte ein. Der Untertitel der Tagung hiess deshalb auch «Bilanzierungen und Perspektiven» – bewusst im Plural formuliert. Inhaltlich wurden je vier Workshops zu vier Themenbereichen durchgeführt. Beim ersten Thema ging es darum, die Pädagogischen Hochschulen in ihrem gesellschaftlichen, politischen und hochschulischen Kontext zu verstehen. Das zweite Thema kreiste um den Hochschultypus «Pädagogische Hochschulen». Im dritten Themenbereich wurde die Frage diskutiert, welchen Leistungsausweis die Pädagogischen Hochschulen vorweisen können. Schliesslich wurde das Thema erörtert, welches Personal die Pädagogischen Hochschulen beschäftigen und welche Laufbahnen diesem offenstehen. Zentrales Anliegen der Tagung war es, vertieft über diese Kernthemen zu debattieren. Die Entwicklung der Pädagogischen Hochschulen zu bilanzieren, entspricht im Übrigen einer Massnahme aus der aktuellen Strategie der Kammer PH von Swissuniversities, der Konferenz der Rektorinnen und Rektoren der Schweizer Hochschulen.

Es folgt eine Bildergalerie mit 7 Bildern.

Welches sind zentrale Erkenntnisse der Tagung?
An der Tagung wurde verschiedentlich deutlich, dass die Gründung der Pädagogischen Hochschulen in den Kantonen aufgrund langer und intensiver Vorarbeiten möglich und aufgrund besonderer europapolitischer Entwicklungen fast unausweichlich war. Wichtige Grundlagen für die Gründung Pädagogischer Hochschulen wurden bereits 1975 im Bericht «Lehrerbildung von morgen» und schliesslich mit den von der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren 1993 beschlossenen «Thesen zur Entwicklung Pädagogischer Hochschule» und den «Empfehlungen zur Lehrerbildung und zu den Pädagogischen Hochschulen» aus dem Jahr 1995 gelegt. Und mit der Einführung der Personenfreizügigkeit in Europa musste auch für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung ein Weg gefunden werden, die Lehrdiplome nicht ausschliesslich kantonal anzuerkennen und damit die drohende Inländerbenachteiligung aufzuheben.

Und wie schaute die Tagung auf die nächsten Entwicklungen?
An diese oft unterschätzte Vorbereitungsphase schloss die Gründungsphase an, in der bislang noch wenig aufgearbeitete Leistungen erbracht und Erfolge erzielt wurden. Spätestens mit der Aufnahme der Pädagogischen Hochschulen ins Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz von 2015 und der Integration bei Swissuniversities begann eine Konsolidierungsphase, die aufgrund des Lehrpersonenmangels in jüngster Zeit jedoch eine Art Backlash erlebt. Es zeigt sich, dass es im aktuell angespannten Umfeld schwierig ist, die nächsten wichtigen oder notwendigen Entwicklungsschritte der Pädagogischen Hochschulen zu diskutieren.

Impressionen von der Bilanztagung 2024

Welche Bilanz ziehen Sie persönlich zur hochschulischen Lehrer:innen-Bildung? Was hat sich in den letzten zwanzig Jahren bewährt, wo gibt es Handlungsbedarf?
Auf lange Sicht ist die Gründung der Pädagogischen Hochschulen eine Erfolgsgeschichte. Die Lehrdiplome sind interkantonal anerkannt, die Pädagogischen Hochschulen sind in der Hochschullandschaft Schweiz akzeptiert, lokal verankert und international vernetzt. Mit der Fachdidaktik und dem doppelten Kompetenzprofil, also dem sowohl akademischen als auch schulpraktischen Bezug, haben die Hochschulen fachlich und personell eigenständige Bereiche, die sie auszeichnen. Und entgegen der aktuellen Kritik ist die Entwicklung der Pädagogischen Hochschulen positiv zu bewerten Sie sind wichtige Partner für das Schulfeld und die Bildungsbehörden. Handlungsbedarf lässt sich bei der Organisation der Studiengänge ausmachen, die flexibilisiert werden müssen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Pädagogischen Hochschulen?
Die Pädagogischen Hochschulen werden sich meines Erachtens in den kommenden Jahren weiter etablieren. Abgesehen von Fribourg werden zurzeit kaum Diskussionen geführt, die Pädagogischen Hochschulen in Universitäten oder in Fachhochschulen zu integrieren. Der Hochschultypus ist spezifisch genug, dass er sich auch in Zukunft behaupten wird.

SRF-Tagesgespräch

Anlässlich der Tagung trat Heinz Rhyn, Rektor der PH Zürich, am 21. August im «Tagesgespräch» von Radio SRF auf. Er äussert sich darin zur Entwicklung der Pädagogischen Hochschulen wie auch zu aktuellen Debatten – etwa zu den Zulassungsbedingungen zum Studium oder zum Praxisbezug in der Ausbildung von angehenden Lehrer:innen.

«Unterrichten ohne Diplom muss zeitlich begrenzt sein», Heinz Rhyn im SRF-Tagesgespräch vom 21. August 2024