Wandel in Forschung und Praxis : «Bildungssysteme müssen sich auf grundlegenden Wandel einstellen»
Amanda Datnow, welches sind aktuelle Herausforderungen, für die das Bildungssystem Lösungen finden muss? Welche weltweiten Tendenzen beobachten Sie?
Nach der Covid-19-Pandemie sehen sich die Bildungssysteme mit grossen Herausforderungen konfrontiert. Lernlücken, die bereits vor der Pandemie bestanden, wurden vergrössert, was zu erheblichen Herausforderungen in Bezug auf Chancengleichheit und Zugang zur Bildung führte. Schüler:innen haben vielfältige Bedürfnisse. Diese beschränken sich nicht auf das Lernen, sondern betreffen auch den sozio-emotionalen Bereich, weshalb sich Schulen und Bildungssysteme auf einen grundlegenden Wandel einstellen müssen. Die Umgestaltung des Bildungswesens wird Rollenverschiebungen und neue Formen des Umgangs miteinander mit sich bringen, wenn wir engagiertere Lernumgebungen unterstützen und die Handlungskompetenz von Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern stärken wollen.
Wie soll das passieren? Wie können Forschende zu Lösungen beitragen?
Forschende könnten und sollten eine wichtige Rolle bei der Umgestaltung von Schulen und Bildungssystemen spielen. Um Ressourcen im Transformationsprozess zu sein, müssen Forschende sowohl über disziplinäre Grenzen hinweg zusammenarbeiten als auch sich in wechselseitigen Partnerschaften zwischen Forschung und Praxis mit anderen Interessenvertretern im Bildungsbereich engagieren, einschliesslich Lehrpersonen, weiterer Fachkräfte in Schulen, politischer Entscheidungsträger und Lernender. Diese Partnerschaften sind vielversprechend, um eine Kluft zwischen Forschung und Praxis im Bildungswesen zu verhindern.
Ihre aktuelle Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung von Bildungssystemen. Welche Erkenntnisse oder Beobachtungen lassen Sie hoffen? Auf welche Weise können Bildungssysteme verbessert werden?
Es freut mich besonders, dass die schulischen Mitarbeitenden, mit denen wir zusammenarbeiten, zunehmend daran interessiert sind, Partner:innen in der Forschung zu sein und wissenschaftlich fundierte, evidenzbasierte Praktiken zu übernehmen. Es gibt eine wachsende Zahl von pädagogischem Personal und politischen Entscheidungsträger:innen, die dieses Wissen nutzen wollen, um die Funktionsweise von Schulen und Bildungssystemen grundlegend zu überdenken und neu zu gestalten. Wir stellen fest, dass es sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene einige gemeinsame Themen gibt, wenn sich die verschiedenen Personengruppen an diesem Prozess beteiligen.
Zur Person
Prof. Dr. Amanda Datnow ist stellvertretende Dekanin der University of California San Diego (UCSD) sowie Professorin und ehemalige Leiterin des Department of Education Studies der UCSD. Als Bildungswissenschaftlerin ist sie bestrebt, Wissenschaft und schulische Praxis miteinander zu verbinden. Im Sinne einer Partnerschaft zwischen der Universität und einem Schulkreis hat sie in der Umgebung von San Diego eine lokale Gruppe initiiert, die aus Vertreter:innen der Bildungspolitik, von Schulbehörden, Schulen und der Wissenschaft besteht. Alle Akteur:innen arbeiten kontinuierlich eng zusammen, um die Schule zu verbessern. Wie diese Arbeit konkret aussieht, berichtet sie an ihrem Vortrag «Teacher Sensemaking in an Early Education Research-Practice Partnership» am 19. September 2022 an der PH Zürich.