Forschungsprojekt : «Kinder ordnen Spiele rasch einem Geschlecht zu»

Wie kann das Raum- und Spielangebot im Kindergarten gendersensibel gestaltet werden? In einem Forschungsprojekt wurden Anregungen zusammengestellt.

Mittwoch, 10. August 2022

Im Forschungsprojekt «Genderreflektiertes Raum- und Spielangebot im Kindergarten» haben Christa Kappler und Patricia Schär von der PH Zürich erforscht, wie das Raum- und Spielangebot mit wenig Aufwand und einfachen Mitteln gendersensibel gestaltet werden kann. Im Interview geben die beiden Forscherinnen einen Einblick in das Projekt.

Welche Rolle spielt das Raum- und Spielangebot im Kindergarten­alltag?
Patricia Schär: Kindergartenlehrpersonen achten in der Regel auf eine kindgerechte Gestaltung und darauf, dass sich die Kinder im Raum wohlfühlen. Dem Geschlechtsaspekt kommt aber häufig wenig Aufmerksamkeit zu. Das Raum- und Spielangebot im Kindergarten kann für Kinder jedoch unbeabsichtigte Botschaften aussenden. Gleichzeitig ordnen Kinder Spielbereichen oder Spielsachen sehr schnell und rigide einem Geschlecht zu. Dies gilt es möglichst zu vermeiden, denn sonst kann es vorkommen, dass Kinder mit geschlechtsuntypischen Spielsachen nicht spielen, obwohl diese ihren Interessen eigentlich entsprechen würden. Das soll nicht heissen, dass Kinder gezwungen werden sollen, geschlechtsuntypische Spiele zu spielen, sondern vielmehr, dass ihr Erfahrungsspielraum nicht eingeengt werden soll. Letztlich sollen sie sich so ausleben und entfalten können, wie es ihren individuellen Vorlieben und Fähigkeiten entspricht.

Wie sah das Projekt aus? Was genau wurde erforscht?
Christa Kappler: Ziel des Forschungsprojekts war es, Lehrpersonen bei der Analyse und Reflexion ihres Raum- und Spielangebots zu unterstützen. Dazu haben wir Reflexionsfragen entworfen, mit denen das Raum- und Spielangebot geprüft werden kann und eruiert werden kann, wo möglicherweise Geschlechterstereotypen reproduziert werden. Weiter haben wir uns damit beschäftigt, wie ein genderreflektiertes Raum- und Spielangebot im Kindergarten gestaltet werden kann und daraus ein Handout mit Anregungen zusammengestellt. Sechs Lehrpersonen haben anhand dieser zwei Dokumente ihr Raum- und Spielangebot geprüft und umgestaltet. In einem Telefoninterview nahmen sie Stellung zur Auswahl und zur Handhabung der Anregungen und gaben Auskunft zu den beobachteten Veränderungen. Daraus ist ein praxiserprobtes Instrument entstanden, das an interessierte Lehrpersonen und pädagogisch Tätige weitergegeben werden kann.

Wie kam das Projekt im Schulfeld an?
Patricia Schär: Die Lehrpersonen schätzten die Niederschwelligkeit und Vielseitigkeit der Anregungen und veränderten ihr Raum- und Spielangebot passend zu den Gegebenheiten. Empfehlenswert ist zum Beispiel, dass Spielbereiche im Laufe eines Klassenzuges nicht immer gleich angeordnet sind. Oft bewirkt eine neue Ordnung auch eine andere Gruppenkonstellation und somit eine neue Durchmischung der Kinder. Auch das Zusammenlegen zweier Bereiche (zum Beispiel Puppenhaus und Bauecke) erwies sich als sehr einfach in der Umsetzung und wirkungsvoll bezüglich des Spielverhaltens der Kinder. Handelte es sich um zwei Bereiche, die von den meisten Kindern einem Geschlecht zugeordnet wurden, schuf das Zusammenlegen einen neuen, grösseren, neutraleren Bereich. Eine bewusste Spielbeteiligung der Lehrperson haben wir ebenfalls empfohlen, da dies die Kinder motiviert, an ungewohnten Orten mitzuspielen und Neues auszuprobieren.

Zu den Personen

Porträtfoto von Dr. Christa Kappler

+41 43 305 68 14

Porträtfoto von Dr. Patricia Schär

+41 43 305 58 51