Digitalisierung : Chat-GPT in der schulischen Bildung

Wie muss das Bildungswesen auf Chat-GPT reagieren? Ein NZZ-Gastkommentar von Tobias Röhl, Professor für digitales Lernen und Lehren an der PH Zürich.

Mittwoch, 12. April 2023

Digitale Abstinenz ist sicher keine Lösung. Vielmehr müssen wir an den Schulen einen kompetenten Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten finden.

Dass Schülerinnen und Schüler Texte aus dem Internet zusammenstellen und als die eigenen ausgeben können, sind Lehrpersonen mittlerweile gewohnt. Mit geschickt formulierten und individualisierten Fragestellungen oder dem Einsatz von Plagiatsfindern meint man, geeignete Gegenmassnahmen gefunden zu haben.

Mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz (KI) steht die schulische Aufgabenkultur aber bereits vor der nächsten Herausforderung. Chat-GPT und andere Tools zur automatisierten Texterstellung finden auch für noch so geschickt formulierte und individualisierte Aufgaben eine oftmals plausibel klingende Antwort.

Tools gewinnbringend einsetzen

Was ist nun geboten? Abermals werden Rufe nach technischen Gegenmassnahmen laut. So gibt es bereits erste, ihrerseits auf KI basierende Tools, die erkennen, ob ein Text durch Chat-GPT erstellt wurde. Allerdings hinken derlei Massnahmen den Entwicklungen der «large language models», auf denen auch Chat-GPT basiert, hinterher. Das dahinterstehende Unternehmen, Open AI, arbeitet bereits an der Nachfolgeversion, die noch bessere Ergebnisse verspricht.

Statt sich nun auf dieses technische Wettrüsten einzulassen und auf digitale Abstinenz bei der Bearbeitung von Aufgaben zu pochen, gilt es, sich der neuen digitalen Wirklichkeit zu stellen. Wir leben, arbeiten und lernen in einer Welt, in der Texte und Bilder automatisiert erstellt werden können. Digitale Abstinenz steht unseren Schulen deshalb nicht gut zu Gesicht.

Vielmehr gilt es nun, die Möglichkeiten solcher Tools gewinnbringend zu nutzen. Dies erfordert aber neue Kompetenzen im Umgang mit Informationen. Denn die Antworten, die Chat-GPT auf unsere Fragen gibt, sind zwar oft verblüffend gut, aber eben nicht immer. Teilweise enthalten sie faktische Ungenauigkeiten und logische Irrtümer – oder das System halluziniert Quellenangaben und naturwissenschaftliche Phänomene herbei, die es gar nicht gibt. Und es ersinnt bisweilen Programmcodes, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Ethnie diskriminieren.

Auch ohne solche Fehlleistungen, sind die generierten Texte oft recht konventionell und wenig überraschend. Ihren Gewinn spielen Chat-GPT und Co. dementsprechend vor allem dann aus, wenn kompetente menschliche Autorinnen und Autoren sie nutzen, um im «hybriden» Team aus Mensch und Maschine Texte zu schreiben. Sie können bei der Strukturierung unterstützen, als Ideengeber fungieren oder Stichpunkte und erste Ideen ausformulieren helfen. Auch Dialoge mit fiktiven oder nicht mehr lebenden Personen können simuliert werden.

In der Schule sind dementsprechend unterschiedliche Einsatzgebiete über viele Fächer hinweg denkbar. In Geschichte können die Schülerinnen und Schüler einen Dialog mit Napoleon führen. Im Deutschunterricht kann man Chat-GPT nutzen, um Franz Kafka oder wahlweise Ingeborg Bachmann eine Kurzgeschichte über die Gefahren von Social Media schreiben zu lassen. Mathematische Textaufgaben sind selbstredend ebenso wenig ein Problem wie die Beschreibung eines naturwissenschaftlichen Versuchsaufbaus.

Hierzu müssen die Kinder und Jugendlichen zunächst lernen, mit welchen Eingaben («prompts») man brauchbare Ausgaben seitens der Software erhält. Vor allem gilt es aber in einem zweiten Schritt, die Schülerinnen und Schüler dazu zu ermuntern, die Ausgaben von Chat-GPT nicht nur gegenzulesen und zu überprüfen, sondern auch einzuordnen und zu analysieren. War Napoleon tatsächlich im genannten Jahr auf Elba? Klingt die ausgegebene Kurzgeschichte tatsächlich nach Kafka? Welche stilistischen Elemente sind typisch für Bachmann? Warum hatte Chat-GPT Probleme mit der mathematischen Textaufgabe?

Wie einst beim Taschenrechner

Die allem zugrunde liegende Frage nach der Funktionsweise einer KI schlägt ferner Verbindungen zu Medienbildung und Informatik, wie sie im heutigen Lehrplan für die Deutschschweizer Volksschulen gefordert sind: Was passiert eigentlich im Hintergrund, wenn wir Chat-GPT benutzen? Wer ist eigentlich Autorin eines Textes, wenn wir mithilfe solcher Tools schreiben?

Damit ändert sich auch, wie wir schulische Aufgaben und Prüfungen beurteilen. Weniger das Ergebnis, sondern vielmehr der Prozess, der Weg dorthin stehen zukünftig im Vordergrund. Ein Schüler bearbeitet eine Aufgabe mithilfe von Chat-GPT und dokumentiert, mit welchen Eingaben er zu seinen Texten gekommen ist und wie er mit diesen weiter verfahren ist. Nicht anders ging es bereits dem Mathematikunterricht mit der Einführung des Taschenrechners. Auch dort ist der klug gewählte Lösungsweg mittlerweile wichtiger als das richtige Ergebnis.

Der Gastkommentar erschien erstmals in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12. April 2023.