Bildungswissenschaftliche Forschung : «Eltern sind unter Druck»

Eine Studie der PH Zürich zeigt: Eltern wollen den bestmöglichen Beitrag zur Bildung ihrer Kinder leisten. Für manche Eltern ist dies aber schwieriger als für andere, sagt Oxana Ivanova-Chessex vom Team des Forschungsprojekts.

Montag, 30. Mai 2022

Oxana Ivanova-Chessex, was sind die wichtigsten Ergebnisse der PHZH-Studie «Eltern und Schule im Kontext gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse»?
Für unsere Studie haben wir Lebensgeschichten von über 20 Müttern und Vätern in der Schweiz gesammelt – und diese vor allem mit Blick auf ihre eigenen Schul- und Bildungserfahrungen wie auch auf die ihrer Kinder analysiert. Bei den Analysen zeigte sich, dass Schule immer wieder auch ein Ort ist, an dem gesellschaftliche Machtverhältnisse wirksam werden. Genauso wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen werden hier Unterscheidungen, Normen und Bilder bedeutsam, die historisch gewachsen sind, uns normal erscheinen und bei denen wir zuweilen gar nicht merken, dass sie ausgrenzend und verletzend wirken. Rassismus, Sexismus und Heteronormativität betreffen auch Schule und beeinflussen die Zusammenarbeit mit Familien und Eltern. Für einige Eltern und Familien ist Schule mit verletzenden Erfahrungen – entweder eigenen oder über ihre Kinder – verbunden: Exklusion, stereotype Ansprachen, aber auch Blindheit für ihre spezifisch herausfordernden Ausgangslagen gehören zu ihrem Alltag. Trotzdem tun die meisten Eltern ihr Bestes, wenn es um die Bildung ihrer Kinder geht. Sie befinden sich in einem konstanten Aushandlungsprozess mit Schulen, auch wenn sie als «desinteressiert» oder «schwer erreichbar» wahrgenommen werden und auch, wenn ihr Einsatz am Ort Schule nicht erkennbar ist oder nicht (an)erkannt wird.

Wo liegen die Schwierigkeiten, wenn Eltern vermehrt an Schule und Bildung partizipieren?
Erst einmal ist es unumstritten, dass es sehr sinnvoll ist, wenn Eltern an Schule und Bildung partizipieren. Es wäre aber schön, wenn sie noch häufiger auf eine Schule treffen würden, die ihnen niederschwellig und offen begegnet und nicht an einer Idee von «normalen» Eltern – orientiert an einer Norm einer weissen Mittelschicht – festhält. Denn Schulstrukturen, Abläufe, Logiken und Praktiken orientieren sich – und das ist ein konstanter Befund zahlreicher Studien – nach wie vor an dieser oft unsichtbaren unbewussten Norm. Es wäre wichtig, Eltern nicht zu sehr allein für den Bildungserfolg oder auch ein Scheitern von Kindern und Jugendlichen verantwortlich zu machen, sondern die Verantwortung zu teilen und gemeinsam nach Lösungen und Unterstützung zu suchen. Das ist nicht immer einfach und erfordert auch ein Umdenken. Denn unsere Analysen zeigen: Etablierte Wege der Elternbeteiligung sind nicht für alle zugänglich, es gelingt damit nicht, alle Eltern gleich gut zu erreichen. Eltern, die bezogen auf die schulische Normalität privilegierter sind, haben mehr Spielräume und Einflussmöglichkeiten als Eltern, die andere Sprachen sprechen, andere Bildungserfahrungen mitbringen, in anderen beruflichen Tagesrhythmen und sozialen Kontexten leben. Die Lebenssituationen und Bildungsgeschichten von Kindern und deren Familien sind häufig deutlich vielfältiger als diese Norm. Das ist offensichtlich, aber in der Schulpraxis ist es, sogar für die engagiertesten Lehrpersonen, oft gar nicht so einfach, sich den oft unbemerkt wirkenden strukturellen Zwängen der Schule zu widersetzen.

Hat sich das Verhältnis zwischen Eltern und Schule respektive die Perspektive der Eltern auf die Schulen verändert?
Eltern sind unter Druck. Zum einen, weil gesellschaftliche Vorstellungen von guten Kindheiten zunehmend an die Idee einer Bildungskindheit gebunden sind. Bildung wird zentral, zu einer Art Zauberformel, die Kindern und deren Familien gesellschaftlichen Erfolg verspricht und an der vermeintlich dann auch die Qualität der Erziehungs- und Bildungsleistung der Eltern gemessen wird. Dieses Bild von einer guten Kindheit verschränkt sich mit einer zunehmenden gesellschaftlichen Adressierung der Eltern als Bildungsverantwortliche. Das hat unter anderem mit Ökonomisierungsprozessen im Bildungsbereich zu tun und der Verlagerung von Verantwortung für Bildungserfolg oder -misserfolg aus dem öffentlichen Bereich ins Private. Wenn es darum geht, (Miss)Erfolge mit Blick auf Kinder und Jugendliche zu erklären, hören wir immer noch häufig, dass es auf den elterlichen Einsatz oder auch die familiale Herkunft ankommt. Strukturelle Rahmenbedingungen, Privilegien, diskriminierende Strukturen und auch Diskriminierungserfahrungen werden häufig nicht thematisiert. Aus unserem «KiSPoLock»-Projekt wissen wir auch, dass sich diese Verantwortungsverlagerung während der Corona-Pandemie zuspitzte. Daraus resultiert die Gefahr, dass sich Bildungsungleichheiten verschärfen, denn Familien haben ungleiche Ausgangslagen und Ressourcen, um auf diese gesellschaftlichen Erwartungen zu reagieren. Die normative Forderung nach einer «Partnerschaft auf Augenhöhe» verschleiert gesellschaftliche und fachliche Ungleichheiten, die das Verhältnis zwischen Eltern und Schule vorstrukturieren.

