Podiumsdiskussion : Postkolonialismus in der Lehrer:innen-Bildung
Oxana Ivanova-Chessex, die Podiumsdiskussion «Lehrer:innenbildung postkolonial: Ansätze und Positionen» findet im Rahmen des Begleitprogramms zur Stadtzürcher Ausstellung «Blinde Flecken – Zürich und der Kolonialismus» statt. Wie kamen Sie dazu, sich in diesem Begleitprogramm zu engagieren?
Das PHZH-Zentrum Kindheiten in Schule und Gesellschaft ist auf Einladung der Integrationsförderung der Stadt Zürich in das Projekt eingestiegen. Meine Kolleginnen Gisela Unterweger und Anja Sieber Egger und ich nutzten die Chance, das Thema Kolonialismus im Kontext der Lehrer:innen-Bildung zu beleuchten. Die Beteiligung war uns wichtig, weil die Lehrer:innen-Bildung in der Schweiz selten als kolonial geprägt thematisiert wird. Pädagogische Hochschulen sind dabei in doppelter Weise in (post-)koloniale Machtverhältnisse verstrickt. Zum einen als Orte, an denen gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse reproduziert werden: Auch in der Lehrer:innen-Bildung werden teils Wissensbestände, pädagogisch legitimierte Unterscheidungspraktiken und Weltbilder vermittelt, die an koloniale Diskurse und Ordnungen anschliessen. Zum anderen sind Institutionen der Lehrer:innen-Bildung Orte, an denen Veränderungen im Schulkontext und auch in der Gesellschaft angestossen werden können, etwa durch ein kritisches Hinterfragen, Bewusstwerden und Sich-ins-Verhältnis-Setzen zum Bestehenden.
Kolonialismus wird mit der Vergangenheit in Verbindung gebracht, die Schweiz wird häufig nicht als ein postkoloniales Land gesehen. Welche post- oder neokolonialen Bezüge sehen Sie – gerade auch zur Lehrer:innen-Bildung – und welche Themen greifen Sie mit der Podiumsdiskussion auf?
Schweizer Historiker:innen, wie Patricia Purtschert, Franceska Falk, Barbara Lüthi, Bernard C. Schär und viele andere haben in ihren umfangreichen Forschungsprojekten zeigen können, dass die Schweiz am transatlantischen Sklaven- und Kolonialhandel und an der (Re-)Produktion des kolonialen Wissens massgeblich beteiligt war. Bis heute prägt diese Beteiligung die Gegenwart der Schweizer Gesellschaft wesentlich mit. Auch die Gegenwart der Bildungsinstitutionen. Eine sehr bedeutsame Hinterlassenschaft des Kolonialismus ist Rassismus. Oder genauer gesagt Rassismen – im Plural. Denn Rassismus nimmt verschiedene Formen an und bleibt nicht nur an «race» gebunden, sondern verwebt sich mit weiteren Kategorien wie Kultur, Sprache, Ethnizität, Nationalität, Religion oder Staatsangehörigkeit. Rassismus wirkt an Schulen und Institutionen der Lehrer:innen-Bildung häufig sehr subtil – über selbstverständlich gewordene Wissensbestände, Routinen, als legitim akzeptierte Praktiken oder institutionelle Ordnungen. Rassismus zeigt sich beispielsweise in institutionalisierten Ungleichbehandlungen an den Übergängen im Bildungssystem, in rassifizierenden Adressierungen und Unterscheidungen, in eurozentrischen Curricula und rassifizierten Bildern und Texten in Lehrmitteln, Schul- und Kinderbüchern. Diese Unterscheidungen, Bilder und Wissensbestände – mit David Goldberg gesprochen «racial knowledge» – haben gravierende Auswirkungen auf Bildungslaufbahnen und gesellschaftliche Teilhabe. Sie dienen der Absicherung und Aufrechterhaltung der bestehenden (global-)gesellschaftlichen Strukturen wirtschaftlicher Ausbeutung und politischer Herrschaft, sind normalisiert und deshalb so schwer anzugehen. Institutionen der Lehrer:innen-Bildung als Orte der Vermittlung von «racial knowledge» zu hinterfragen und zugleich Wege zu erkunden, wie Schule und Lehrer:innen-Bildung rassismuskritischer werden können, ist das Anliegen der Podiumsdiskussion.
Wie kann die Lehrer:innen-Bildung in Richtung einer stärkeren Sensibilisierung für Postkolonialität und Rassismus weiterentwickelt werden und was ist der Gewinn dabei?
Das Konzept des Verlernens von Gayatri Chakravorty Spivak ist in letzter Zeit in deutschsprachigen kritischen Bildungskontexten immer wieder hörbar geworden. Spivak hat bereits in den 1990er Jahren vorgeschlagen, Privilegien zu verlernen und sie als Verlust umzudeuten. Wie gelingt das? Das Verlernen wird von ihr als eine dekonstruktive Praxis beschrieben, die eigene gesellschaftliche Position als historisch geworden zu verstehen und wachsam darüber zu bleiben, was als Wahrheit hervorgebracht wird. Es geht darum zu erkennen, wie Bildung mit Macht und Herrschaft verstrickt ist; denn Ungleichheiten und Rassismus bilden ebenfalls. Zu erkennen, wie wir in Prozesse der Reproduktion von kolonialen und rassistischen Diskursen und Praktiken involviert sind, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer rassismuskritischen Lehrer:innen-Bildung. Ein weiterer Schritt ist das Hinterfragen von institutional whiteness und der – wie Audre Lorde es nennt – «mythischen Norm», also der Ausrichtung von Bildungsinstitutionen an der weiss positionierten, heterosexuell lebenden, leistungsfähigen, sesshaften Mittelschicht. Für Personen, die als von dieser Norm abweichend gelesen werden, gehen institutionelle Verfahren, Praktiken und Arbeitsweisen mit Risiken von Ausschluss und Benachteiligungen einher. María do Mar Castro Varela weist auf einen erforderlichen «epistemischen Wandel» hin – die Notwendigkeit, das «vererbte» und selbstverständlich gewordene Wissen kritisch zu hinterfragen und Bildung durch ein nie aufhörendes Verlernen weniger risikoreich und gewaltvoll werden zu lassen.
