International : Ukraine – so unterstützt die PH Zürich
Corinne Pernet, wie kann die PH Zürich als Hochschule mit der Ukraine solidarisch sein?
Bevor wir zum Wie kommen, sollten wir noch das Warum klären. Denn man kann sich zu Recht fragen, warum sich eine Hochschule zu internationalen Krisen positionieren sollte. Für die einen ist das eine Frage der Beziehungen in betroffenen Regionen, für die anderen eine Frage der Grundwerte. Sicher hat es etwas mit dem Selbstverständnis zu tun, ob eine Hochschule sich als Teil eines internationalen Netzwerks versteht oder ihre Rolle eher lokal sieht. International besonders stark vernetzte Hochschulen wie die ETH oder die Universität Zürich mussten somit fast sofort reagieren. Für die PH Zürich ist die Situation etwas anders, aber auch für uns ist eine Positionierung wichtig. Solidarisch sein heisst für mich als Leiterin der Abteilung Internationale Bildungsentwicklung, einerseits die ukrainischen Kolleg:innen, Ausbildner:innen und Lehrpersonen konkret zu unterstützen, andererseits die Expertise der PH Zürich im Umgang mit dem Thema Krieg und Migration sowie im Umgang mit Geflüchteten zur Verfügung zu stellen.
Welchen Bezug hat die PH Zürich zur Ukraine?
Die Abteilung Internationale Bildungsentwicklung pflegt seit zwölf Jahren enge Beziehungen zu verschiedenen ukrainischen Institutionen für die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen und Beamten des Bildungswesens. Unser wichtigstes Projekt in der Ukraine ist zurzeit DECIDE, ein Demokratiebildungsprojekt, das in Zusammenarbeit mit einer ukrainischen Nichtregierungsorganisation durchgeführt wird. Vom Bund beziehungsweise der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) finanziert, hat das Projekt zum Ziel, die Ukraine bei der Umsetzung der Europarats-Charta zur politischen Bildung und Menschenrechtsbildung zu unterstützen. Das Projekt konzentriert sich auf die Dezentralisierung der Schulstrukturen und die damit verbundenen Reformen für die New Ukrainian School. Demokratie hat grundsätzlich mit der Frage zu tun, wie man gemeinsam Lösungen für relevante gesellschaftliche Probleme findet. Ein Staat kann Rahmenbedingungen bereitstellen, aber Lösungen für Nachbarschaften mit unterschiedlichen ökonomischen Bedingungen und für Schulen mit ihren je spezifischen Profilen müssen dezentral gefunden werden. Gerade in den vergleichsweise neuen dezentralen Strukturen der Ukraine ist unsere Expertise bezüglich Schulführung und Unterrichtsgestaltung somit sehr gefragt.
Was bedeutet der Krieg gegen die Ukraine für das Projekt?
Vor einem Monat waren wir noch dabei, Mentor:innen für das Projekt in den vier Provinzen Luhansk, Poltawa, Iwano-Frankiwsk und Odessa zu rekrutieren. Heute verbinden wir diese Namen mit Kriegshandlungen, zerstörten Städten und einer Zivilbevölkerung, die um ihr Leben bangt. Das Projekt ist natürlich sistiert und wir müssen damit rechnen, dass es – je nach Ausgang des Kriegs – ganz abgebrochen wird.
Und die Projektpartner:innen? Besteht Kontakt zu ihnen?
Die Projektpartner:innen sind teils in den Westen der Ukraine oder aufs Land geflüchtet, teils harren sie unter äusserst prekären Umständen in Kiew aus. Wir sind zutiefst besorgt um sie alle. Über WhatsApp bekommen wir Bruchstücke des Albtraums mit, den unsere Kolleg:innen erleben. Sie erzählen, wie sie – während sie den Notkoffer packen – ihren Kindern erklären, was diese tun sollen, wenn die Eltern sterben. Oder sie schicken uns Fotos von den Notvorräten, mit denen sie die nächsten Wochen überleben sollen.
Woran arbeitet die PH Zürich aktuell konkret, um zu helfen?
Die Situation ist noch sehr unübersichtlich; im Moment unterstützen wir die Kolleg:innen insbesondere auf persönlicher Ebene. Als Abteilung sind wir zudem dabei, Angebote für Geflüchtete zu entwickeln, auch für den Einsatz in umliegenden Ländern wie der Moldau oder Rumänien. Unsere Hochschule kann aber auch im Zürcher Umfeld wirken. Erfreulicherweise ist spontan und «bottom-up» schon einiges zusammengekommen: Dozierende der Fachdidaktik haben den Krieg gegen die Ukraine mit Studierenden thematisiert, andere haben Linksammlungen für Lehrpersonen zusammengestellt, und auch für Schulleitungen gibt es praktische Handreichungen. Die Hochschulleitung unterstützt diese Initiativen.
Wie genau steht die PH Zürich im Austausch mit den Schulen des Kantons Zürich?
Letzte Woche hat sich das kantonale Volksschulamt nach Unterstützungsangeboten bei uns erkundigt, insbesondere nach Beratungsangeboten für Lehrpersonen. Es geht dabei um den Umgang mit der Gesamtsituation und – ganz konkret – mit ukrainischen Schüler:innen auf der Flucht. Das Volksschulamt möchte die diversen Akteure vernetzen, Ressourcen teilen und im Schulfeld bekanntmachen. Wir könnten auch geflüchtete ukrainische Lehrpersonen weiterbilden, damit sie zum Beispiel als Klassenassistenzen betroffene Schulkinder unterstützen. Diese Arbeit steht aber noch am Anfang, und vieles ist noch offen. Nicht zuletzt klären wir zurzeit ab, wie die PH Zürich Forschende aus den Erziehungswissenschaften aufnehmen kann – Möglichkeiten bestehen hier in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Nationalfonds und der Organisation Scholars at Risk.
Wie kann das Engagement der PH Zürich in der Ukraine dereinst weitergehen?
Der Krieg gegen die Ukraine ist auch ein Krieg gegen demokratische Strukturen, gegen Selbstbestimmung – und der Ausgang ist leider ungewiss. Wir können nicht abschätzen, ob wir unser Engagement in der Ukraine irgendwann fortsetzen können. Unsere Deza-Projekte zur Demokratiebildung sind im Bereich Gouvernanz und Friedensförderung verortet. Auch wenn wir nicht in der Ukraine werden weiterarbeiten können, die Themen Demokratiebildung und gelebte demokratische Alltagskultur werden in der Region und in unserem Wirken zentral bleiben.