Sie haben in Ihrer Studie mit rund 20 Müttern und Vätern gesprochen. Welche Familiengeschichte ist Ihnen geblieben oder hat Sie besonders beeindruckt?
Lebensgeschichten sind etwas Faszinierendes und jede Geschichte ist einzigartig. Die Erzähler:innen machen sich oft fragil und verletzlich, öffnen sich einem Blick von aussen. Zugleich verweisen Lebensgeschichten nicht nur auf Erfahrungen einzelner Individuen, sondern auch auf gesellschaftliche Ereignisse, Phänomene, Muster und Dynamiken, die mit diesen Erfahrungen verknüpft sind. Migration ist ein solches Phänomen und ich muss gerade an eine Mutter denken, eine sehr beeindruckende Frau. Sie ist in Eritrea geboren und aufgewachsen und geriet als junge Unternehmerin aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit in Konflikt mit dem Staat. Sie war deswegen im Gefängnis und entschloss sich dann, mit ihrer damals noch kleinen Tochter, in die Schweiz zu kommen. Nach einigen Jahren auf der Flucht, wo sie es unter anderem schaffte, mithilfe der Gründung eines Cafés zu überleben, gelang es ihr schliesslich, in die Schweiz zu kommen. Im Interview zeigte sie sich als eine starke Person, die unter sehr schwierigen Lebensumständen handlungsfähig geblieben war, als Unternehmerin und Mutter, die für ihre Tochter sorgt und Probleme anpackt. Bezogen auf die Schule, insbesondere am Übergang ihrer Tochter auf die Sekundarstufe, stellte sie jedoch fest: Sie ist auf Hilfe angewiesen, weil sie erkannte, dass nicht allein die Leistungen ihrer Tochter zählen, wenn die Weichen für die spätere Laufbahn gestellt werden. Letztlich ging dies dank einer helfenden Person gut. Aber diese Geschichte beschäftigte sie sehr, sie stellte fest, dass nicht allen die gleichen Chancen und Wege zu- und offenstehen. Sie fragte: Müsste das System bei gleichen Chancen für alle nicht ohne zusätzliche Hilfe von aussen funktionieren? Diese grundlegende, strukturelle Kritik an den Machtverhältnissen beeindruckte uns sehr und brachte uns zum Nachdenken.

Was müssten Schulen konkret tun, um diese Situation zu entspannen?
Lehrpersonen und Schulleitungen tun bereits sehr viel, um die Zusammenarbeit mit Eltern sinnvoll zu gestalten. Viele dieser Überlegungen und Praktiken versuchen aber die Frage zu beantworten, wie Eltern besser erreicht werden können. Vielleicht ist es sinnvoll, diesen gedanklichen Fokus zu erweitern und zu fragen: Wie können wir uns als Schule verändern, um ein geschützter und weniger risikoreicher Raum für alle Eltern und Kinder zu werden? Auch das tun bereits einige Lehrpersonen und Schulleitungen. Dennoch: Es lohnt sich, sich mit den strukturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Schule zu beschäftigen und darüber systematisch nachzudenken. Denn der Glaube oder die Hoffnung, dass die Schule ein «neutraler» Ort ohne Ungleichheiten ist, erschwert es leider manchmal, sich damit auseinanderzusetzen, dass es intersektional verschränkte Diskriminierungen gibt. Es lohnt sich auch, die institutionelle Whiteness von Schule zu reflektieren. Auch über die eigenen Privilegien und die eigenen Handlungsspielräume bei der Verminderung von Ungleichheiten nachzudenken, kann sehr bereichernd sein. Und es ist gewinnbringend, schulische Räume zu ermöglichen, in denen über Verletzungen, Ausgrenzungen und Diskriminierungen gesprochen werden kann, ohne wieder verletzt zu werden. Das gilt übrigens genauso für die Institutionen der Lehrer:innenbildung. Eine systematische Reflexion unserer eigenen Involviertheit in Diskriminierungsverhältnisse sollte zu einem festen Element der pädagogischen Professionalisierung werden, genauso wie ein fundiertes Wissen über gesellschaftliche Differenz- und Machtverhältnisse, die leider, so bestätigt auch unsere Studie wieder, keinen Halt vor der Schule machen.

Weitere Informationen

Vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Forschungsprojekte an der PH Zürich

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