AKTUELLAusgabe 3/2025 : «Motorisch kompetente Kinder sind sozial besser integriert»
Die PH Zürich erforscht das Zusammenspiel von motorischer und sozial-emotionaler Entwicklung bei Kindern und deren Einfluss auf Teilhabe und Wohlbefinden. Studienleiter Christian Herrmann erklärt, welche Bedeutung die Ergebnisse für ein ganzheitliches Verständnis der kindlichen Entwicklung haben.

- Christian Herrmann, verschiedene aktuelle Forschungsprojekte der PH Zürich untersuchen die motorischen Kompetenzen von Kindern. Welche Bedeutung haben diese für Kinder?
- Motorische Basiskompetenzen sind entscheidend, damit Kinder überhaupt an Bewegung, Spiel und Sport teilnehmen können. Wenn ein Kind zum Beispiel nicht prellen oder dribbeln kann, wird es auf dem Pausenplatz vielleicht eher ausgeschlossen. Motorisch kompetente Kinder sind motivierter, sich mit ihren Freunden zu bewegen und Sport zu treiben. Das fördert nicht nur die sozialen Interaktionen, sondern stärkt auch wichtige gesundheitsbezogene Ressourcen – und erhöht damit die Chance, dass sie langfristig einen aktiven und gesunden Lebensstil entwickeln.
- Wie untersuchen Sie die motorischen Basiskompetenzen der Kinder?
- Dafür haben wir einen spezifischen Test entwickelt, der sich am Lehrplan 21 orientiert – die sogenannten MOBAK-Testinstrumente. MOBAK steht dabei für Motorische Basiskompetenzen. Das Besondere daran ist, dass es für jede Altersstufe eine angepasste Version gibt, die genau auf den jeweiligen Entwicklungsstand der Kinder zugeschnitten ist. So gibt es Testinstrumente für den Kindergarten, für die 1. und 2. Klasse, die 3. und 4. Klasse sowie für die 5. und 6. Primarschulklasse.
- Welche Ziele verfolgt ihr mit den MOBAK-Testinstrumenten?
- Am Anfang stand die Frage: Was können Schweizer Kinder in den unterschiedlichen Jahrgangsstufen überhaupt? Dazu gab es bislang keine Daten. Können Kinder in der ersten Primarklasse zum Beispiel noch einen Purzelbaum? Oder gelingt es Kindergartenkindern, einen Ball mit der Hand zu prellen? Uns ging es also darum, ein schweizweites Monitoring aufzubauen, das auch Lehrpersonen Orientierung gibt, welches motorische Leistungsniveau sie von den Kindern realistischerweise erwarten können.
- Und wie steht es nun um die motorischen Basiskompetenzen der Schweizer Schüler:innen?
- In unserer Studie «Entwicklung motorischer Basiskompetenzen in der Kindheit (EMOKK)», die wir mit den MOBAK-Testinstrumenten durchführten, konnten wir die motorischen Basiskompetenzen von rund 7000 Kindergarten- und Primarschulkindern in der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz erfassen. Über fünf Jahre hinweg haben wir diese Kinder sowie ihre Eltern und Lehrpersonen begleitet. Die gute Nachricht ist: Schüler:innen in der Schweiz schneiden überwiegend zufriedenstellend bis gut ab. Je nach Jahrgangsstufe verfügen etwa 80 Prozent der Kinder über ausreichende motorische Basiskompetenzen. Allerdings sehen wir auch, dass 15 bis 20 Prozent der Kinder nur über geringe motorische Basiskompetenzen verfügen. Insgesamt zeigen sich bereits im Kindergarten und in der Primarschule grosse Unterschiede im Bewegungskönnen – eine Herausforderung, mit der Lehrpersonen im Sportunterricht umgehen müssen.
- Wie kommen diese Kompetenzunterschiede zustande?
- Wir sind derzeit dabei, den umfassenden EMOKK-Datensatz auszuwerten. Erste Ergebnisse zeigen, dass die motorische Entwicklung von Kindern nicht nur von individuellen Faktoren wie Geschlecht oder dem familiären Hintergrund sowie schulischen Bedingungen beeinflusst wird. Besonders stark wirken sich ausserschulische Faktoren aus – allen voran das Engagement im Vereinssport. Gerade hier wird deutlich, dass das Fach Bewegung und Sport eine Besonderheit aufweist: Motorische Kompetenzen werden nicht ausschliesslich in der Schule erworben, sondern in erheblichem Masse auch ausserhalb, wo Kinder ihr Können vertiefen und trainieren.
- Braucht es dann den Sportunterricht überhaupt noch?
- Unbedingt – denn nur in der Schule erreichen wir alle Kinder, unabhängig von Herkunft, Familie oder individuellen Voraussetzungen. Dort haben wir die Chance, sie in ihrer motorischen, aber auch persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Deshalb geht es uns nicht darum, nur zu messen. Vielmehr möchten wir den Lehrpersonen konkrete Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie ihre Schüler:innen gezielt und individuell fördern können. Ein Beispiel dafür ist die digitale MOBAK-App, die wir für Lehrpersonen entwickelt haben: Sie verbindet eine Diagnose auf Basis der MOBAK- Testaufgaben mit einem grossen Pool an passenden Lernaufgaben. Diese Kombination von Diagnose und Förderung sehen wir als wichtigen Schritt in Richtung eines adaptiven und wirksamen Sportunterrichts.
- Sie sagen, es gehe dabei neben der motorischen auch um die persönliche Entwicklung der Kinder?
- Wir konnten Zusammenhänge zwischen den motorischen Basiskompetenzen und überfachlichen Kompetenzen nachweisen. Motorisch kompetente Kindergarten- und Primarschulkinder sind in ihren Klassen sozial besser integriert, zeigen ein höheres Selbstkonzept und berichten über ein gesteigertes körperliches Wohlbefinden. Insbesondere bei Primarschulkindern scheint es einen Zusammenhang zwischen dem Bewegungskönnen und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität zu geben.
- Wie geht es nun weiter?
- Wir versuchen, die motorische Entwicklung von Kindern besser zu verstehen und zu erklären. Besonders interessiert uns dabei das Zusammenspiel von Aspekten der Gesundheit, sozial-emotionalen Kompetenzen und den motorischen Basiskompetenzen. Mit unserem aktuellen MOSAIK-Projekt – Motorische und sozial-emotionale Entwicklung bei Kindern – richten wir den Fokus auf den Zusammenhang zwischen motorischer und sozial-emotionaler Entwicklung. Damit wollen wir zu einem ganzheitlicheren Verständnis von kindlicher Entwicklung beitragen.


