Einordnung Studienergebnisse : Jugendgewalt nimmt zu – PHZH-Experte ordnet ein
Laut einer aktuellen Studie der Universität Zürich und des Jacobs Center for Productive Youth Development, die mit 4000 Jugendlichen im Alter von 13 bis 19 Jahren durchgeführt wurde, steigt die Zahl der Gewaltdelikte von Jugendlichen seit 2017 wieder stark an. Dies zeigt sich vor allem in den Bereichen sexuelle Gewalt, Mobbing sowie Raub und Erpressung. Auch Belästigungen in den sozialen Medien spielen dabei eine gewichtige Rolle.
Otto Bandli, Dozent und Berater an der PH Zürich und Experte im Bereich Konfliktmanagement und Mobbing, ordnet die Ergebnisse der Studie ein.
Otto Bandli, was hat sie an der neuen Studie am meisten überrascht?
Mir war bewusst, dass die Gewalt in den letzten Jahren etwas zugenommen hat. Aber dass der Zuwachs so drastisch ausgefallen ist, das hat mich doch sehr überrascht. Gerade das Ausmass der Mobbingentwicklung ist erschreckend. Ein Befund, der mich zum Beispiel schockiert hat, ist die Akzeptanz von Homosexualität in der 9. bis 11. Klasse. Diese liegt im Gymnasium bei den weiblichen Jugendlichen bei 91,8 Prozent, bei den männlichen bei 71,9 Prozent. Im Gegensatz dazu liegt sie auf der Sekundarstufe B/C bei 55,2 Prozent bzw. bei 25,3 Prozent. Auf dieser Stufe ist dringend Aufklärungsarbeit nötig.
Wie nehmen Sie die Jugendgewalt im Schulfeld wahr?
Einen grossen Einfluss hat der veränderte Medienkonsum. Jugendliche sagen heute von sich selbst, dass sie zu viele problematische Inhalte auf dem Handy und im Internet konsumieren. Das fällt insbesondere im Bereich der Pornografie auf. So konsumieren gemäss Studie knapp 50 Prozent der männlichen Jugendlichen mindestens einmal pro Woche pornografische Inhalte. Das ist gegenüber 2007 fast eine Verdoppelung. Auch bei den weiblichen Jugendlichen ist der wöchentliche Pornokonsum massiv gestiegen von 0,8 auf 7,5 Prozent. Von hier einen direkten Bezug zur Steigerung der sexuellen Gewalt zu machen, ist zwar schwierig. Aber es lässt sich zumindest eine gewisse Korrelation vermuten.
Welche Auswirkungen hatte die Pandemie?
Die Studie zeigt auf, dass die Gewaltanwendungen schon vor Corona zugenommen haben. Doch hat die Pandemie zusätzlich dazu geführt, dass aufgrund der Isolation die Sozialkompetenz nachgelassen hat und damit auch die Empathiefähigkeit. Meine Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen zeigt, dass diese tendenziell egoistischer geworden sind. Es ist eine Generation, die gelernt hat, die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen und diese so schnell als möglich zu erfüllen. Ich erachte es deshalb als wichtig, dass Beziehungsaspekte verstärkt geübt und gelernt werden müssen. In der Auseinandersetzung mit dem Phänomen Gewalt fällt aber auch auf, dass Gewalt nur von ganz wenigen ausgeübt wird. Viele Jugendliche haben immer noch eine hohe Sozialkompetenz. Aber ein kleiner Teil ist im Umgang wirklich sehr schwierig. Da kommt auch die Inklusionsarbeit an ihre Grenzen.
Welche Massnahmen empfehlen Sie konkret im Umgang mit Jugendlichen?
Eine Empfehlung im Schulbereich hier in Zürich lautet immer wieder, die Schulsozialarbeit zu erhöhen. Dies kann helfen. Aber meiner Meinung nach müssten auch die Lehrpersonen gestärkt werden. Sie brauchen mehr Luft. Heute ist die Heterogenität im Klassenzimmer grösser und die Ansprüche sind aufgrund der Inklusion gestiegen. Die Klassengrösse ist allerdings trotz dieser Komplexität gleich geblieben. Kleinere Klassen können einen beziehungsorientierteren Unterricht eher ermöglichen. Die Lehrperson muss wieder mehr Verantwortung im Klassenzimmer übernehmen können und damit die Schulsozialarbeit entlasten.
Angebote der PH Zürich im Bereich Konflikt, Mobbing und Gewalt
Beratung für Schulen und Behörden
Lehrpersonen, Schulteams, Schulleitungen und Behördenmitglieder können sich im Umgang mit Konflikten, Mobbing und Gewalt beraten und weiterbilden lassen. Die Angebote der PH Zürich umfassen Beratungen, Supervisionen und Coachings für Einzelpersonen oder Teams. Anfragen können telefonisch oder per E-Mail an das Beratungstelefon gerichtet werden.
Persönliche Beratung
Für persönliche Beratungen bzw. Einzelsupervisionen im Bereich Konfliktmanagement und Mobbing steht Otto Bandli (siehe oben), Dozent und Berater an der PH Zürich mit langjähriger Erfahrung in der Konfliktberatung von Klassen, Teams und Schulen, zur Verfügung. Kosten: 180 Franken pro Stunde (exkl. Mehrwertsteuer).
Konflikte offensiv angehen
Haben Sie den Konflikt, oder hat er Sie?
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Weiterbildung für Koordinationspersonen im HSK-Bereich
Fokus Konfliktlösung und Konfliktvermittlung im Bereich Heimatliche Sprache und Kultur (HSK)
Dienstag, 11. Oktober 2022, 17.30–20 Uhr